496 Von Gorlice bis Lemberg wenn die Konferenz zu Cholm unter solch trüben Eindrücken zu dem Entschlüsse kam, den Gedanken des Eroberungskrieges, der im August 1914 auf die Fahnen des Zarenreiches geschrieben worden war, bis auf weiteres zurückzustellen, und dem Muschik nur mehr die Verteidigung der heimatlichen Scholle auf die Seele zu binden, jenes vaterländischen Bodens, den unversehrt zu erhalten der Zar zu Kriegsbeginn, gleich seinem Ahnen von 1812, vor der Mutter Gottes von Kasan beschworen hatte. Bei der Ausführung dieser Absichten galt die Hauptsorge der Siche¬ rung des Weichsellandes, wo die Front noch immer weit nach Westen vorsprang und in beiden Flanken bedroht war, und der Deckung der dorthin aus Ostpreußen und Ostgalizien führenden Verbindungen. Diesem Ziele sollten stärkste fortifikatorische Ausgestaltung der Deckungsräume und das Ausscheiden möglichst zahlreicher beweglicher Reserven dienen; besondere Beachtung war hiebei den Gegenden von Grodno—Bjelostok und Cholm—Kowel zu widmen. Mit diesem Entschlüsse war auch die Wahrscheinlichkeit einer Preisgabe von Lemberg ins Auge gefaßt. In diesem Falle sollten alle Streitkräfte, die auf die Front Lublin—Cholm— Wladimir-Wolynski zurückgingen, unter die Befehle Alexejews treten, indes Iwanow nur das Kommando über die gegen den Kiewer Militär¬ bezirk weichenden Armeen zu behalten hatte1). War solcherart die Preisgabe Ostgaliziens grundsätzlich beschlossen, so ist es doch zu verstehen, wenn sich der Großfürst-Generalissimus und seine Unterführer die Ausführung jedes einzelnen Schrittes zur Verwirklichung der Cholmer Beschlüsse vom Schicksal abzwingen ließen. Auch die Räumung der Etappe und die Vorbereitung neuer Abwehrlinien nötigte zu einem möglichst zähen und langsamen Nachgeben. Am 19. verfügte die Stawka die Rücknahme des noch im Mün¬ dungswinkel des San stehenden rechten Flügels der 3. Armee hinter den Fluß; im Einklang damit hatte die 4. Armee ihren Südflügel auf Zawichost zurückzubiegen, wodurch auch die Ausscheidung von Reserven möglich werden mochte. Während diese Befehle erteilt wurden, fochten die Truppen Brussilows und Olochows sowie die an ihren inneren Flügeln eingesetzten Reiterdivisionen mit verzweifeltem Mute um die Höhen östlich von der Wereszyca und auf der Bodenwelle, die das Bug-Styrbecken im Südwesten abschließt. Als aber in der folgenden Nacht kein Zweifel mehr bestehen konnte, daß die aus dem XXVIII. und dem VIII. Korps bestehende Gruppe des Gen. Kaschtalinski die Position Rawa Ruska— i) Danilow, 512 f. ; Nesnamow, IV, 54 f. ; Boncz-Bru jewitsch, V, 183 f.; Zajontschkowskij, 306 f.