506 Die Operation des Oberbefehlshabers Ost gegen Wilna. >4. September. Entblößung des Raumes zwischen der 10. und Nje men-Armee Hatto ihn bereits am Vormittage veranlaßt, der letzteren die Entsendung der bayerischen Kavallerie-Division nach Dukschty zu befehlen, von wo die 9. Kavallerie-Division nach Süden weggezogen war; nachmittags forderte er darüber hinaus Sicherung der 10. Armee gegen russische Kräfte, die über Widsy vorrücken könnten. Aber die Lage bei dieser Armee heißt es am 14. September in seinem Kriegstagebuch: „Auch bei der 10. Armee greift der Oberbefehlshaber Ost ein. Der rechte Flügel ist erneut auf stark aus¬ gebaute feindliche Stellung gestoßen, weiter nördlich unverändert. West- und Nordfront greifen nicht energisch an." Der Gegner habe freie Hand, seine bei Wilna stehenden starken Kräfte nach Nordosten gegen die drohende Umfassung zu werfen; „er hat den kürzeren Weg". Außerdem aber wußte man aus aufgefangenen Funksprüchen, daß eine neu zusammengesetzte russische 2. Armee (XXVII., IV. sibirisches, XIV., XXXVI. Korps und eine Kavallerie-Division^)) von der Mitte der feindlichen Gesamtfront nach Molodeczno—Smorgon überführt werden solle, und wollte daher die eigene Operation, wie Generalleutnant Ludendorsf am Fernsprecher dem General- stabschef, Oberst Hell, darlegte, zum günstigen Abschluß bringen, bevor sich die neue russische Armee bemerkbar machen könne. Weiteres Ver¬ schieben der 10. Armee nach links sei daher untunlich. „Höchste Eile" — so ist das Ferngespräch im Kriegstagebuch der 10. Armee weiter wieder¬ gegeben^) — „sei geboten, um der Gefahr einer Einwirkung feindlicher Kräfte gegen Ostflanke und Rücken der 10. Armee zuvorzukommen. So¬ fortiges Abdrehen sämtlicher Kräfte der Armee aus dem zur Zeit ge¬ wonnenen offenen Halbkreise zu konzentrischem Angriff auf Wilna sei unbe¬ dingt geboten. Vormarsch der 2. Infanterie-Division aus der erreichten Gegend in unmittelbar westlicher Richtung habe die äußerste Begrenzung des Angriffs zu geben." Demgegenüber vertrat Oberst Hell die Ansicht, daß nur dann ein durchschlagender Erfolg erreicht werden könne, wenn dem Gegner durch möglichste Schließung des Ringes jede Möglichkeit des Entkommens genommen werde, und daß die Durchführung weiterer Ver¬ schiebung der Kräfte nach links auch tunlich erscheine, da eine unmittelbare x) Die Annahmen stimmten. 2) Andere Aufzeichnungen darüber fehlen in den Akten. Dagegen hat Oberstleut¬ nant Hoffmann am 13., 14. und 15. September 1915 über die hier erörterten Meinungs¬ verschiedenheiten solche gemacht (Hoffmann, S. 87 f.). Sie gipfeln in der auch durch damalige Aufzeichnungen des Hauptmanns von Waldow und Mitteilungen des Obersten a. D. Keller (diese vom Sommer 1931 an das Reichsarchiv) bestätigten Auf¬ fassung des Oberbefehlshabers Ost: „Zu einem zweiten Vrzeziny kommt es aber nicht. Dann begnügen wir uns mit einem kleineren Erfolg, ein großes Risiko wird nicht mehr gemacht. .