512 Einleitungskämpfe an der Südwestfront Zu dieser Stunde war die volle Schlagfertigkeit des Heeres allerdings noch lange nicht erreicht, denn fast die Hälfte der Divisionen und große Teile der Armeetrains befanden sich noch auf der Fahrt oder überhaupt noch in ihren Mobilisierungsorten. Auch nahm man im letzten Augenblick noch Änderungen in der Zusammensetzung der Armeen vor, indem das VI. Korps von der 2. zur 3. Armee übertrat, die 2. hiefür durch das XII. (nur zwei Brigaden stark) entschädigt wurde und das X.Korps sowie die 3. und die 4. KD. als weitere Heeresreserven bestimmt wurden. Hatten es die verbündeten Mittelmächte als teine Gunst des Schicksals buchen dürfen, daß Italien erst drei Wochen nach Gorlioe in den Kampf eintrat, so war die bis zum letzten Tag erstreckte Ausnützung der Frist, die sich das apenninische Königreich in den Londoner Abmachungen für sein bewaffnetes Auftreten ausbedungen hatte, von der Entente, zumal von Rußland, nicht zu Unrecht als schwerer Nachteil empfunden worden. Die Geduld der neuen Bundesgenossen Italiens sollte aber noch weitere Wochen auf die Folter gespannt werden, ehe es zum Zusammenstoß der Hauptkräfte kam. Zunächst entwickelte sich nur eine Reihe von Grenz¬ kämpfen, die noch nirgends den Ansatz zu irgendeiner Entscheidung oder auch nur maßgebender Einwirkung auf die Gesamtkriegslage zeigten. Die Grenzkämpfe in. Tirol im Mai und Juni 1915 Hiezu Beilage 27 Die operativen Erwägungen und Maßnahmen bei Freund und Feind Das Südtiroler Grenzgebirge dringt beiderseits der Etsch wie ein Keil gegen die oberitalienische Ebene vor und bildete ein günstiges Aus¬ fallstor gegen die beiden nach Venetien führenden Aufmarschbahnen, da die Reichsgrenze oft nur einen Tagmarsch von den Bergfüßen entfernt war. Am schärfsten sprach sich diese Bedrohung von der Hochfläche von Folga- ria (Vielgereut)—Lavarone (Lafraun) her aus, da dieser verhältnismäßig günstige Sammelraum bloß rund 100 km von Venedig entfernt ist. Cadorna hatte diesen Gefahren durch den Aufmarsch von mehr als einem Drittel des Heeres gegen Tirol und durch das anfängliche Bereit¬ halten von starken Heeresreserven im Räume Verona—Vicenza—Bassano Rechnung getragen. Hiedurch ergab sich zugleich eine Umklammerung Südtirols, mit der wieder die Tiroler Landesverteidigung rechnen