272 Der Angriff des Oberbefehlshabers Ost gegen die russische Narew-Front. 1. Der Einsatz südlich Iwangorod bedeutet einen unmittel¬ baren, aber nur frontalen Kräftezuwachs von drei Divisionen für die Haupt¬ entscheidung östlich der Weichsel. Die vierte Division müßte zur Ver¬ fügung des Oberbefehlshabers Ost bleiben, um allen Verhältnissen ge¬ wachsen zu sein, da es durchaus möglich ist, daß der Russe sich durch Kräfte¬ verschiebung noch zu einem Schlag gegen die 10. oder die Rjemen-Armee aufrafft. Rach Abgabe der drei Divisionen müßte das Ostheer untätig sein und könnte nur nachrücken, wo der Russe freiwillig vor ihm zurückgeht. 2. Werden die Divisionen der Rjemen-Armee zugeführt, so werden hierdurch die 734: Infanterie- und 534 Kavallerie-Divisionen der Rjemen-Armee zur Offensive befähigt. Der tatsächliche offensive Kräfte¬ zuwachs ist für das verbündete Heer erheblich größer als bei einem Einsatz der drei Divisionen bei Iwangorod. Wenn auch scheinbar fern der Haupt- entscheidung, wird diese durch den Einsatz der Kräfte nördlich des Rjemen mehr beeinflußt werden wie durch die unmittelbare Zuführung. Die Verstärkung der Rjemen-Armee und ihre Offensive unter gleich¬ zeitigem Angriff auf Kotono erscheint deshalb als die wirksamste Betätigung des Ostheeres im Rahmen der Gesamtoperation." Mit dieser Denkschrift kam der Oberbefehlshaber O st auf die bereits am 20. Mai gemachten Vorschläge*) zurück. Cr dachte ebenso wie damals zunächst nur an mittelbare Unterstützung der Offensive des Generalfeldmarschalls von Mackensen durch einen taktischen Erfolg an der eigenen Front, nicht aber an eine große eigene Operation, die zum Zusammenwirken mit jener Offensive und damit schließlich zur Feldzugs¬ entscheidung gegen Rußland führen könnte. Zu solcher Zielsetzung reichten die Kräfte seines Erachtens nicht. Da nun die Aussichten für den taktischen Erfolg an der Stelle, wo die stärkste operative Wirkung zu erwarten stand, bei Osowiec, wenig günstig waren, trat er für den Angriff bei Kotono und nördlich ein, der „an anderer Stelle der Gesamtfront eine Ent¬ lastung" bringen sollte. Rur wenn die Wegnahme der starken FestungKowno gelang, erhoffte er „in weiterer Folge einen großen strategischen Erfolg""). 0 S. 122. 2) Ähnlich heißt es bei Ludendorff, Erinnerungen, S. 114: „War Kowno, der Eckpfeiler der russischen Rjemen-Verteidigung, gefallen, so war der Weg auf Wilna und in den Rücken der Hauptkräfte des russischen Heeres geöffnet. Cs mußte darauf¬ hin einen gewaltigen Sprung nach rückwärts ausführen. Konnten die Rjemen- und 10. Armee auch nur geringe Verstärkungen rechtzeitig erhalten und mit Kolonnen und Trains reichhaltig ausgestattet werden, so war zu hoffen, diesen Sprung derart von Norden über Wilna in die Flanke zu fasten, daß der Sommerfeldzug 1915 mit einer entscheidenden Einbuße des russischen Heeres endigen würde."