368 Der Angriff des Oberbefehlshabers Ost gegen die russische Narew-Front. 27. August. dorthin abzugeben. Dieserhalb wurde zwar der Generalstabschef der 12.Armee, Oberst Marquard, indem er für Frontalverfolgung nach Osten eintrat, um die Russen „in die Sümpfe" zu werfen, noch an dem¬ selben Tage, gelegentlich eines Ferngesprächs mit Generalmajor Tappen, bei der Obersten Heeresleitung vorstellig*), hatte damit aber keinen Erfolg. Tatsächlich hatte die 12. Armee denn auch in den nächsten Tagen schon der Nachschublage wegen nicht einmal die Möglichkeit, alle ihr ver¬ bleibenden Kräfte in der Verfolgung zu lasten. Am Abend des 26. August konnte ihr linker Flügel zusammen mit dem rechten der 8. Armee ohne Kampf die wichtige Stadt Vialystok besehen. Ant 27. August erreichte die 12. Armee hinter den jetzt rascher weichenden Russen die Stadt Narew, am 28. konnte die Verfolgung nur noch mit Teilkräften fortgesetzt werden. Die Offensive der stärksten, durch Nordpolen vor¬ gehenden Armee hatte sich totgelaufen. Eine Aufzeich¬ nung des Hauptmanns von Waldow vom Oberkommando Ost vom nächsten Tage lautete: „Der Russe geht planmäßig zurück, und zwar so schnell, daß wir mit unseren rückwärtigen Verbindungen nicht folgen können. Die Eisenbahnen sind zu stark zerstört. Man könnte vor Wut heulen. Die 12. Armee muß tatsächlich haltmachen in der Verfolgung und warten, und der Russe bekommt Zeit, Kräfte nach Wilna heraufzufahren. Eben kommt die Nachricht, daß dort ein neues Korps ausgeladen wird und nach Norden marschiert. Unsere Operation ist nicht gelungen." Inzwischen hatte ein grundlegender neuer Vefehl der Ober st en Heeresleitung vom 27.August2) die Heeresgruppen Mackensen und Prinz Leopold angesichts der Rokitno-Sümpfe angehalten. Rur die vom Oberbefehlshaber Ost eingeleiteten Operationen sollten noch fort¬ gesetzt werden. Ihr Schwerpunkt aber lag künftig nicht mehr bei der 12., sondern bei der auf Wilna angesetzten 10. Armee. d) Betrachtungen. „Ihre Pflicht hat die Armee erfüllt." — Diese Feststellung des Gene¬ rals von Gallwitz über die Leistungen der 12. Armee, der mit zeitweise 14 Divisionen stärksten, die an der Verfolgung durch Polen beteiligt war, muß im Vordergründe der Betrachtungen über die Ergeb¬ nisse stehen; sie gilt gleichermaßen für die 8. Armee, die nur über sieben Divisionen verfügte. Die Truppe hat mit einer Opferwilligkeit und einer Hingabe marschiert, gekämpft und geblutet, wie sie unter den !) General von Gallwitz schreibt hierzu im Sommer 1931 an das Reichsarchiv, von ihm sei Oberst Marquard dazu nicht beauftragt worden. 2) Wortlaut siehe S. 489.