Weitere Pläne gegen Kowno und Litauen. 129 kenhayn die beiden Divisionen frei. Im Stabe des Oberbefehlshabers Ost lebte man wieder auf und ging voller Hoffnung an die Vorbereitung der künf¬ tigen Operationen im Njemen-GebietP Über die weiteren Absichten heißt es im Kriegstagebuch unter dem 20. Juni, der Gegner verschiebe „langsam, aber unaufhaltsam seine Kräfte nach unserem linken Flügel". Der Stoß der Njemen-Armee solle gegen den feindlichen rechten Flügel mit den beiden Divisionen geschloffen geführt werden, nicht vor Anfang Juli. Ob dazu auch noch die 1. Garde-Reserve-Division von der Armee-Gruppe Gall- witz herangezogen werden könne, werde erwogen. „Beurteilung der Ge¬ samtlage: Dieser Druck auf den russischen Nordflügel ist um so erfolg¬ versprechender, als die Hauptkräfte des Feindes in Galizien gebunden und stark erschüttert sind." Der Oberbefehlshaber Ost erwog daneben aber auch die Möglichkeit, die Festung K o w n o zu nehmen. Zu einer Besprechung über diesen zuerst von General Litzmann angeregten Gedanken wurde der Erste Generalstabs¬ offizier der 10. Armee, Major Keller, am 21. Juni nach Lötzen gerufen. Dort wurde ihm eröffnet, die 3. Infanterie-Division, schwere Batterien und Velagerungsformationen könnten so zur Verfügung gestellt werden, daß sie Anfang Juli vor der Festung bereit wären. Im Hinblick auf Nach¬ richten, die über die geringe Zahl und Kampfkraft der Besatzung, die Minderwertigkeit der Artillerieausstattung und die moralische Wirkung der schweren in Galizien gefallenen Schläge vorlägen, halte es der Oberbefehls¬ haber Ost für möglich, die Festung unter Umständen durch Handstreich unter starker Artillerievorbereitung zu nehmen. Doch dürfe dabei kein erkennbarer Rückschlag eintreten; das Unternehmen müffe vielmehr so eingeleitet wer¬ den, daß beim Mißlingen des Handstreichs die Truppen zur Einleitung planmäßiger Belagerung bereitgestellt zu sein schienen. Major Keller gab im Auftrage des Generalobersten von Eichhorn die Möglichkeit eines Hand¬ streichs zu, doch erschienen ihm die Kräfte bei der Gefahr beiderseitiger Flankierung sehr gering. Er regte daher Aufrollen der feindlichen Front über Simno nach Süden oder Durchbruch über Preny gegen die Bahn Vialystok—Wilna an; für beide Operationen sei der Einsatz eines frischen Armeekorps nötig. Die letztere Operation verspräche übrigens beffere und schnellere Wirkung gegen die russische Front in Polen als der Einsatz wei¬ terer Kräfte nördlich des Njemen. Der Oberbefehlshaber Ost befahl aber, vorbehaltlich etwaiger Änderungen, den Handstreich gegen Kowno vor¬ zubereiten. 0 Tagebuchaufzeichnung des jetzigen Obersten von Waldow vom 21. Juni 1915 -+ Weltkrieg. VIII. Band. 9