Anterseekrieg: Frage der Verantwortlichkeit^ 451 Er verstehe diesen Standpunkt durchaus, bitte aber doch noch um Klar¬ stellung, wie weit denn nun die Verantwortung der Obersten Heeres¬ leitung in der Frage des Unterseekrieges tatsächlich reiche. In seiner Antwort vom 6. Oktober legte der Kanzler seine Auf- e. »»<>»«. fassung nunmehr dahin fest: „Ein Befehl Seiner Majestät des Kaisers zur Eröffnung des rücksichtslosen U-Boot-Krieges ist an sich ein Ausfluh mili¬ tärischer Kommandogewalt. Da sich indessen der rücksichtslose U-Boot-Krieg nicht nur gegen feindliche, sondern auch gegen neutrale Schiffe richtet, greift er unmittelbar in unser Verhältnis zu den neutralen Staaten ein und stellt insofern einen Akt auswärtiger Politik dar. Überdies kann der rücksichtslose U-Boot-Krieg erst eröffnet werden, nachdem unsere den Vereinigten Staaten von Amerika gegebenen Zusagen über die Führung des Untersee- krieges zurückgezogen und unsere mit Dänemark und Schweden getroffenen Vereinbarungen entsprechend modifiziert sein werden. Auch das sind Akte der auswärtigen Politik, für die ich, falls sie von Seiner Majestät befohlen werden, die alleinige und nicht übertragbare verfassungsmäßige Verant- wortung zu tragen habe, auch wenn für meine dereinstige Stellungnahme das Urteil Euerer Exzellenz, wie ich wohl nicht ausdrücklich hervorzuheben brauche, von ganz besonderer Bedeutung sein wird." ^Gegen diese Auffassung hatte die Oberste Heeresleitung nichts einzuwenden. Sie entsprach insofern auch ihren Wünschen, als sie ohnehin sich von jeder politischen Betätigung fernhalten wollte. Nun hatte sich in weiten Kreisen des deutschen Volkes schon seit län° gerer Zeit mehr und mehr die Meinung durchgesetzt, daß zur siegreichen Be- endigung des Krieges die Aufnahme des uneingeschränkten Unterseekrieges erforderlich sei. Im Reichstage war jedoch bisher keine Mehrheit für diesen Gedanken vorhanden gewesen. Das hatte sich zu ändern begonnen, seit Generalfeldmarschall von Hindenburg die Leitung der Operationen übernommen hatte. Durch Beschluß vom 7. Oktober 1916 erklärte sich die Zentrumspartei für den uneingeschränkten Unterseekrieg, „sobald ihn Hinden- bürg und Ludendorff verlangen würden". Dadurch war in Verbindung mit den Rechtsparteien eine Mehrheit für die Entschlüsse der Obersten Heeres- leitung gesichert. „Das Parlament hatte" — wie Reichskanzler von Beth- mann Hollweg es ansaht) — „in der Frage des U-Boot-Krieges auch die politische Macht der militärischen Gewalt übertragen." c) Unterseekrieg nach Prisenordnung. Unterdessen hatte Admiral von Holtzendorff den Entschluß gefaßt, den Handelskrieg mit Unterseebooten wenigstens in der ein- i) von Bethmann Hollweg: „Betrachtungen zum Weltkriege", 2. Teil, S. 128. 29*