Verminderte Leistungsfähigkeit der Truppen. 481 tretende Tätigkeit. Wie schwierig und verantwortungsvoll sie aber bei überaus knappen eigenen Mitteln war, zeigten die beiden ernsten Rück¬ schläge vor Verdun mit erschreckender Deutlichkeit. Cs galt nicht nur, den Feind richtig einzuschätzen, sondern mehr und mehr begann auch die Be¬ urteilung der Leistungsfähigkeit der eigenen Truppen eine entscheidende Rolle bei der Kräftebemessung zu spielen. Wohl waren fast alle deutschen Divisionen in ihrer Gliederung, zahlenmäßigen Stärke, Bewaffnung und Ausrüstung allmählich ziemlich gleich, nicht aber in ihrem Kampfwert. Bei weitem nicht alle waren für den Großkampf geeignet, und bei denen, die es an sich waren, wechselte die Leistungsfähigkeit dauernd. In den Materialschlachten vor Verdun und an der Somme war der bis dahin unbekannte Begriff „abgekämpfter" Truppen entstanden. In den schon seit Juli allwöchentlich von den Heeresgruppen und Armeen ein- zureichenden Beurteilungen der Lage ließ sich die Oberste Heeresleitung seit Anfang November') auch über Kampfwert, Einsatzfähigkeit oder Ab- lösungsbedürfnis jeder einzelnen Division berichten. Die Rot war so groß, daß man buchstäblich von der Hand in den Mund lebte. Nach Auffüllung und kurzer, meist völlig unzureichender Ruhe oder Einsatz an stilleren Fronten mußten die Truppen wieder in den Großkampf geschickt werden. Die Kräfte der meisten und gerade der an sich besten Divisionen waren dadurch in einer Weise beansprucht worden, daß ihre Leistungsfähigkeit stark herabgesetzt war. Abgesehen vom Ausfall oft der tüchtigsten Führer und Mannschaften war die Siegeshoffnung und damit vielfach auch die Kampfbereitschaft nicht mehr die alte. Man sah kein Ende des ungleichen Ringens. Ein Erlaß des Kaisers an die obersten Kommandobehörden vom 3. Rovember 1916, kurz nach dem ersten Verdun-Anglück, begann mit den Worten: „So sehr ich die außerordentlichen Leistungen der Truppe aner- kenne, kann ich mich doch der Tatsache nicht verschließen, daß die Länge und Wirkung des Krieges und die gewaltigen Einflüsie der modernen Dauerschlachten auf die menschliche Natur die Gefahr in sich bergen, die Widerstandsfähigkeit der Truppe, insbesondere der Infanterie, zu ver- mindern." Cs sei geboten, die Ausbildung der Truppe auf voller Höhe zu erhalten, wobei der Förderung der Dienstfreudigkeit ein ganz besonders hoher Wert beizumeffen sei. Auch die Nachrichten aus der Heimat waren keineswegs geeignet, die Stimmung an der Front zu heben. Die Ernährungslage hatte sich seit dem Sommer in besorgniserregender Weise verschlechtert. Die Kar- toffelernte mißriet; zum ersten Male drohte eine Hungersnot. Sie wurde S. 97. Weltkrieg. XI. Band. 31