Rückzugskämpfe. 595 nachdrängenden Feind bis in eine östlich des Styr und dann längs des Sereth nach Süden laufende Linie zurückgewichen, hielt also mit ihrem Südflügel immer noch österreichisches Gebiet besetzt. Den Kämpfen auf diesem Kriegsschauplatz matz die russische Oberste Heeresleitung aber schon seit einiger Zeit nur noch örtliche Bedeutung bei. Die Armeen der Südwest¬ front dienten ihr vor allem als Quelle für die Verstärkung der nördlichen Fronten, an die sie von Juni bis Ende August bereits 13%, Divisionen ab¬ gegeben hatten und noch vier weitere abgeben sollten; so waren sie seit Mitte Juli alles in allem um 40 vom Hundert ihres Bestandes geschwächt worden. An der Gesamtlage vermochte die neue Oberste Heeresleitung nichts «.vis22.sep- zu ändern; auch sie konnte zunächst nur versuchen, das Zeitmatz des Rück- tem6er' zuges zu verlangsamen. Zn ihrer ersten, am 8. September ausgegebenen Weisung hiess es, daß die Kraft der feindlichen Angriffe auf der ganzen Front nachgelassen habe; der Gegner folge mit zum Teil starken Vorhuten in der Hauptsache längs der Strotzen; dem sei bei der Abwehr Rechnung zu tragen. Überschnelles Ausweichen müsse vermieden werden, um die Zurückführung von Vorräten und Flüchtlingen zu sichern. Als sich dann der am 9. September einsetzende deutsche Angriff nord¬ westlich Wilna zu äußerst bedrohlicher Umfassung des Rordflügels der Westfront aufwuchs1), mußte die Oberste Heeresleitung am 17. September den Rückzug dieser Front in die Linie Michalischki—Nowogrodek— Varanowicze—Oginski-Kanal befehlen. Auch von der inzwischen bei Molodeczno und östlich sich sammelnden neuen 2. Armee erhoffte sie nur eine Wiederherstellung, aber keine entscheidende Wendung der Lage. So wurde bereits am 22. September der weitere Rückzug in die Linie Rarocz-See—Smorgon und südlich angeordnet, so daß die Front hier schließlich dicht östlich von Varanowicze und Pinsk verlief. Die SüdwestfroE) hatte man inzwischen bewußt sich selbst überlasten, trotz warnender Meldungen des Generals Iwanow, der angesichts der österreichisch-ungarischen Offensive gegen Rowno vor allem um seinen rechten, die Richtung nach Kiew deckenden Flügel besorgt war. Als dann aber die Westmächte gegen Ende September in Frankreich zum großen Ent¬ lastungsangriff schritten, griffen auch die Russen gegen Luck wieder an, in der Hoffnung, Rumänien für sich zu gewinnen und Serbien zu helfen, dem des Zaren Regierung in den entscheidenden Tagen des Juli 1914 zur Unnachgiebigkeit gegen Österreich-Ungarn geraten hatte. Da an der Angriffsstelle keine deutschen Truppen mehr gegenüber¬ zustehen schienen, machte „das Zutrauen zum eigenen Können und der i) Näheres s. S. 525 ff. — -) Näheres s. S. 585 ff. 38*