Die Bedeutung von Przemysl für die Kriegshandlungen 217 zurückgenommen, als sich das haltlose Gerücht verbreitete, ein gefan¬ gener Russe sei grausam verstümmelt worden. Dem Verteidiger von Przemysl, Gdl. Kusmanek, dem später das Ritterkreuz des Militär-Maria Theresien-Ordens verliehen wurde, hatte Kaiser Franz Joseph am 20. März erwidert: Ergreift es Mich tiefstschmerzlich, daß der gestern kühn gewagte Durchbruch der Besatzung Przemysls an der Übermacht des Feindes scheiterte, so blicke Ich doch mit wehmütigem Stolze auf den unvergleichlichen Opfermut der Braven, denen der Erfolg nicht beschieden war. Allen, die da kämpften, danke Ich allerherzlichst für die Helden¬ tat und segne Ich das ruhmvolle Andenken jener, die ihr Leben auf dem Felde der Ehre hingaben. Noch in fernster Zukunft wird die Geschichte weithin künden, was Österreich- Ungarns Krieger mit der hartnäckigsten Verteidigung der Festung Przemysl vollbracht haben; — sie waren standhaft und tapfer bis zum letzten Ende. Franz Joseph. Rückblick Bei einer rückschauenden Betrachtung der Geschehnisse während der ersten drei Monate des Jahres 1915 wird man den Eindruck gewinnen, daß aus der von der Heeresleitung geplanten entscheidenden Kriegs¬ handlung eigentlich nur ein großangelegter Entsatzversuch der vom Feinde eingeschlossenen Festung Przemysl geworden war. Trotz des leidvollen Opfermutes der Truppe blieb indes diesem Beginnen der Erfolg versagt. Nach den theoretischen Lehren vom Kriege sollten freilich militä¬ rische Operationen niemals in ein Abhängigkeitsverhältnis zu festen Plätzen geraten, die doch nur für engbegrenzte Zwecke erbaut werden. Trotzdem hatten sich in den letzten Kriegen das oberitalienische Festungs¬ viereck 1848, 1859 und 1866, Sebastopol während des Feldzuges der Westmächte in der Krim, Straßburg, Metz, Paris und Beifort im deutsch¬ französischen Waffengange, Port Arthur 1904/05, Adrianopel, Janina, die TschataldtschalinieundSkutari 1912/13 eine gewisse Hörigkeit des Feld¬ heeres erzwungen. Niemals gelang es aber einer Besatzung in der Stärke von mehreren Divisionen, sich durchzuschlagen und den Anschluß an die eigene Feldarmee zu gewinnen. Nach unserer heutigen Kenntnis der Dinge wäre die Bestimmung von Przemysl erfüllt gewesen, als sich die k. u. k. Heeresleitung Anfang No¬ vember 1914 entschlossen hatte, den Feldzug im Gebiete des mittleren San abzubrechen, die öst.-ung. Armeen nach Westgalizien zurückzuführen und der russischen Dampfwalze auf andere Weise den Weg zu verstellen. Oft wird behauptet, daß man damals den Abzug der Besatzung befehlen