96 Der Karpathenwinter 1914/15 Falkenhayn durchaus beipflichtete1), nur durch schleunigste und weitest¬ gehende Befriedigung ihrer Gebietswünsche im Zaume halten. Aus diesem Grunde stellte der deutsche Generalstabschef jetzt ganz andere opera¬ tive Ideen zu Conrads Erwägung. Die von Mackensen abgezweigten deutschen Kräfte seien nicht in den Karpathen, sondern verstärkt durch weitere, der Ostfront zu. ent¬ nehmende Verbände gegen Serbien zu verwenden, wo der durch Kämpfe, Krankheiten und Entbehrungen geschwächten feindlichen Armee, die auch bittere Not an Kriegsmaterial leide, ein entscheidender Schlag ver¬ setzt werden könne. Damit würde auch die Geltung Österreich-Ungarns auf dem Balkan und gegenüber Italien wieder hergestellt werden. Rumäniens Haltung, das erhoffte Losschlagen Bulgariens an der Seite der Mittelmächte und die außerordentlich wichtige Verbindung mit der Türkei seien ausschließlich von der Lage in Serbien abhängig2). Dieses Unternehmen werde aber nur dann zum Ziele führen, wenn die Armee Boroevic die Karpathenpässe trotz ausbleibender Unterstützung auf die Dauer von sechs bis acht Wochen behaupten könne; ebenso dürfe für Przemysl bis Ende Februar keine Gefahr bestehen. In Teschen war man solchen Plänen durchaus abgeneigt. So wurde auch dem Wunsche der DOHL., beim k.u.k. Ministerium des Äußern Zu¬ geständnisse an Italien zu befürworten, nicht entsprochen. Conrad warnte im Gegenteil den Grafen Berchtold davor, die italienische Neutralität durch Gebietsabtretungen erkaufen zu wollen und betonte auch nach¬ drücklich, daß derzeit ohne entscheidenden Erfolg gegen Rußland selbst der größte Sieg über Serbien politisch wirkungslos bleiben würde. Auch der spätere Besuch des Erzherzog-Thronfolgers beim Kaiser Wilhelm galt vor allem der Zurückweisung des deutschen Ansinnens, österreichi¬ sches Gebiet an Italien abzutreten. Nach diesen fruchtlosen Bestrebungen, ein erwünschteres Tätigkeits¬ feld für die der deutschen Ostfront entnommenen Kräfte zu gewinnen, verständigte die DOHL. das AOK. am 8. Jänner, daß sie zweieinhalb Infanteriedivisionen und eine Kavalleriedivision abgeben werde. Diese sollten mit gleich starken öst.-ung. Kräften als Südarmee unter den Be¬ fehl des deutschen Gdl. v. Linsingen gestellt werden, dem Ludendorff *) Die voraussichtliche Bedrohung der Südflanke des deutschen Westheeres durch ein feindliches Italien mag für die Stellungnahme Falkenhayns gleichfalls von Einfluß gewesen sein. 2) Vgl. auch Falkenhayn, Die Oberste Heeresleitung 1914—1916 in ihren wichtigsten Entscheidungen (Berlin 1929), 48 f.