Literature

  • Konrad Schiffmann, Die Handschriften der Öffentl. Studienbibliothek in Linz [maschinschriftlich]. Linz 1935, Nr. 189. [online]
  • Konrad Schiffmann, Die Handschriften der Öffentl. Studienbibliothek in Linz (nicht seitenkongruente Abschrift der maschinschriftlichen Fassung Linz 1935 als PDF-Datei mit Nachträgen und neuen Signaturen) [online]
  • Dorothea Weber, Die handschriftliche Überlieferung der Werke des Heiligen Augustinus (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse. Sitzungsberichte 6 = Die handschriftliche Überlieferung der Werke des Heiligen Augustinus 6/1 und 2 [Österreich] =Veröffentlichungen der Kommission zur Herausgabe des Corpus der Lateinischen Kirchenväter 11). Wien 1993,I, 214, 217 f., 224–231, 233 f., 242, 253–256, 262 f., 285 f.; II, 187 (zum Inhalt)
  • Katharina Hranitzky, Beschreibung von Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek, Cod. 500 (Schiffmann 189) im Rahmen des vom Forschungsfonds FWF finanzierten Forschungsprojektes 'Katalog der illuminierten Handschriften der OÖ Landesbibliothek: ca. 1220-1400' (P 26172). [online]

Description

Die vorliegende Beschreibung wurde im Rahmen des vom Forschungsfonds FWF finanzierten Forschungsprojektes „Katalog der illuminierten Handschriften der OÖ Landesbibliothek: ca. 1220-1400“ (P 26172, Leitung Dr. Katharina Hranitzky) verfasst. Die Beschreibweise richtet sich nach den Richtlinien, die im Rahmen der Katalogisierung der illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien erstellt wurden und denen auch die Beschreibungen im gedruckten „Katalog der illuminierten Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucke der Oberösterreichischen Landesbibliothek in Linz“ (Bd. 1/1) folgen. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt der Beschreibung auf der Analyse und der kunsthistorischen Einordnung des Buchschmucks. Eine aktualisierte, gedruckte Version des vorliegenden Textes wird in Bd. 2 des gedruckten Linzer Katalogs publiziert sein.

 

Cod. 500

Sophronius Eusebius Hieronymus, Aurelius Augustinus, Rufinus Aquileiensis u. a.

Prag, um 1385/90

Pergament • 234 Blätter • 44 x 30,5/31 cm (die Blätter häufig unten um einige Millimeter breiter als oben; der untere Blattrand von f. 156 weggeschnitten) • Lagen: 3.IV24 + 2.(IV-6)28 + 13.IV132 + (IV-2)138 + 12.IV234. Kustoden in römischen Ziffern (jeweils zwischen zwei Punkten) am Lagenende fast durchgehend erhalten, teilweise beschnitten; ff. 25r und 27r die Kustode jeweils auf der Rectoseite (f. 25r nur mehr Reste davon). Zwischen ff. 25/26 und zwischen ff. 27/28 fehlen jeweils drei Doppelblätter, von diesen beiden Lagen (4 und 5) hat sich jeweils nur das äußerste Doppelblatt erhalten; außerdem fehlt ein Doppelblatt zwischen ff. 135/136, das ist das jetzige innere Doppelblatt der Lage 19; jeweils Textverlust (S. ‚Inhalt‘). • Schriftspiegel: 30,5/31 x 21 cm, zwei Spalten, 34 Zeilen. Zeilengerüst in Tinte: Spaltenbegrenzungen bis zum Blattrand; Zeilen innerhalb der Spalten, die zweite und vorletzte Zeilenlinie jeweils bis zum Rand durchgezogen. • Textura von einer Hand; öfter Korrekturen (am Rand; außerdem Reskribierungen, dazu auf dem Seitenrand Vorschreibungen erhalten bzw. noch sichtbar [radiert]).


EINBAND

Helles Leder mit Blindprägung durch Rollenstempel über Holzdeckeln; Gleink, 1600. Die Rollen zeigen u. a. die folgenden Motive: Auferstehung, Kreuzigung und Taufe Christi sowie Verkündigung an Maria; Blattwerk mit vier Köpfen im Medaillon; Palmettenfries. Auf dem Vorderdeckel in schwarzer Prägung unten die Jahreszahl 1600, oben die Initialen F M I G H F F, die auf Mag. Johann Wilhelm Heller († 1614), den Administrator des Benediktinerstiftes Gleink in der Zeit zwischen 1599 und 1601, hinweisen (aufzulösen als: Frater Magister Ioannes Guilielmus Hellerus …);1 einen gleichartigen Einband hat Cod. 499 der OÖLB. Zwei schmale Hakenschließen. Auf dem Rücken oben Reste eines barocken Titelschildes.


PROVENIENZ

Spätestens seit 1600 im Besitz des Benediktinerstifts Gleink: s. die Initialen auf dem Vorderdeckel. Des Weiteren auf dem vorderen Spiegelblatt Bibliothekseintrag Monasterii Glunicensis aus der Barockzeit.

1Zu Heller, der 1593 in Garsten die Profess ablegte und von 1601 bis 1614 Abt des Benediktinerstiftes Garsten war, s. besonders Pritz, Garsten und Gleink, 58–60, 96, 190 f., die Biographie bei Garstenauer, Koch, 217–220 sowie die URLs http://www.benediktinerlexikon.de/wiki/Gleink/%C3%84bte und http://www.benediktinerlexikon.de/wiki/Garsten/%C3%84bte. Siehe des Weiteren K. SCHIFFMANN (Hg.), Die Annalen (1590–1622) des Wolfgang Lindner, z. B. 27 (zum Jahr 1593) oder 50 (zum Jahr 1599), hier lateinische Namensform. (Deutsche Übersetzung der Annalen: J. MOSER, B. WEBER [Red. M. SCHEUTZ], Die „Annalen“ [1590–1622] des Schulmeisters Wolfgang Lindner in deutscher Übersetzung. Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 35 [2012].)

INHALT

Fol. 1r leer. – ff. 1va–27vb Briefe von und an Hieronymus (ed. PL 22)2 u. a.: ff. 1va–2va Epistola 146; f. 2vab Gennadius Massiliensis, Epitaph auf Hieronymus (ed. PL 28, Sp. 140C–D: „De viris illustribus cap. I …“; PL 58, „De scriptoribus ecclesiasticis“, Sp. 1059B–C); ff. 2vb–3rb Epistola 35 (auch Damasus I., Epistola 9, Ad Hieronymum, ed. PL 13, 371C–373B); ff. 3rb–7vb Epistola 36; ff. 7vb–20ra Hieronymus, Interpretatio homiliarum Origenis in Canticum canticorum (ed. PL 23, Sp. 1117A–1144); ff. 20ra–27vb Epistolae 62; 19; 22; 15; 16; 18, Kap. 17–21; 18, Beginn, bricht f. 25vb ab mit: … imple (Dominus) fa(cies); 21, Anfang und Ende fehlen, beginnt f. 26ra mit: … (consen)tit igitur ut diximus, bricht f. 27vb ab mit: … cupiebat saturare. – ff. 28ra–71rb Briefe von und an Augustinus, großteils Briefwechsel mit Hieronymus (ed. PL 33, die Hieronymus-Briefe auch ed. PL 22; Zählung hier nach PL 33 und Weber, die Hs dort jeweils genannt): Epistolae 28, Anfang fehlt, beginnt f. 28ra mit: … consenserunt sed etiam reliquerunt; 40; 67; 68; 39; 74; 73; Excerptum epistolae 73; 72; 71; 75; 165; 81; 82; 166; 167; 172; 195; 123; 202. – ff. 71rb–79rb Hieronymus incertus, Epistolae 16 und 37 (PL 30, Sp. 176–181 und 261C–271C; s. Weber, I, 285–287). – ff. 79rb–96va, Hieronymus, Epistolae 14, 55, 57, 83, 84 (ed. PL 22). – ff. 96va–98vb Hieronymus incertus, Epistola 42 (ed. PL 30, Sp. 288B–291D). – ff. 98vb–135vb Hieronymus, Epistolae 69, 66, 46, 77, 65, 54, 117 (bricht f. 135vb ab mit: in ea praesertim domo que …; ed. PL 22). – f. 136ra–137rb Hieronymus incertus, Epistola 40 (Anfang fehlt, beginnt f. 136ra mit: … [tormen]ta ceterum si putas; ed. PL 30, Sp. 279C–281D). – ff. 137va–142va: Hieronymus, Epistolae 127 und 80 (ed. PL 22). – ff. 142va–144ra Rufinus Aquileiensis, Apologia ad Anastasium (ed. PL 21, Sp. 623B–628A). – ff. 144ra–162va Hieronymus, Apologia adversus libros Rufini, liber 3 (ed. PL 23, Sp. 457B–492A). – ff. 162va–202vb Rufinus, Apologia in sanctum Hieronymum (ed. PL 21, Sp. 541A–624A). – ff. 202vb–203rb Hieronymus, Epistola 81 (ed. PL 22). – ff. 203rb–234rb Hieronymus, Apologia adversus libros Rufini, libri 1–2 (ed. PL 23, Sp. 397–456C). – f. 234v leer.

BUCHSCHMUCK

Rote Überschriften, gelb gefüllte Majuskeln und Anschlussbuchstaben an Lombarden und Initialen (s. im Folgenden); ff. 1v2r rote und blaue Paragraphzeichen. Zu den Briefen und anderen Texten sowie zuweilen zu Unterteilungen derselben zahlreiche Fleuronné-Lombarden. Zum Textbeginn eine größere Fleuronné-Initiale.

Die Fleuronné-Lombarden (ff. 2v, 3r, 5r, 6v, 7v, 8r, 9r usw., weiters z. B. 20v, 25v, 32r, 31v, 32v, 38r, 47r, 74r, 75r, 75v, 76r, 76v, 77r, 77v, 85v, 98v, 132v, 202v) zweizeilig (z. B. f. 77v auch einzeilig), in Rot bzw. Blau (f. 74r mit eingeritztem Ornament) und jeweils mit Ornament in der Gegenfarbe. Als Außenornament Perlenbesatz (meist vereinfacht), der an den „Initialecken“ durch Schnecken‑ und Tropfenmotive, selten (z. B. f. 74r) durch innen gestrichelte Motive unterbrochen wird und von dem Fibrillen aus Parallelstrichen und Endhäkchen abstehen. In den kleinen Binnenfeldern traubenähnliche Knospenähren (meistens in Ovalen, z. B. ff. 6v, 9r, 32r, 47r, 75rb [1], 77vb [1]) oder Knospenreihen. Diese können Kreise oder Spiralen (z. B. ff. 64r, 85v, 132v) bilden oder in Segmentbögen aufgeteilt sein, wobei sie häufig, je nach Form des Binnenfeldes, im Drei-, Vier- oder Fünfeck angeordnet sind (z. B. ff. 5rb [1], 31v, 38r, 75va [2], 75vb [1], 76ra [3], 76vb, 77rb usw.), aber etwa auch schräg übereinander geschichtet sein (f. 98v). Die übrige Fläche des Binnenfeldes entweder mit (einer) weiteren Knospenreihe(n) gefüllt, häufig aber auch Blüten- oder Blattmotive im Zentrum der Binnenfelder: Rosetten (z. B. ff. 5rb [1], 38r, 76rb [2] – hier wie die Majuskeln gelb gefüllt –, 76vb [2], 77rb, 77vb [2]), an der Innenseite gestrichelte Scheiben mit „Kern“ (z. B. ff. 8r, 25v, 32v [1], 76ra [2], 77va [1], 202v) oder Kleeblätter (auch als Endmotiv von Knospenspiralen – z. B. ff. 5rb [2], 20v [1], 64r, 85v, 132v, 144r). Hie und da auch andersförmige Arrangements der „Knospensegmentbögen“ (f. 98vb). Vereinzelt Halbpalmetten (f. 76vb [1]).

2Sämtliche in der Patrologia latina (PL = J. P. MIGNE, Patrologiae Cursus Completus. Series Latina. 221 Bde. Paris 1844–1864) editierte Texte sind im Corpus Corporum unter der URL http://mlat.uzh.ch/MLS/xanfang.php?corpus=2&lang=0 suchbar; s. auch die unter der URL http://patristica.net/latina/ aufgelisteten und abrufbaren Digitalisate aller Bände der PL durch google books. – Die jeweiligen Spalten der PL 22 (Hieronymus-Briefe) und PL 33 (Augustinus-Briefe) sind in der vorliegenden Beschreibung aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht im Einzelnen angegeben.
Die Fleuronné-Initiale (f. 1v) achtzeilig (ohne Oberlänge). Blau-grün gespaltener Buchstabenkörper. Spaltmotiv ist eine gewellte Blattranke, die aus dem Maul eines drachenähnlichen Mischwesens rechts im Balken des L herauswächst und deren Seitenarme sich zu Medaillons einrollen. Die Rankenblätter drei-, fünf- bzw. (ganz oben) siebenteilig mit seitlich eingekerbten, spitz zulaufenden, durch Kerben oder Einbuchtungen getrennten Blattlappen. Seitentriebe der Ranke münden in Klee- oder kleine Knollenblätter. Rechts des Mischwesens sind außerdem mehrere kleine Rosetten mit vollfarbiger blauer Mitte aus dem Buchstabenkörper ausgespart. Die Spaltmotive mit wenig schnell gezeichneter brauner Binnenzeichnung. Die Serifen des Buchstabens laufen in dreiteiligen oder knollig runden Silhouettenblättern aus. Das Fleuronné rot. Das Binnenfeld ist von Fadenranken durchzogen, die sich zu fast durchwegs gleich großen Medaillons einrollen. Darin Knospenräder, deren Inneres durch eine Spirale oder ein an der Innenseite gestricheltes „Scheibenblatt“ gebildet wird. Zwischen den Medaillons Knospenähren. Die Knospen klein und leicht eckig. Als Außenornament an der Oberseite des Binnenfeldes sägezahnförmig vereinfachter Perlenbesatz, sonst Perlenreihen mit kleinen Zwischenperlen. Endmotive der Perlenreihen sind (außer an den beiden von der Schrift begrenzten Seiten) Spiralen, meistens mit daran anschließendem längerem, gebogenem Tropfen. An diese Elemente, von denen zwei auch aus dem randseitigen Besatz des Buchstabenschafts herausragen, schließen Fibrillen aus Parallelstrichen und daran wiederum U-Häkchen oder Achterschleifen mit „Kernen“ an. Häkchen ohne Kern stehen auch dazwischen von den Perlen ab, dabei schriftseitig zwischen die Textzeilen hineinragend. Die linke untere Serife flankieren zwei Medaillons mit Knospenrädern und Perlenbesatz. Vom größeren Medaillon (im Zwickel mit der Serife ein Tropfen mit zwei Kernen) gehen senkrechte, oben zuerst schneckenförmig eingerollte Fadenfortsätze mit Perlenbesatz in Initialnähe aus. Teilweise mäandern sie über die anderen Fäden, dabei Kerne in Form kleiner Kreise umschließend. An ihre Enden, die sich in unterschiedlicher Höhe spiralförmig einrollen, schließen Fibrillen und daran wiederum Häkchen und Schleifen, ebenfalls teilweise mit Binnenkreisen, an. Schließlich an zwei Stellen an der Gabelung zweier Fäden ein Zwickelblatt mit dreifach gebogtem Rand.

STIL UND EINORDNUNG

Cod. 500 kann in das Umfeld einer Gruppe von illuminierten Handschriften eingeordnet werden, von denen angenommen werden kann, dass sie ihre Ausstattung alle in demselben Buchmaleratelier bzw. am selben Ort erhielten, obwohl ihr Miniaturenschmuck stilistisch nicht ganz homogen ist (dies wäre noch genauer zu untersuchen). Die beiden wichtigsten Vertreter dieser Gruppe, die von Ulrike Jenni zusammengestellt wurde,3 sind ein Brevier und die Nächträge in einem Psalter des 13. Jahrhunderts. Beide Werke wurden für Kunigunde von Kolowrat, 1386–1401 Äbtissin des Georgsklosters in Prag, hergestellt. Es handelt sich dabei um Prag, Nationalbibliothek, Cod. XIII.E.14a, sogenanntes „älteres Brevier der Kunigunde von Kolowrat“, datierbar vor 1386,4 und um die beiden bald nach 1386 datierbaren Miniaturen in ÖNB, CVP 1939, ff. 205v–206r (s. Anm. 3). Weitere Codices, die dieser Werkgruppe bisher eingegliedert werden konnten, sind: Heiligenkreuz, Stiftsbibliothek, Cod. Neukloster B 17 und 18 (Gregor der Große, Moralia

3U. JENNI, Kat. 18 (CVP 1515) und 19 (CVP 1939), in: M. THEISEN, U. JENNI (unter Mitarbeit von K. STEJSKAL), Mitteleuropäische Schulen III. Böhmen – Mähren – Schlesien – Ungarn (ca. 1350 - 1400) (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse, Denkschriften 315 = Veröffentlichungen der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters, Reihe I: Die illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Österreichischen Nationalbibliothek [hg. v. G. SCHMIDT], Bd. 12). Wien 2004, 104–108.

4Volldigitalisat des Breviers in Manuscriptorium unter der URL http://www.manuscriptorium.com/apps/index.php?direct=record&pid=AIPDIG-NKCR__XIII_E_14A__1JYG37D-cs.



in Job; ehemals Wiener Neustadt, Neukloster); Rom, Biblioteca Vaticana, ms. Ross. 298 (Graduale, geschrieben 1385 im Kloster Pomuk bei Pilsen [Plzeň, Tschechische Republik])5 und ÖNB, CVP 1515 (Gregorius de Arimino, Lectura super primum sententiarum, s. Anm. 3). Das Konvolut ist schließlich um ein Sommerbrevier mit Kalender (Prag, Nationalbibliothek, Cod. XXIII.D.138) zu erweitern; das ebenfalls, wie Cod. XIII.E.14a und CVP 1939, aus dem Georgskloster in Prag stammt und dessen Brevierteil laut Milada Svobodová nach 1390 vollendet wurde;6 diese Handschrift wurde von zwei verschiedenen Buchmalern illuminiert.

Zum einen hat der Linzer Codex das markante Motiv der als Eckausläufer von Initialen, Miniaturen, aber auch etwa von Paragraphzeichen dienenden Fadenranke mit silhouettierten Blättern aus je drei spitzovalen oder dreizackigen Blättchen, die mit Knollenblättern kombiniert werden, mit den genannten Handschriften gemeinsam. Die sich stets aus einem Stamm entwickelnden Ranken sind laut Ulrike Jenni ein „typisches Ornamentmotiv dieser Werkstatt“ (Mitteleuropäische Schulen III [wie Anm. 3], 108). Man vergleiche mit Cod. 500, f. 1v: Prag, Nationalbibliothek, Cod. XIII.E.14a, ff. 10v, (s. auch Mitteleuropäische Schulen III [wie Anm. 3], Fig. 33) und 11v (sowie f. 11r) sowie Cod. XXIII.D.138, f. 21r; des Weiteren CVP 1939, ff. 205v–206r (ebd., Farbabb. 23 f.) und CVP 1515, f. 1r (ebd., Abb. 79) sowie Heiligenkreuz, StiB, Cod. Neukloster B 18, f. 1r (ebd., Fig. 35); schließlich Rom, Biblioteca Vaticana, ms. Ross. 298, z. B. Teil 1,7 ff. xv, lxviiv8 und cixv sowie Teil 2, ff. xvr und xxxixv.

Zum anderen weist das Fleuronné in den Handschriften der Gruppe um die Kolowrat-Bände eine sehr enge formale Verwandtschaft mit demjenigen in der Linzer Handschrift auf. Wie bei deren Hauptinitiale (f. 1v) sind in den genannten Bänden die folgenden Merkmale zu finden: die regelmäßig, dabei häufig radförmig in Medaillons angeordneten, kleinköpfigen und manchmal leicht eckigen Knospen; die Scheibenblätter im Zentrum der Knospenräder; die oft zu gebogten oder sogar gezahnten Linien vereinfachten Perlenreihen mit aufgesetzten kleinen Perlen und abstehenden Häkchen; die länglichen, gequetschten Elemente, die aus dem Perlenbesatz herausragen; die Eckspiralen; die Fibrillen aus Parallelstrichen mit abschließendem, oftmals achtförmigem Häkchen; die dreiteiligen Zwickelblätter; schließlich und vor allem die mäandernden Fadenfortsätze, deren Schlingen kleine Kreise einschließen und die teilweise in Spiralen mit anschließenden Fibrillen enden. Man vergleiche mit Linz etwa: Heiligenkreuz, Stiftsbibliothek, Cod. Neukloster B 18, f. 1r; des Weiteren Prag, Nationalbibliothek, Cod. XIII.F.14A, z. B. ff. 1r6v (Kalenderligaturen), 7r, 11r usw. (s. die im Folgenden angegebenen Folia) sowie Cod. XXIII.D.138, z. B. die oben bereits genannten Initiale f. 21r sowie die im Folgenden genannten Beispiele (in beiden Codices bereichern figürliche und zoomorphe Motive das Fleuronné, s. z. B. Cod. XIII.E.14A, ff. 10r (20r) oder 60v (70v) und Cod. XXIII.D.138, ff. 22r oder 47v); schließlich Rom, Biblioteca Vaticana, Cod. Vat. Ross. 298,

5Schwarzweiß-Digitalisat des Graduales unter der URL http://digi.vatlib.it/view/MSS_Ross.298; Kolophon: https://digi.vatlib.it/view/MSS_Ross.298/0235. – Zum Eintrag des Schreibers Frater Gotzwinus über das Wüten der Pest in seinem Kloster (unterhalb des Kolophons) s. F. GRAUS, Autour de la peste noire au XIVe siècle en Bohême. Annales. Économies, Sociétés, Civilisations 18 (1963), Nr. 4, 720-724, hier 723, it Anm. 4, online verfügbar unter der URL http://www.persee.fr/doc/ahess_0395-2649_1963_num_18_4_421041http://www.persee.fr/doc/ahess_0395-2649_1963_num_18_4_421041 (letzter Zugriff: 17. 10. 2017).
6M. Svobodová, „Zapomenuté“ breviáře z klaštera benediktinek u sv. Jiří na Pražském hradě a jejich kalendaře („Forgotten“ breviaries from St George’s Benedictine Convent in Prague Castle and their calendars). Rukopisy Národní knihovny CR XXIII D 156, XXIII D 142, XXIII D 155 a XXIII D 138. Studie o rukopisech 36 (2005–2006) 3–56, hier besonders 16–18. Der Kalender der Handschrift entstand laut Svobodová zwischen 1378 und 1386. – Volldigitalisat des Breviers in Manuscriptorium unter der URL http://www.manuscriptorium.com/apps/index.php?direct=record&pid=AIPDIG-NKCR__XXIII_D_138_0GWO6QE-cs.
7Die mittelalterliche Blattzählung des Codex beginnt nach f. cxxxiii von neuem (nämlich ab dem zweiten Blatt nach f. cxxxiii mit ii). Die Standorte der Initialen sind daher hier etwas unzutreffend (da keine physische Zäsur in der Handschrift festzustellen ist) mit „Teil 1“ bzw. „Teil 2“ und der jeweiligen Folionummer bezeichnet.
8In dieser Handschrift sind nebeneinander etwas feinere und etwas gröbere Ranken mit Silhouettenblättern zu finden (s. hierzu auch Anm. 9).

z. B. Teil 1, ff. xiv (Lombarde L, ohne Fadenfortsätze), lxviiv (Fadenfortsätze der Deckfarbeninitiale), cixv (Fadenfortsätze der Deckfarbeninitiale und Lombarde N) und cxxviiv (Initiale L) sowie Teil 2, ff. xvr (Fadenfortsätze und Fleuronné an den Anschlusslettern nach der Deckfarbeninitiale), xixv (Initiale M), lxvir, lxxr (Besatzfleuronné an der Deckfarbeninitiale); die große Initiale auf f. cxxviiv in Teil 1 zeigt sogar genau übereinstimmende Aussparungen wie Cod. 500, f. 1v (größere drei- oder fünfteilige Blätter, Knollen- und Kleeblätter sowie Margeriten mit vollfarbigem Zentrum).9

Als ein weiteres Werk, dessen Fleuronné-Dekor mit Cod. 500 in Zusammenhang gebracht werden kann, ist ein Missale zu nennen, das bei Fertigstellung der vorliegenden Beschreibung bei Jörn Günther Rare Books zum Verkauf angeboten wurde: vgl. die Fleuronné–Lombarde auf f. 1r.10 Die Handschrift wurde von zwei Buchmalern illuminiert, von denen der eine mit dem Meister der Paulusbriefe11 zu identifizieren ist und der andere offenbar dem Umkreis des bereits in den 1370er Jahren tätigen Meisters der Bibel aus Sadská12 angehört hat. Das bescheidene Fleuronné an der I-Initiale in ÖNB, CVP 537 (f. 1r) schließlich, einem Codex, der laut Kolophon 1386 in Prag entstand,13 weist ebenfalls gewisse Parallelen zum beschriebenen Ornament auf; diese Handschrift wurde bis Ende des 18. Jahrhunderts im Benediktinerstift Garsten aufbewahrt.14

In denselben Handschriften finden sich auch wie bei den Fleuronné-Lombarden in Cod. 500 die im Zentrum der Knospenmedaillons sitzenden innen gestrichelten Kreise und Margeriten: vgl. Linz, ff. 5rb [1], 8r, 25v, 32v [1], 38r, 76ra [2], 76rb [2], 76vb (2), 77rb, 77va (1), 77vb (2), 141v, 202v mit Cod. XIII.E.14a, z. B. ff. 25v (35v), 42v (52v), 44r (54r) 48r (58r) oder 54r (64r); Cod. XXIII.D.138, z. B. ff. 21r, 51r (52r), 53r (54r); f. 1r im Missale bei Günther (Bild 3 unter der URL https://guenther-rarebooks.com/artworks/9382/).

Nicht alle Elemente der Fleuronné-Lombarden in Cod. 500 finden ihre Entsprechung in den genannten Handschriften; das gilt für die oval eingefassten Knospentrauben, die die Binnenfelder füllen können, und für die kleinen Kleeblätter im Inneren von Knospenmedaillons und –spiralen ebenso wie für die polygonale (fünfeckige) Gliederung der Binnenfelder – vgl. allerdings in Cod. XIII.E.14a etwa die Anordnung der Knospensegmentbögen im Viereck (z. B. f. 26r [36r]).

Die deutlichen Analogien zwischen Cod. 500 und den oben angeführten Vergleichscodices – besonders eng ist der Zusammenhang der Gruppe mit Cod. 500, f. 1v – lassen dennoch mit ziemlicher Sicherheit auf eine Entstehung der Linzer Handschrift im Prag der Jahre um 1385/90 schließen.


LITERATUR

Siehe die Liste oberhalb der Beschreibung

Beschreibung von Katharina Hranitzky, Erstfassung, 13. 4. 2018

9Der relevante Florator in Cod. Vat. Ross. 298, der einen weit geringeren Anteil an der Fleuronné-Ausstattung der Handschrift als deren Hauptflorator hatte, führte nur selten große Fleuronné-Initialen aus (z. B. Teil 1, ff. 97v, 127v; Teil 2, f. 19v). Dafür war er durchwegs für die Ornamentierung der Anschlusslombarden nach Deckfarbeninitialen verantwortlich und scheint auch eng mit dem Hauptilluminator zusammengearbeitet zu haben, dessen Initialen er teilweise mit Fleuronné-Ornament besetzte (vgl. besonders auch Teil 2, f. 70r). Möglicherweise führte er die feineren Filigranranken aus, während der Illuminator die etwas gröberen Ausläufer zeichnete (s. Anm. 8).
10Siehe Bild 3 unter der URL https://guenther-rarebooks.com/artworks/9382/ (letzter Zugriff: 18. 1. 2019), mit Kurzbeschreibung der Handschrift.
11Zum Meister der Paulusbriefe s. zuletzt U. JENNI, Der Meister der Paulusbriefe, in: Mitteleuropäische Schulen III (wie Anm. 3), 30–33 (mit Werkliste).
12Zu diesem Meister s. P. BRODSKY, Příspěvek ke studiu díla Mistra bible ze Sadské. Umění 33 (1985) 508–519. Eine Zusammenstellung seiner Werke auch bei T. GAUDEK, Iluminované rukopisy Albrechta ze Šternberka a jejich okruh. Diplomarbeit, Universität Prag 2007; URL: https://is.cuni.cz/webapps/zzp/detail/27277/.
13Siehe U. JENNI, Kat. 17, in Mitteleuropäische Schulen III (wie Anm. 3), 103, Abb. 77.
14In CVP 1515 ist das Fleuronné weniger sorgfältig ausgeführt und gegenüber dem Rest der Gruppe formal etwas vereinfacht.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.