Literature

  • Konrad Schiffmann, Die Handschriften der Öffentl. Studienbibliothek in Linz [maschinschriftlich]. Linz 1935, 106–108, Nr. 101–104 . [ Hs.-446 , HS-447 , Hs.-448 , Hs.-449 ]
  • Konrad Schiffmann , Die Handschriften der Öffentl. Studienbibliothek in Linz (nicht seitenkongruente Abschrift der maschinschriftlichen Fassung Linz 1935 als PDF-Datei mit Nachträgen und neuen Signaturen) [online]
  • Friedrich Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi. 11 Bde. Madrid 1950-1980, Nr. 8044-8047 . [Datenbankfassung online]
  • Kurt Holter, Zum gotischen Bucheinband in Österreich: Bemalte Einbände aus Kloster Garsten. Gutenberg-Jahrbuch (1956) 288-298.
  • Gerhard Schmidt , Die Malerschule von St. Florian. Beiträge zur süddeutschen Malerei zu Ende des 13. und im 14. Jahrhundert ( Forschungen zur Geschichte Oberösterreichs 7 ). Graz [u. a.] 1962, 34, 89 f. (zu Cod. 446–449: Nr. 48).
  • Hyacinthe-François Dondaine, Hugues V. Shooner , Codices manuscripti operum Thomae de Aquino, bislang 3 Bde. Rom 1967–1985, hier Bd. 2 (1973) 224–226 (Nr. 1477–1480: Cod. 446–449).
  • Jürgen Werinhard Einhorn , Spiritalis unicornis. Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters. München 1976, 451, Nr. 827 (Cod. 448).
  • 1000 Jahre Oberösterreich . Das Werden eines Landes. Katalog zur Ausstellung des Landes Oberösterreich in der Burg zu Wels, April–Okt. 1983. Linz 1983, 96 f. (Nr. 56: Cod. 448; K. Holter).
  • Kurt Holter , Das mittelalterliche Buchwesen im Stift Garsten, in: Kirche in Oberösterreich. 200 Jahre Bistum Linz. Katalog der Oberösterreichischen Landesausstellung 1985 im ehemaligen Benediktiner-stift Garsten. Linz 1985, 91–119, 370–383, hier 100–102 und 376 f., Kat.-Nr. 4.25 (Cod. 448); wieder abgedruckt in: Ders., Buchkunst–Handschriften–Bibliotheken. Beiträge zur mitteleuropäischen Buchkultur vom Frühmittelalter bis zur Renaissance (hg. G. Heilingsetzer, W. Stelzer), 2 Bde. Linz 1996, Bd. 2, 958–960 und 984 f.
  • Kulturelles Erbe in einer digitalen Welt . Katalog zur Eröffnungsausstellung in der Oberösterreichischen Landesbibliothek, Juli–Sept. 1999 (Redaktion Rudolf Lindpointner). Linz 1999, 19.
  • Gerhard Schmidt , Die gotische Buchmalerei in Oberösterreich, in: L. Schultes, B. Prokisch (Hg.), Gotik. Schätze. Oberösterreich. Ausstellungskatalog Linz 2002, 329–352, hier 343 f., Nr. 3/19 (Cod.
    448); Neuedition in: Ders., Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. Roland), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 1, 119–146, hier 134 f.
  • Giovanna Murano , Manoscritti prodotti per „exemplar“ e pecia conservati nelle biblioteche aus-triache. Admont, Graz, Innsbruck, Klosterneuburg, Kremsmünster, Lilienfeld, Linz, Melk, Salzburg, Schlägl, St. Florian, Vorau, Wien e Zwettl ( ÖAW, Phil.-hist. Klasse, Sitzungsberichte 702 ). Wien 2003, 103 (Nr. 57: Cod. 447), 104 (Nr. 58 und 59: Cod. 448 und 449), Taf. VI, Fig. 11 (Cod.447, f. 16r, Pecienvermerk).
  • Giovanna Murano , Opere diffuse per „exemplar“ e pecia ( Textes et études du moyen âge 29). Turnhout 2005, 782–784 (Nr. 899–901: Cod. 447–449).
Speziell zu Cod. 449:
  • Carmello Giuseppe Conticello , San Tommaso ed i Padri. La „Catena aurea super Ioannem“. Archives d’histoire doctrinale et littéraire du moyen âge 57 (1990) 31–92.
  • Susanne Rischpler, Beschreibung von Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek, Cod. 446-449 (Schiffmann 101-104) im Rahmen des vom Forschungsfonds FWF finanzierten Forschungsprojektes 'Katalog der illuminierten Handschriften der OÖ Landesbibliothek: ca. 1220-1400' (P 26172). [online] <mit Link zu Hs.-446>

Description

Die vorliegende Beschreibung wurde im Rahmen des vom Forschungsfonds FWF finanzierten Forschungsprojektes „Katalog der illuminierten Handschriften der OÖ Landesbibliothek: ca. 1220-1400“ (P 26172, Leitung Dr. Katharina Hranitzky) verfasst. Die Beschreibweise richtet sich nach den Richtlinien, die im Rahmen der Katalogisierung der illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien erstellt wurden und denen auch die Beschreibungen im gedruckten „Katalog der illuminierten Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucke der Oberösterreichischen Landesbibliothek in Linz“ (Bd. 1/1) folgen. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt der Beschreibung auf der Analyse und der kunsthistorischen Einordnung des Buchschmucks. Eine aktualisierte, gedruckte Version des vorliegenden Textes wird in Bd. 2 des gedruckten Linzer Katalogs publiziert sein.


Cod. 446–449

Thomas von Aquin, Glossa in evangelium sancti Matthaei, Marci, Lucae et Johannis

(Catena aurea super quattuor evangelistas, Partes II, I, III et IV)

Wohl Paris, Ende 13. / spätestens 2. Jahrzehnt 14. Jahrhundert (Textabschrift und Fleuronné); Oberrhein-Bodenseeraum, ca. 1. Viertel 14. Jahrhundert (Federzeichnung in Cod. 449); Oberösterreich (Garsten?), vor 1331 (Einband- und Schnittbemalung)


COD. 446
:

Pergament (Knochenlöcher, unregelmäßige Ränder) • I + 267 + I Blätter; Doppelblattzählung innerhalb der Lagen mittels Buchstaben, oft in Kombination mit Zeichen (in Rot, rechte untere Seitenecke), z. B. ff. 237r242r (21. Lage): boo–foo (aoo fehlt). • 32/32,5 x 22,5/23 cm • Lagen: 1I + 4.VI48 + IV56 + 17.VI260 + (IV-1)267 + 1268; letztes Blatt der letzten Lage herausgetrennt; Vorsatzblatt (f. I) und Nachsatzblatt (f. 268) jeweils mit Spiegelblatt verbunden. Reklamanten (tintenschwarz), vereinzelt abgeschnitten (z. B. f. 188v) • Schriftspiegel: 22/22,5 x 14,5/15 cm (seiten- und bundstegseitig von Doppellinie eingefasst; angegebene Breite bezieht sich auf die inneren Rahmenlinien); zwei Hauptspalten, 40–42 Zeilen (Haupttext zweizeilig, Glosse einzeilig); f. 267rv 71–73 Zeilen. • Textualis von einem Schreiber (Haupttext und Glosse); f. 267rv Nachträge von anderer Hand des 14. Jahrhunderts (vgl. zweite Ergänzungshand Cod. 447, HD-Spiegel, s. u.); f. 113rb Randannotation aus der Barockzeit.


COD. 447
:

Pergament (Knochenlöcher, unregelmäßige Ränder) • 96 Blätter; Doppelblattzählung innerhalb der Lagen mittels Buchstaben (oft in Kombination mit Zeichen) flüchtig in teilweise abgeriebenem Metallstift auf der rechten unteren Seitenecke eingetragen; in der 1. Lage u. a. durch Blattverlust unvollständig. • 33 x 23/23,5 cm • Lagen: (VI-2)10 + 6.VI82 + VII96; Vorsatzblatt (mit dem Vorderspiegel verbunden) herausgetrennt, ebenso die beiden ersten Blätter der 1. Lage (Textverlust), das Heraustrennen erfolgte vor dem 17. Jahrhundert (s. Bibliotheksvermerk f. 1r, zu diesem s. ,Entstehung und Provenienz‘); jeweils Reststreifen erhalten, ff. 1 und 2 durch das Herausschneiden der Anfangsfolios beschädigt; auch das mit dem hinteren Spiegel verbundene Nachsatzblatt bis auf Reststreifen entfernt (Textverlust). Reklamanten (tintenschwarz) • Schriftspiegel (angelegt wie in Cod. 446): 22,5/23 x 14/15 cm, zwei Hauptspalten, 42–43 Zeilen (Haupttext zweizeilig, Glosse einzeilig); ff. 95vahinterer Spiegel: 32–47 Zeilen. • Textualis von einem Schreiber (Haupttext und Glosse), wie Cod. 449, s. Dondaine-Shooner (s. ,Literatur‘) 225, Nr. 1478; Nachträge ff. 95vhinterer Spiegel von zwei weiteren Händen des 14. Jahrhunderts (die zweite Hand in der b-Spalte des hinteren Spiegels wohl identisch mit Ergänzungshand in Cod. 446, s. o.). Zu den Pecienvermerken in diesem Band s. ,Entstehung und Provenienz‘.

COD. 448:

Pergament (stellenweise Verschmutzungen, Knochenlöcher, unregelmäßige Ränder) • I + 210 Blätter; Doppelblattzählung innerhalb der Lagen mittels Buchstaben (oft in Kombination mit Zeichen) flüchtig in Metallstift eingetragen (nur letzte Lage in roter Tinte I–IIII); mittig oder auf dem rechten Seitenfuß; Zählung unvollständig bzw. Metallstift abgerieben; ff. 2r5r in der rechten oberen Folioecke jeweils .I. (tintenfarben). • 33,5 x 23,5/24 cm • Lagen: 1I + 17.VI204 + (IV-1)210; Vorsatzblatt mit dem vorderen Spiegel verbunden; dieses Doppelblatt wohl restauriert (Falz umklebt); letzte Lage: vorletztes Blatt herausgetrennt, letztes Blatt als hinterer Spiegel aufgeklebt. Reklamanten (tintenschwarz und verziert, s. ,Buchschmuck‘). • Schriftspiegel (angelegt wie in Cod. 446): 22,5/23 x 15/15,5 cm, zwei Hauptspalten, 44 Zeilen (Haupttext zweizeilig, Glosse einzeilig) • Semitextualis (von einer Hand (Haupttext und Glosse). Zu den Pecienvermerken in diesem Band s. ,Entstehung und Provenienz‘.

COD. 449:

Pergament (bis ca. f. 137 durchgehend Flecken entlang des Falzes, stellenweise Verschmutzungen, Knochenlöcher, unregelmäßige Ränder) • 195 + I; Doppelblattzählung innerhalb der Lagen mittels Buchstaben und/oder Zeichen flüchtig in Metallstift (12. Lage in roter Tinte) auf der rechten unteren Seitenecke eingetragen; Zählung unvollständig bzw. Metallstift abgerieben. • 32,5/33 x 23/23,5 cm • Lagen: 15.VI180 + (VIII-1)195 + 1196; Vorsatzblatt (ursprünglich mit dem vorderen Spiegel verbunden) und letztes Blatt der letzten Lage entfernt; Nachsatzblatt (f. 196) mit dem hinteren Spiegel verbunden; dieses Doppelblatt wohl restauriert (Falz umklebt). Reklamanten (tintenschwarz und verziert, s. ,Buchschmuck‘). • Schriftspiegel (angelegt wie in Cod. 446, auf dem Seitensteg eine zusätzliche Vertikallinie): 22/22,5 x 14/14,5 cm, zwei Hauptspalten, 42 Zeilen. • Textualis von einem Schreiber (Haupttext und Glosse), wie Cod. 447, s. Dondaine-Shooner (s. ,Literatur‘) 226, Nr. 1480. Zu den Pecienvermerken in diesem Band s. ,Entstehung und Provenienz‘.

 

EINBÄNDE (s. auch ,Stil und Einordnung‘)

Holzdeckel mit Lederbezug, Vorderdeckel und Hinterdeckel (im Folgenden „VD“ bzw. „HD“) bemalt, auch die drei Schnittseiten verziert (ausführliche Beschreibung s. ,Buchschmuck‘); Oberösterreich (Garsten?), 1. Drittel 14. Jahrhundert (vor 1331, s. ,Entstehung und Provenienz‘). Auf den HD-Spiegeln jeweils Spur einer Kettenbefestigung. Rücken flach, Bünde (in der Regel sechs, Cod. 448 fünf) erscheinen versenkt; Buchstaben des liegenden Rückentitels wirken eingekratzt bzw. gestempelt und dann mit Farbe gefüllt; oben auf dem Rücken Reste eines Papierschilds. Zwei Hakenschließen mit Schließenband aus hellem, unverziertem Leder an der Längsseite; Schließenlager und Gegenblech zierlich und schildförmig, mit drei Nägeln fixiert.

COD. 446: An der VD-Unterkante das ursprüngliche helle Leder erkennbar; an der HD-Längskante Ledernaht sichtbar; Kettenbefestigungsspur auf dem HD-Spiegel mit hebräischem Fragment (s. ,Inhalt‘) überklebt. Spuren von Rückentitel Ma / the / us und Reste von Dekor (Punktblüten?); die umstochenen Kapitale mit Leder umklebt.

COD. 447: Zusätzlich zu den Schließen an der Längsseite Spuren von Schließen an der Ober- und Unterseite: Einbuchtungen in den Holzdeckeln und auf dem HD-Spiegel oben und unten Nägel. Rückentitel Mar / cus; Spuren von Punktblüten (?), unten am Rücken Reste von aufgemaltem Dekor (?); Kapital oben hell umstochen, unten beige und braun.

COD. 448: Rückentitel Lu / cas fast ganz abgerieben; die umstochenen Kapitale mit Leder umklebt.

COD. 449: Rückentitel Jo / han / nes fast ganz abgerieben; Reste von Punktblüten (?); die umstochenen Kapitale mit Leder umklebt.


ENTSTEHUNG UND PROVENIENZ

Thomas von Aquin († 1274) verfasste die Catena aurea, die sich schnell zu einem beliebten Evangelienkommentar entwickelte, zwischen 1262 und 1267/68. Nachdem der Aquinate von 1265 bis 1268 in Rom gewirkt hatte, lehrte er von 1268 bis 1272 als Magister in Paris. So verwundert es nicht, dass die vier Catena-Bände bereits in den beiden erhaltenen Pariser Exemplar-Listen aus dem letzten Viertel des 13. bzw. vom Anfang des 14. Jahrhunderts aufgeführt sind.1 Die erste Liste (ca. 1275) wird häufig dem Buchhändler Guillaume de Sens zugeschrieben, der sehr wahrscheinlich dazu beitrug, die an italienischen Universitäten gängige Buchproduktion nach Exemplar und Pecia in Paris zu etablieren; die zweite Liste (1304) kann eindeutig mit dem Buchhändler und Stationarius André de Sens in Verbindung gebracht werden.2 Die mit Pecienvermerken versehenen Cod. 447–449 müssen demnach nicht in Italien entstanden sein, sondern können durchaus in Paris geschrieben worden sein.3 Aber auch Buchhändler wie Thomas de Maubeuge, die aus Nord-Frankreich, Flandern, Brabant oder dem Hennegau stammten, verliehen Pecien; darüber hinaus brachten sie stilistische Einflüsse und Arbeitsmethoden aus ihren Heimatgegenden mit nach


1 J. PIEPER, Thomas von Aquin – Leben und Werk. Kevelaer 2014. – Ed. der Exemplar-Listen mit Erläuterungen bei MURANO 2005 (s. ,Literatur‘) 81–89 (Ed.: 83–89, Catena-Bände: Nr. 46–48) und 120–126 (Nr. 1–4).
2 Zu der im Buchwesen tätigen Familie um Guillaume und André de Sens s. R. H. ROUSE, M. A. ROUSE, Illiterati et uxorati. Manuscripts and Their Makers. Commercial Book Producers in Medieval Paris 1200–1500. 2 Bde. Turnhout 2000, insbes. Bd. 1, 73–98: Chapter 3, University Jurisdiction over the Booktrade: The Family of Guillaume de Sens (zu Guillaume de Sens: 82–89, Zuschreibung der Liste von ca. 1275 an diesen Buchhändler S. 87 f.; zu André de Sens: 92 f.).
3 Zu den Pecienvermerken s. MURANO 2005 (s. ,Literatur‘) 782 f., Nr. 899 (Cod. 447), 783, Nr. 900 (Cod. 448) und 783 f., Nr. 901 (Cod. 449).Paris.4 Der nordfranzösische bzw. flämische Fleuronné-Dekor der Catena-Bände einschließlich Cod. 446 (s. ,Stil und Einordnung, Fleuronné‘) steht also nicht im Widerspruch zum Schreibort Paris: Das Fleuronné könnte von einem Buchmaler aus dem Umfeld eines aus dem Norden des Landes stammenden Buchproduzenten gezeichnet worden sein; als Entstehungszeitraum kommt hierfür das letzte Viertel des 13. Jahrhunderts bis hin zum Anfang des 14. Jahrhunderts (spätestens 2. Jahrzehnt) in Frage (s. ,Stil und Einordnung, Fleuronné‘). Es ist plausibel, dass die Catena von Frankreich über den Raum Oberrhein-Bodensee (s. ,Stil und Einordnung, Federzeichnung‘) nach Österreich gelangte. In Oberösterreich, eventuell vor Ort im Benediktinerstift Garsten, wurden die Bände (neu) gebunden und bemalt (s. ,Stil und Einordnung, Einband- und Schnittbemalung‘). Da die Codices in einer in Garsten ausgestellten Urkunde von 1331 (1. Oktober) erwähnt werden, ist dieses Jahr unstrittig als terminus ante quem für ihre Entstehung und sehr wahrscheinlich auch für die Ausführung ihres Einbandschmucks (s. ,Stil und Einordnung, Einband- und Schnittbemalung‘) anzusetzen, wobei die Überklebung und Übermalung der für die Garstener Bibliothek typischen Kettenbefestigungen darauf hindeutet, dass zwischen der ursprünglichen Aufbewahrung in Garsten und der Bemalung der Deckel ein gewisser, aber nicht allzu langer zeitlicher Abstand anzunehmen sein könnte. In der bewussten Urkunde bestätigt Bischof Albert von Passau (1320–1342) eine insgesamt 26 Bände umfassende Donation des Abtes Otto von Garsten (1317–1333) an die KIosterbibliothek, s. Oberösterreichisches Landesarchiv Urkunden Garsten (1082–1778) 1331 X 01, s. monasterium.net).5 Ins späte 15. oder ins frühe 16. Jahrhundert sind die mittelalterlichen Garstener Signaturen auf den vorderen Spiegelblättern und die Titelaufschriften auf den Vorsatzblättern (s. ‚Inhalt‘) zu datieren; letztere stammen von einer bekannten Garstener Hand, s. hierzu K. Hranitzky, M. Schuller-Juckes und S. Rischpler (unter Mitarbeit von A. Reisenbichler), Die illuminierten Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucke der Oberösterreichischen Landesbibliothek in Linz. Handschriften und frühe Drucke 1440–1540, Teil 1: Österreich, Passau, Italien (Veröffentlichungen zum Schrift- und Buchwesen des Mittelalters [hg. W. Pohl], Reihe V: Die illuminierten Handschriften und Inkunabeln außerhalb der Österreichischen Nationalbibliothek [hg. M. V. Schwarz], Bd. 6/1 = Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Denkschriften 500 Bd.). Text- und Tafelbd. Wien 2018 (online verfügbar unter http://hw.oeaw.ac.at/8031-9), Einleitung, Zu den Provenienzen, Garsten. Noch im 17. Jahrhundert befand sich die Catena in Garstener Besitz, was die vom Prior und Archivar P. Seraphin Kirchmayr (1595–1660) vorgenommenen Einträge dokumentieren: Cod. 446, f. 1r Novo catalogo librorum monasterii B(eate) Virg(inis) in Gaersten inscriptus a. 1631. Nr. 95. C.; Cod. 447, f. 1r Cat(alogo) libr(orum) monasterii Garst(ensis) inscriptus. Nr. 96. C.; Cod. 448, f. 1r Cat(alogo) librorum monasterii Garst(ensis) inscriptus. Nr. 97. C.; Cod. 449, f. 1r Novo catalogo librorum monasterii B(eate) Virg(inis) in Gärsten inscriptus anno 1631. Nr. 98. C.; Garsten wurde 1787 aufgehoben, danach gelangten die vier Bände nach Linz.

INHALT

COD. 446: VD-Spiegel Mittelalterlicher Kurztitel Matheus und mittelalterliche Garstener Signatur C. 14. – f. Ir Ausführlicher mittelalterlicher Titel (15. Jahrhundert, s. Dondaine-Shooner, s. ,Literatur‘, 224, Nr. 1477) Glosa continuata super evangelio Mathei sancti Thome de Aquino. – f. Iv leer. – ff. 1ra266vb Thomas de Aquino, Catena aurea in Matthaeum, Inc.: Sanctissimo ac reverentisimo patri, domino Urbano, divina providentia pape quarto, Expl.: ... Cuius glorie participes nos faciat ipse Christus, rex glorie, qui est Deus benedictus in secula. Amen. (F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, 11 Bde. Madrid 1950–1980, hier Bd. 5 [1955] Nr. 8044). – ff. 267ra267va Überschrift: Incipit Metodius quem commendit Petrus in ystoriis in rubrica de generacione Ade ..., Inc.: Sciendum namque nobis est, fratres karissimi, quam in principio creavit Deus celum et terram, Expl.: ... Impii descendent cum bestia ad infernum, unde Dominus eripere (über der Zeile: nos) dignetur. Qui cum patre etc. Methodius Olympius, Revelationes (F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, 11 Bde. Madrid 1950–1980, hier Bd. 3 [1951], Nr. 5586 und Bd. 9.1 [1977], Nr. 5586). – f. 267vb  Petrus


4 Wie Anm. 2, Bd. 1, 173–202: Chapter 7, Thomas de Maubeuge and The Vernacular Legend Collections, insbes. 174. Thomas de Maubeuge kam aus dem Hennegau nach Paris, wo er von 1313 bis 1349 nachweisbar ist.
5 Zur Bücherschenkung des Abtes Otto s. auch H. PAULHART, Mittelalterliche Bibliothekskataloge Österreichs 5: Oberösterreich. Wien [u. a.] 1971, 19–24, bes. 22–24; HOLTER 1956 (s. ,Literatur‘) 297; Holter 1985 (s. ,Literatur‘) 100–102 bzw. 958–960. – Folgende Linzer Codices gehören ebenfalls zu dieser Bücherschenkung: Cod. 296, 304, 382, 387, 438, 439, 440. archiepiscopus Ruthenus, Responsa de origine etc. Tartarorum, Inc.: [R]equisitus Petrus archiepiscopus de Belgrab in Ruscia super facto Tartarorum, Expl.: ... Exul factus propter quoddam mendacium quid dixisse fuit depre(he)nsus. Ed. der Fassung der Annales Burtonenses: Monumenta Germaniae Historica: Scriptores (in Folio) SS, Bd. 27: Ex rerum Anglicarum scriptoribus saec. XII. et XIII. Hannover 1885 (Nachdruck 1975), 474 f.; s. auch H. Dörrie, Drei Texte zur Geschichte der Ungarn und Mongolen. Die Missionsreisen des fr. Julianus OP ins Uralgebiet (1234/1235) und nach Russland (1237) und der Bericht des Erzbischofs Peter über die Tartaren. Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Philol.-hist. Klasse 6 (1956) 125–202, hier: 182–194 (Der Bericht des Erzbischofs Peter, Ed. S. 187–194). – f. 268r leer. – f. 268v Federprobe A B C. – HD-Spiegel hebräisches Fragment (ca. 3 x 4,5 cm) und Federprobe: (?) ad (?) Domini(?).

COD. 447: VD-Spiegel Mittelalterlicher Kurztitel Marcus und mittelalterliche Garstener Signatur C, 15. – ff. 1ra95rb Thomas de Aquino, Catena aurea in Marcum, Anfang unvollständig, Expl. … quia te decet et sermonum et operum gloria. Hic liber est scriptus, qui scripsit sit benedictus. Amen. (F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, 11 Bde. Madrid 1950–1980, hier Bd. 5 [1955], Nr. 8045). – ff. 95vaHD-Spiegel Vaticinium Sibyllae Erythreae (Version L1, mit zahlreichen Interlinear- und Randglossen) sowie Visio et prophetia Norsei (Vision des hl. Nerses I.), s. Ch. Jostmann, Sibilla Erithea Babilonica. Papsttum und Prophetie im 13. Jahrhundert. Monumenta Germaniae Historica, Schriften 54. Hannover 2006, insbes. 465 f.: Dem Vaticinium ist der Mittelteil der Visio interpoliert, deren Anfang und Schluss auf dem HD-Spiegel in Spalte b (s. u.) folgen; f. 96va bricht das Vaticinium ab bei galli cantus usque (Markierung durch zwei Kreuze); Text durch Verlust des Nachsatzblattes unvollständig; zum Vaticinium Sibyllae Erythreae: Überschrift (f. 95va): Epistula Eritree quam scripsit ad Grecos quam Greci adituri Troiam consuluerunt …, Inc. (f. 95va): [R]equiritis me, o illustrissima turba Danaum, Expl. (hinterer Spiegel, Spalte a): … ut illos sursum elevet hos autem in sortem demonum voret Avernus. (F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, 11 Bde. Madrid 1950–1980, hier Bd. 3 [1951], Nr. 4096 und Bd. 9.1 [1977], Nr. 4096); zur Visio et prophetia Norsei: Prolog: Dilecto sibi fratri A. nuncio domini pape et sociis eius frater P. ordinis predicatorum minimus salutem …, Überschrift: Visio sancti Norsei Armenorum primatis, Inc.: Postquam Bap, rex Armenorum, dedit pocionem mortis Expl.: … replebitur terra omni bono (F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, 11 Bde. Madrid 1950–1980, hier Bd. 3 [1951], Nr. 4088).

COD. 448:
VD-Spiegel Mittelalterliche Garstener Signatur C, 16. – f. Ir Ausführlicher mittelalterlicher Titel (vgl. Cod. 446) Glosa continuata super evangelium Luce sancti Thome de Aquino, Inc.: Induam celos tenebris et sacrum ponam operimentum (durchgestrichen: nostrorum) eorum, Expl. … laudantes et benedicentes Deum. Cui est gloria et benedictio et virtus in saecula. Amen. – f. Iv leer. – ff. 1ra210vb Thomas de Aquino, Catena aurea in Lucam (F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, 11 Bde. Madrid 1950–1980, hier Bd. 5 [1955], Nr. 8046). – HD-Spiegel leer.

COD. 449: VD-Spiegel Mittelalterlicher Kurztitel Johannes und mittelalterliche Garstener Signatur C, 17. – ff. 1ra195vb Thomas de Aquino, Catena aurea in Iohannem, Inc.: Vidi Dominum sedentem super solium excelsum et elevatum, Expl.: … Quia ipse est super omnia Deus benedictus in saecula. Amen. Hic liber est scriptus, qui scripsit si(t) benedictus. (F. Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, 11 Bde. Madrid 1950–1980, hier Bd. 5 [1955], Nr. 8047). – f. 196r ganzseitige Federzeichnung (s. ,Buchschmuck‘). f. 196v und HD-Spiegel leer.


BUCHSCHMUCK (COD. 446–449)

Rote Majuskelstrichelung und Überschriften (im Text und auf dem Seitenrand); nur Cod. 448 Kopftitel in blauen und roten Majuskeln L / C oder LU / CA(S), fallweise mit etwas Dekor in der Gegenfarbe. Uneinheitliche rot-blaue Kapitelnummerierung auf dem Seitenrand: in Cod. 447 und 449 durchgehend, in den anderen Bänden nur vereinzelt; ansonsten in Rot oder Schwarz (teilweise rubriziert), auch zu-sätzlich zur rot-blauen Nummerierung; zuweilen fehlt die Nummerierung ganz. Einige Verweiszeichen für Korrekturen und Einfügungen, zumeist in schwarzer Tinte; Cod. 449, f. 69vb, fein gezeichneter N(ota)-B(ene)-Vermerk (mit Kreuz).Immer wieder rote Unterstreichungen, vereinzelt Durchstreichungen zur Hervorhebung (z. B. Cod. 446, f. 204rb). Etliche Zeilenfüller in Rot (krakelige Wellenlinien oder akkurater ausgeführte Bänder aus aneinander gereihten S-förmigen Häkchen, z. B. Cod. 449, f. 93vb). Reklamanten in Cod. 448 durchwegs rubriziert und meist von rautenförmig angeordneten Vierpunktgruppen flankiert, in Cod. 449 meistens rot gerahmt, Rahmenlinien mit fransenartigen Häkchen verziert; solche Rahmungen auch bei Wörtern des Haupttextes, die über die Textspalte hinaus auf den unteren Seitenrand gesetzt sind (z. B. Cod. 447, f. 72ra; Cod. 449, f. 36vb); auch zeitgenössische Randannotationen mit Rahmungen (z. B. Cod. 446, f. 4rb: roter Rahmen mit Eckverzierung). Keine Zeigehände (lediglich Cod. 446, f. 167ra: flüchtige barocke Zeigehand). Cod. 446 in den letzten Textzei-len sehr oft Unterlängen zu langen Fibrillen erweitert, an p(p)-Kürzeln die Fibrillen in Rot. – In den Ergänzungstexten Cod. 446, ff. 267ra267vb rote Strichelung und Überschriften; Zeilenfüller aus Dreipunktmotiven mit kommaartigen Häkchen; am Beginn des ersten Textes zweizeilige cadellenartige Majuskel in Rot. – In den Ergänzungstexten Cod. 447 (von f. 95va bis HD-Spiegel, Spalte b) rote Strichelung, Überschrift, Paragraphzeichen und Unterstreichungen; Ergänzungen auf dem Seitenrand fallweise tintenfarben und/oder rot gerahmt; viele Verweiszeichen, unter anderem rotes Kreuz (an Benediktionskreuz erinnernd); am Anfang des ersten Textes Freifläche für vierzeilige Initiale. – Fallweise cadellenartig vergrößerte und rubrizierte Majuskeln (vor allem S-Majuskeln, z. B. Cod. 446, f. 80va). Repräsentanten für Lombarden (und Überschriften).

Am Beginn der Unterabschnitte sehr zahlreiche Lombarden, abwechselnd rot und blau, ein- bis dreizeilig (I-Lombarden auch vierzeilig), der größte Teil von ihnen mit Fleuronné in der Gegenfarbe. – An den Prolog- und Kapitelanfängen insgesamt 84 Fleuronné-InitialenCod. 446, ff. 1ra, 1va, 3rb, 15vb, 37va, 52va, 64va, 72ra, 80ra, 88rb, 99ra, 138va, 152vb, 159va, 168rb, 176va, 183vb, 194va, 202vb, 211vb, 223vb, 232va, 249ra, 261vb; Cod. 447, ff. 6va, 10va, 15ra, 20rb, 25rb, 32vb, 37rb, 42va, 50va, 57vb, 62vb, 68ra, 73rb, 83rb, 90ra; Initiale f. IIra verloren (Blatt ausgeschnitten); Cod. 448, ff. 1ra, 1rb, 2ra, 15va, 26va, 35vb, 43vb, 50vb, 59vb, 67vb, 78ra, 90va, 100va, 112ra, 124va, 130vb, 136rb, 145va, 149vb, 156ra, 163rb, 171ra, 177ra, 183vb, 195va, 203va; Cod. 449, ff. 1ra, 22rb, 29ra, 38rb, 50ra, 61rb, 75rb, 84ra, 98ra, 111ra, 119rb, 127vb, 137ra, 145va, 160ra, 167ra, 175rb, 183va, 190ra (f. 103va anstelle der größeren Initiale eine Lombarde). – Am Ende von Cod. 449 (f. 196r) eine unkolorierte Federzeichnung. Alle Bände mit an drei Seiten bemaltem Schnitt und bemalten Deckeln.


FLEURONNÉ

Die drei- bis siebenzeiligen Buchstabenkörper der Fleuronné-Initialen (I-Initialen können höher sein) in der Regel bogen- oder kopfstempelförmig rot-blau gespalten. Rot-blaues, recht flüchtig, aber routiniert gezeichnetes Knospenfleuronné; Knospen in der Gegenfarbe gekernt oder gepunktet. Es wurden zwei Sorten blauer Tinte verwendet: Kobaltblau und ein dunkleres Blau. Fleuronné der größeren Initialen: In den Binnenfeldern herrschen etwas ungeordnet wirkende Knospenbüschel und -garben vor, die zu Medaillons eingedreht sind (z. B. Cod. 446, f. 1ra), wobei sich ihre langen Stiele in zwei (vereinzelt auch mehr) engen Windungen um die Medaillons legen; die Zwickel wurden mit Einzelknospen, Knospenpaaren oder -gruppen gefüllt; weitaus seltener sind zweikonturige C-förmige Motive (in langgezogener Form) und halbe, kompartimentartig aneinandergefügte Garben (z. B. Cod. 448, f. 50vb). Zumeist seitenhohe Fleuronné-Leiste mit alternierend roten und blauen keil- oder kreissegmentförmigen Besatzmotiven, die oft sägeblattartig gezahnt sind und in einen kurzen Faden auslaufen, der einfach geschlungen sein kann. An Buchstabenkörpern und Leisten Konturlinien (jedes Leisten-Besatzmotiv von einer eigenen Konturlinie hinterfangen, die sich in der Regel am unteren Ende zu einer kleinen, mit einer Fibrille besetzten Volute eindreht) und als Besatz unter anderem Knospen, kleine Kreise, Schlingen und Fibrillen (Cod. 448, f. 1ra als Besatz zudem ein Knospenmedaillon und große kreuzschraffierte Perlen mit aufgesetzter Fibrille); Fadenausläufer, die über der Leistenspitze oft bogenförmig zusammengeführt werden oder eine Schlinge bilden und dabei einen gegenfarbigen Ausläufer einschließen, welcher in mehreren kleinen, locker aufeinander folgenden Kreisen endet; am Leistenfuß wachsen die Fadenausläufer vertikal (zumeist gerade oder nur leicht eingebogt) nach unten; an den Ausläuferenden Fibrillen oder Abfolgen kleiner Kreise; Cod. 446, f. 1ra ein horizontaler Ausläufer über die ganze Seitenbreite geführt; Cod. 448, f. 43vb drei orthogonal abstehende Ausläufer am Leistenfuß.

Das Lombarden-Fleuronné bedient sich in reduzierter Form des Fleuronné-Vokabulars der größeren Initialen (z. B. Cod. 448, f. 8va; Cod. 449, f. 152ra). Die Haupttext-Lombarde häufig etwas aufwendiger als die Glossen-Lombarde; in Cod. 449 die Lombarden generell etwas reicher verziert als in den anderen Bänden (z. B. f. 70rb mit langem Ausläufer). In den Binnenfeldern häufig linearer Dekor (Voluten, konzentrische Bögen, Parallellinien), zudem zweikonturiges C-förmiges Motiv. Konturlinien; als Besatz unter anderem gepunktete oder gekernte Knospen, vereinfachter Perlenbesatz, Fibrillen; Fadenausläufer nach oben häufig haarnadelförmig gebogen, nach unten mehrere gerade oder frei ausschwingende Fäden, zuweilen auch Schlingen; als Endmotive Fibrillen und kleine Kreise.


FEDERZEICHNUNG

COD. 449, f. 196r, ganzseitige, mit kontrolliertem Strich ausgeführte Federzeichnung, die unkoloriert blieb; einige Schmierer und Verfleckungen. Die Zeichnung befindet sich auf einem linierten Pergament-Einzelblatt, dessen Schriftspiegel breiter angelegt ist als sonst in Cod. 446449 (s. Codicologie Cod. 449); das Blatt wurde also nachträglich eingefügt.6

Gegeben sind ein Reiter und eine stehende Frau, die von einer Doppelarkade überspannt werden. Die Anlage der Architektur orientiert sich am zweispaltigen Linienraster des Einzelblattes: Die Spaltenbreite gibt die Bogenbreite vor und das Interkolumnium die Position der Mittelsäule, die als einzige Säule (bis auf die Basis) ausgeführt wurde. Kapitell (der Mittelsäule) und Kämpferzone mit Wülsten, großen Halbpalmetten, einem spitzblättrigem Trifolium und einer mit Rauten geschmückten Spange verziert; über jedem Arkadenbogen ein haubenförmiges Dach, das jeweils von zwei einander zugewandten Halbpalmetten bekrönt wird, welche an ihren Spitzen in einer Lilie bzw. einem Kleeblatt zusammenlaufen; links im Hintergrund die Andeutung eines weiteren Daches oder Türmchens. Der unvollendete Charakter der Architektur regte eine spätere Hand dazu an, im Kontext der Frauenfigur ungeschickte Bogenkonstruktionen mit Bleistift einzutragen. Zudem wurde mit kritzeligen Linien ein Schriftband angedeutet, das sie in ihrer Rechten halten soll. Die Frau trägt ein bodenlanges Gewand, einen Schleier, der sich unter ihr Kinn schmiegt, und eine Krone mit großen palmettenähnlichen Blättern. Ihre Linke hat sie mit zu sich weisender Handfläche vor der Brust erhoben, mit der Rechten deutet sie auf den jugendlichen Reiter, der sich von ihr entfernt, während sein im Passgang schreitender Hengst, der seinen linken Hinterhuf vor die Mittelsäule gestellt hat, den Kopf zu der Bekrönten zurückwendet. Das Gesicht des Jünglings (mit Grübchenkinn) wird von voluminösen, symmetrisch angeordneten Locken gerahmt. Er trägt ein langes, gegürtetes Gewand (mit mehrfach geknöpfter Manschette), spitz zulaufende Schuhe und Radsporen. Mit seiner erhobenen, unbehandschuhten Linken hält er locker die wohl mit kleinen Schellen besetzten Riemen an den Fängen seines auffliegenden Jagdfalken, der mit einer Haube geblendet ist; die Befestigung der Riemen am Geschüh des Falken ist etwas unsicher dargestellt. Wie das Pferd wendet sich auch der Beizvogel der Frau zu. Das Pferd und seine Ausrüstung sind recht detailliert ausgearbeitet: Sein Körper ist mit (eventuell nachträglich eingezeichneten, jetzt nur noch schwach sichtbaren) Kreisen bedeckt, die den Hengst als Apfelschimmel ausweisen. Die Mähne teilt sich in vier, der Schweif in zwei breite Strähnen. Die Krippen des Sattels wurden mit Nieten verziert, ebenso das Hinterzeug, das zusätzlich mit Hängeriemen versehen ist. Der Dekor des breiten Brustriemens aus Rauten sowie großen und kleinen Kreisen korrespondiert mit der Abakuszone des Kapitells.

Charakteristisch die kleinen Münder der Figuren und ihre hoch gewölbten Augenbrauen; markant auch die Augen, deren Unter- und zirkumflexartiger Oberstrich an den Enden nicht zusammengeführt sind; übergroße Hände. Auch das Auge des Hengstes wirkt sehr groß, sein Blick durch den darüber gewölbten Brauenstrich erzürnt; die Hufe bzw. Hufeisen stilisiert geschwungen.

6 HOLTER 1956 (s. ,Literatur‘) 291.

EINBAND- UND SCHNITTBEMALUNG

Die Buchdeckel wurden weiß grundiert7 und mit einer reduzierten Farbpalette von – jetzt nachgedunkeltem – Rot, Grün und Ockergelb bemalt; Farboberflächen von Krakelee durchzogen. Sicherlich auch bedingt durch den Malgrund fällt der Pinselduktus etwas grob, passagenweise holzschnittartig aus, z. B. Cod. 449, VD. Die seriell und als Füllmotiv verwendeten Punktblüten (in zwei Größen) könnten gestempelt sein. Bis auf Cod. 447 alle VD rotgrundig. Kennzeichnend die Verwendung von Architektur- bzw. Maßwerkmotiven sowie die Füllung von Flächen mit flammenartig züngelnden Blättchen (sowohl in Weiß als auch in Schwarz).

COD. 446: Auf dem Vorderdeckel ein von einer feinen, weißen Volutenranke mit dunklen Punktblüten umgebener ockergrundiger Architekturrahmen: im oberen Querbalken (in Schwarz) .S(anctus).MATHE(us)8; flankierende zweigeschossige fialenartige Türmchen mit Maßwerkfenstern (Fensterhöhlungen schwarz ausgemalt) und wimpergartigen Spitzen, die von flammenförmigen Krabben besetzt und statt von einer Kreuzblume durch ein knolliges Blattgebilde (vgl. Zeichnung Cod. 449, f. 196r) bekrönt sind (die Fialenspitzen vor kreuzschraffiertem Grund); als unterer Querbalken eine durch drei Rundbogen (darin jeweils eine Punktblüte) rhythmisierte Balustrade, hinter der das Evangelistensymbol aufragt: der Menschensohn, der hier nicht als Engel, sondern flügellos gegeben ist. Die Dreiviertelfigur mit goldenem (?) Heiligenschein und rotem Mantel steht vor grünem Grund (mit Punktblüten) unter einer spitzbogigen Maßwerkarchitektur und deutet mit der Rechten auf sich selbst. Das Gesicht mit kleinem Mund, roten Wangen und dominanter Nase läuft nach unten spitz zu und ist von blonden Locken gerahmt, die an den Schläfen nach außen abstehen und dadurch den oberen Gesichtsbereich breiter wirken lassen. Die linke Hand verschwindet hinter der Balustrade, vor dem Körper das geschwungene Schriftband Liber generationis Iesu. Hinterdeckel: breiter ockerfarbener Außenrahmen mit üppig ondulierender Blättchenranke in Schwarz; darauf folgend ein roter Rechteckrahmen, auf dem vor grünem Grund ein ockerfarbener stehender Vierpass mit seinen Querarmen aufliegt; die Passbögen jeweils schwarz grundiert und durch einen roten Innenbogen betont, der ein rotes fünfteiliges Blatt umfängt; die spitzen Einzelblätter weiß konturiert und binnenliniert; im zentralen Quadrat vor ockerfarbenem Grund als feine schwarze Silhouette ein wappentierähnlich steigendes, bezungtes Tier (Löwe?). Die drei Schnittseiten mit Trifolien verziert, die (als Negativformen) durch Zickzack-Anordnung von schwarzen Kopfstempeln entstehen. Die spitzovalen Zwischenräume zwischen den Kopfstempeln sind rot ausgemalt.

COD. 447: Auf dem Vorderdeckel in einem ockerfarbenen Rundrahmen (auf grünem, mit Punktblüten verziertem Grund) der steigende und geflügelte Markuslöwe mit spitzem Fellschopf, bräunlichem Heiligenschein und dem Schriftband Inicium ewangelii Iesu Christi fili. Der Rundrahmen liegt auf einem roten Rechteckrahmen auf; im Zwickelbereich Füllung aus schwarzen, flammenartigen Blättchen; darüber im Querbalken (in Schwarz) .S(anctus).MARC(US); grüner, weiß konturierter Außenrahmen mit dunklen Punktblüten. Hinterdeckel: auf einem ockerfarbenen, rot gerahmten Rechteckfeld liegt ein auf die Spitze gestelltes, schwarz-rot gerändertes Quadrat auf; darin ein ockerfarbener, spitzer Vierpass mit Eichblattfüllung; darauf wiederum ein brauner, rundbogiger Vierpass mit Rundblattfüllung in Grün; zentral ein auf die Spitze gestelltes rotes Quadrat, in das ein weißer spitzer Vierpass eingeschrieben ist (darin eine dunkle fünfblättrige Blüte); im Zwickelbereich zwischen dem Rechteckfeld und dem ersten auf die Spitze gestellten Quadrat feine grüne Blättchen, in den Ecken fünfblättrige grüne Blüten mit rotem Innenpunkt (darin jeweils eine dunkle Punktblüte), deren gebogte Blütenblätter schwarz und weiß konturiert sind. Die Eichen- und die Rundbogenblätter im Zentrum jeweils mit feinen Binnenlinien in Schwarz bzw. Weiß. Die drei Schnittseiten mit weißen und roten gegenständigen Dreiecken geschmückt, die durch


7 Der weiße Grund, den HOLTER (1956, s. ,Literatur‘, 289) als Kreidegrund bezeichnet, ist vor allem auf den Hinterdeckeln von Cod. 446 und Cod. 448 erkennbar, wo die Farbe an einigen Stellen abgeplatzt bzw. zerkratzt ist.
8 Das us-Kürzel ragt über den Querbalken hinaus.schwarze (gestrichelte) Linien getrennt sind.


COD. 448
: Auf dem Vorderdeckel der steigende und geflügelte Lukasstier mit Heiligenschein und Schriftband Fuit in diebus Herodis in einem ockergrundigen, grünen Vierpassmedaillon, aus dem vier kurze Rankenvoluten entwachsen, welche jeweils in einem geäderten ockerfarbenen Weinblatt enden; zudem sprießen aus ihnen weiße flammenförmige Blättchen; grüner Außenrahmen (weiß und schwarz konturiert) mit Punktblüten; im oberen Querbalken (in Weiß und in kleineren Majuskeln als bei den anderen Bänden): .S(anctus).LUCAS. Hinterdeckel: ein roter Rahmen mit in Weiß eingetragenen, gestrichelten Rauten im Wechsel mit zwei kleinen Kreisen und ein ockergelber Rahmen mit einer vergleichsweise kräftigen ondulierenden Blattranke in Schwarz umgeben das grüne Mittelfeld (zusätzlich von zwei schmalen, schwarzen Linien eingefasst); darin (in Rot, mit schwarzen Konturlinien) ein kleineres Medaillon mit einem schwarzen wappentierartigen Einhorn, das auf ockergelbem Grund über eine Blume springt; das Medaillon läuft in vier etwas unregelmäßig angeordnete Rankenvoluten aus, die jeweils eine fünfblättrige ockergelbe Blüte in gleichfarbigem Rundrähmchen (Ränder der Einzelblätter gebogt) umschließen; darüber hinaus entwachsen den Rankenvoluten weiße Blättchen. Die drei Schnittseiten mit schwarzen, schrägen und mit kleinen Kreisen besetzten Doppellinien bemalt, welche die Schnitte in Kompartimente untergliedern, die jeweils mit einem roten Kreuz gefüllt sind.

COD. 449: Auf dem Vorderdeckel der schreitende Johannesadler mit papageienartigem Schnabel, Heiligenschein und ausgebreiteten Flügeln; sein rechter Fuß verdreht, mit dem linken hält er das Schriftband In principio erat; das Symbol wird umfasst von einem breiten, roten, auf der Spitze stehenden Quadratrahmen, der mit starken schwarzen Linien konturiert und ondulierenden Blättchenranken (in Schwarz) gefüllt ist; über dem Quadrat durch Maßwerkbögen (mit schwarzen Blättchen gefüllt) eine bekrönende Architektur angedeutet; in den Zwickeln unter dem Quadrat zwei spiegelsymmetrisch angeordnete Löwen; dem Adler und seiner Rahmung ist ein ockerfarbenes Rechteckfeld unterlegt, dessen Randbereiche mit Punktblüten verziert sind (die größeren Blüten im unteren Rahmenstreifen mit leicht zugespitzten Blütenblättern); im oberen Deckelbereich, in einem separaten ockerfarbenen Streifen: .S(anctus).JOHANNES. Hinterdeckel (offenbar stark restauriert, laut Holter Holter 1956, s. ,Literatur‘, 291): auf rotem, großzügig mit flammenartigen schwarzen Blättchen gefülltem Grund ein roter, schwarz konturierter stehender Vierpass mit der schwarzen Silhouette eines steigenden Vogels (vor ockerfarbenem, mit Blättchen gefülltem Hintergrund); an das Medaillon setzen vier grüne blütenblattartige, mit gebogten und geäderten Blattformen gefüllte Rundbögen an, denen wiederum vier (etwas kleinere) Maßwerktondi entwachsen; in den Tondi, auf ockerfarbenem, sporadisch mit Blättchen bemaltem Grund, jeweils ein schwarzer, silhouettenartiger Vogel, rechts oben ein flügelloses Fabelwesen mit Raubtierklauen und -schwanz. Die drei Schnittseiten mit ondulierenden schwarzen Blattranken (vgl. insbes. Rankenrahmen Cod. 448, Hinterdeckel) auf rotem Grund geschmückt.

 

STIL UND EINORDNUNG (Cod. 446-449)

FLEURONNÉ

In allen vier Bänden stammt das Fleuronné der größeren Initialen und der Lombarden von einem Zeichner, der auch in folgenden in Frankreich geschriebenen und dann nach Garsten gelangten Codices nachgewiesen werden kann: Cod. 302, z. B. Fleuronné-Initiale f. 1ra, Fleuronné-Lombarde f. 1rb; Cod. 382, z. B. Fleuronné-Initiale f. 8r; Fleuronné-Lombarden f. 1rb und Cod. 396, z. B. Fleuronné-Initiale f. 3ra; Fleuronné-Lombarden f. 118v).9

Sehr ähnlich – von den Binnenfeldmedaillons bis hin zu den sich aufeinander zu biegenden Enden der Fadenausläufer –, im Gesamtbild allerdings etwas akkurater ausgeführt, ist das Fleuronné in Göttweig, StiB, Cod. 59 (rot) / 69 (schwarz), z. B. ff. 6r und 152v


9 Cod. 302: wie Cod. 447–449 eine Pecienhandschrift, s. MURANO 2005 (s. ,Literatur‘) 706–708, Nr. 801–802; SCHIFFMANN 1935, Anm. zu Cod. 302: als Schreibort der Hs. explizit Paris angegeben (laut Auskunft von G. MURANO); Cod. 382: laut DONDAINE-SHOONER (s. ,Literatur‘) 223, Nr. 1473 von französischem Schreiber (librario gallico) ausgeführt; diese Hs. gehört auch zur Bücherschenkung des Abtes Otto von Garsten (s. ,Entstehung und Provenienz‘).Diese theologische Sammelhandschrift wurde zudem mit Deckfarbenschmuck verziert (s. z. B. die unfigürlichen Initialen f. 2r), der eindeutig französischen Ursprungs ist.10

Das Fleuronné der aufgeführten Handschriften lässt sich gut mit Federzeichnungsdekor vergleichen, der über eine relativ lange Zeitspanne in Nordfrankreich und Flandern gepflegt wurde. Typisch für dieses Fleuronné sind die zu Medaillons eingedrehten langstieligen Büschel gepunkteter oder gekernter Knospen, mit denen die Binnenfelder der geometrisch gespaltenen Buchstabenkörper ausgefüllt wurden. Diese Art des Knospenfleuronné begegnet schon in dem 1251 datierten Codex Angers, Bibliothèque municipale, ms. 225 (Guilelmus Peraldus, Summa de vitiis), z. B. ff. 1ra und 57rb: neben der Anlage der Knospenmedaillons sind unter anderem Besatzmedaillons (vgl. Cod. 448, f. 1ra), größere kreuzschraffierte Perlen (ebd.) und das Sägeblattmotiv der Fleuronné-Leiste vergleichbar.11 Nicht so früh wie das in Angers aufbewahrte Beispiel, aber vermutlich noch in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts dürfte die Sentenzenhandschrift St. Paul im Lavanttal, StiB, Cod. 43/1 zu datieren sein.12 Zum Catena-Fleuronné lassen sich in Cod. 43/1 die Fleuronné-Initialen und -Lombarden z. B. auf f. 137v sehr gut in Beziehung setzen. Drei aus Flandern stammende, 1271, 1294 bzw. 1315 datierte Handschriften belegen, dass dieses Fleuronné über das Ende des 13. Jahrhunderts hinaus noch bis mindestens in das zweite Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts en vogue war: Bruges, Bibliothèque de la Ville, ms. 469 (Gilbertus Anglicus, Compendium medicinae), z. B. f. 1rb (Fleuronné-Initiale und -Lombarde) und ms. 269 (Nicolaus de Gorra, Sermones), z. B. f. 1r sowie Bruxelles, Bibliothèque royale Albert Ier, ms. 14868 (Alexander de Villa Dei, Doctrinale), z. B. f. 3r.13 Da die Linzer Catena-Bände frühestens nach 1267/68 (s. ,Entstehung und Provenienz‘ mit Lokalisierungsdiskussion) geschrieben worden sein können und das verwendete Knospenfleuronné über mehrere Jahrzehnte Anwendung fand, lässt sich der französische(-flämische) Ursprung der vier Bände nur recht grob – wohl ab etwa dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts (bis spätestens ins zweite Jahrzehnt) – abstecken.


FEDERZEICHNUNG

Kurt Holter sah in dem Reiter eine Darstellung der Vita activa und in der Frauenfigur die Personifikation einer Tugend, eventuell der Humilitas.14 Allerdings gemahnt die ganzseitig angelegte Zeichnung, in der eine Dame und ein Ritter zu Pferd interagieren, eher an Bilder aus dem Minnekontext, siehe beispielsweise die Miniatur Leutholds von Seven in der Manessischen Liederhandschrift (Heidelberg, UB, Cpg 848, f. 164v).15 Die Federzeichnung in Cod. 449 bildet zwar eher einen Abschied denn eine Begegnung ab (Minnesänger als Bote), und die Dame auf dem Linzer Blatt ist nicht nur eine Edeldame, sondern eine Königin, doch erinnern

10 Zur Handschrift: V. WERL, Manuscripten-Catalog der Stifts-Bibliothek zu Göttweig, Bd. 1. Göttweig 1843, 204–208.
11 Beschreibung: http://ccfr.bnf.fr/portailccfr/jsp/index_view_direct_anonymous.jsp?record=eadcgm:EADC:D34100588.
12 Zur Handschrift: G. SCHMIDT, Materialien zur französischen Buchmalerei der Hochgotik II (Bibeln und theologische Handschriften in österreichischen Klosterbibliotheken), in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 37 (1984) 142–154; Neuedition in: G. SCHMIDT, Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 2, 47–64, bes. 47: „Frankreich, 13. Jh.“ sowie unter der URL: http://www.ksbm.oeaw.ac.at/stpaul/inv/mss1.htm. Auch dieser Codex enthält Deckfarbenschmuck, der eindeutig nach Frankreich gegeben werden kann: Ornamentalinitialen ff. 4r, 72r, 137v, 188r (s. K. HOLTER, Die Bibliothek. Handschriften und Inkunabeln, in: Die Kunstdenkmäler des Benediktinerstiftes St. Paul im Lavanttal [Österreichische Kunsttopographie 37]. Wien 1969, 340–441, hier: 370 und Abb. 484 f.: ff. 4r und 188r).
13 Zu diesen Handschriften: F. MASAI, M. WITTEK (Hg.), Manuscrits datés conservés en Belgique, Bd. 1: 819–1400. Brüssel [u. a.] 1968, 23 (Nr. 15), pl. 54–57; 27 (Nr. 27); f. 1r abgebildet pl. 87b; 28 (Nr. 33); f. 3r abgebildet pl. 99. Zu ms. 469 und zur Hs. in Brüssel s. auch im Artikel „Fleuronné“, Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte IX (1996) Sp. 1113–1196, hier 1153 f. (M. ROLAND), s. RDK-Labor.
14 HOLTER 1956 (s. ,Literatur‘) 291; zur Darstellung des miles als Repräsentant der Vita activa (in Gegenüberstellung zur Vita contemplativa, vertreten durch den Kleriker) s. z. B. Heiligenkreuz, StiB, Cod. 226, f. 129v (zu dieser Handschrift s. manuscripta.at mit Literatur); die in Rede stehende Zeichnung befindet sich im Codexteil 7 (ff. 129–153: Hugo de Folieto, De avibus, ff. 129ra–145va; De rota verae et falsae religionis, ff. 145vb–153va), dessen Schrift nach Nordfrankreich lokalisiert und in die zweite Hälfte 12. Jh. datiert wird, s. scriptoria.at (Schreiber: Hand I). Eine sehr ähnliche Zeichnung in dem etwas jüngeren Pendant Zwettl, StiB, Cod. 253 (um 1200), f. 145v (zur Handschrift s. manuscripta.at mit Literatur).
15 Zu dieser Handschrift s. z. B. http://www.handschriftencensus.de/4957), das Volldigitalisat sowie L. VOETZ, Der Codex Manesse. Die berühmteste Liederhandschrift des Mittelalters. Darmstadt 2015.vor allem der Reiter, der einen Beizvogel auf der linken Hand trägt, und sein lebhaftes Pferd sowie die Gestik der Dame an den Codex Manesse. Die Damen korrespondieren im Zeigegestus, die Reiter mit ihrem Lockenhaar stimmen in Jugendlichkeit und Attitüde überein, die Pferde durch ihre Gangart, Fellmusterung, ihre stilisierte Mähne und den Krippensattel.16 Da es seinen Kopf zurückwendet, lässt sich das Pferd, auf dem die Dame des Wernher von Teufen reitet (und dabei ihren Beizvogel präsentiert; f. 69r) fast noch besser mit dem Ross der Linzer Federzeichnung vergleichen. Zudem könnte eine Darstellung wie die Königin, die ein Schriftband präsentiert (f. 63r: Der von Kürenberg; die Umrisse des Bandes nur schwach erkennbar), die zugegebenermaßen ungeschickte Ergänzung des Schriftbandes in der Hand der Dame in Cod. 449 motiviert haben.17 Auch die Überdachung der Figuren durch (Bogen-)Architekturen findet sich im Codex Manesse (z. B. f. 217r: Die Winsbekin; bei diesem Beispiel ordnet sich, wie in Cod. 449, jeder der beiden Personen eindeutig ein Abschnitt der Arkatur zu). Die wichtigste Parallele ist jedoch der Fingerzeig der Dame auf den Falken, der als Minnesymbol dient. Er versinnbildlicht das Herz des Minnenden, das seine Freiheit verlieren und zum Leibeigenen der Geliebten werden kann.18 In Cod. 449 ergibt sich daraus eine ambivalente Situation: Der Reiter hat sein Herz der Dame nicht überlassen und entfernt sich von ihr – möglicherweise aus „Verblendung“, was die Haube über den Augen des Beizvogels andeuten könnte. Andererseits hält er den Vogel, das heißt sein Herz, nicht wirklich fest, es fliegt trotz seiner Blindheit auf und wendet sich, wie das Pferd, zur Dame hin.

Die aufgeführten Vergleichsbeispiele sind dem sogenannten Grundstock der Manessischen Liederhandschrift entnommen, der um 1300 in Zürich entstand.19 Der stilistische Pool des umfangreichen Grundstocks, der sich aus Buchmalerei, Plastik, Glasmalerei und Kunstgewerbe speist, ist auch für die Einordnung des Linzer Blattes richtungsweisend. Während man vormals die wohl ebenfalls in Zürich hergestellte Weltchronik St. Gallen, Kantonsbibliothek, VadSlg Ms. 302 als Vorbild des Grundstocks favorisierte,20 hat sich mittlerweile die Ansicht durchgesetzt, dass sich dessen Motivik und Formensprache nicht auf unmittelbare Vorläufer zurückführen lassen, sondern für eine „kompilierende Neuschöpfung“ aus Einflüssen sprechen, die dem Kulturraum zwischen Bodensee und Elsass entspringen.21 Dieses von Hoch- bzw. Oberrhein durchflossene Gebiet mit seinen in intensivem Austausch stehenden Zentren Konstanz, Zürich und Straßburg rezipierte schon im Verlauf des 13. Jahrhunderts, verstärkt ab der Jahrhundertmitte, Stilimpulse der westlichen Gotik (Kathedralbauten).22

Der Austausch zwischen den Zentren beruhte zum einen auf den Kontakten, die die religiösen Orden pflegten, zum anderen auf dem Kunstinteresse und Mäzenatentum der Habsburger, deren Stammland mit der Habsburg (Kanton Aargau, CH) und Besitzungen im Elsass sich in den umrissenen Kulturraum einbettet. Um die Jahrhundertwende knüpfte dieses Herrschergeschlecht dynastische Beziehungen nach Frankreich – gemeint ist die Hochzeit von Rudolf III. von Habsburg († 1307; 1298–1306 als Rudolf I. König von Böhmen), dem ältesten Sohn Albrechts I., mit Blanche, der Tochter des französischen Königs Philippe III le Hardi, im Jahr 1300 –, wodurch weiteren gotischen Einflüsse der Weg nach Osten gebahnt
16 Dieser Satteltyp war über einen langen Zeitraum, vom Ende des 12. bis in die ersten Jahrzehnte des 16. Jhs., in Gebrauch, s. W. BOEHEIM, Handbuch der Waffenkunde. Leipzig 1890, 198.
17 Die Dame auf f. 63r ist übrigens die einzige Königin im Codex Manesse, hierzu P. VOLK, Die Königin der Manessischen Liederhandschrift. Zur Historizität des Kürenbergers, in: Alemannisches Jahrbuch 1999/2000 (2001) 225–256.
18 Hierzu D. WALZ, Falkenjagd – Falkensymbolik, Kapitel K in: E. MITTLER, W. WERNER (Hg.), Codex Manesse. Katalog zur Ausstellung in der Universitätsbibliothek Heidelberg, Juni–Sept. 1988. Heidelberg 1988, 350–371, hier 353 f. (Falke als Minnesymbol).
19 Zu Datierung und Lokalisierung: C. M. KESSLER, Gotische Buchkultur. Dominikanische Handschriften aus dem Bistum Konstanz. Berlin 2010, 275–283 (Kat.-Nr. 25), insbes. 280–282; P. KALNING ET AL., Die Codices Palatini germanici in der Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 671–848). Wiesbaden 2016, 705–727 (Beschreibung von P. KALNING), insbes. 705.
20 Beschreibung der Handschrift von R. GAMPER, M. STUDER, 2009, unter der URL: http://www.e-codices.unifr.ch/de/description/vad/0302/; KESSLER (wie Anm. 19) 291–295 (Kat.-Nr. 29); handschriftencensus.de. Die Handschrift wird zeitlich parallel zum Codex Manesse oder etwas später angesetzt.
21 L. E. SAURMA-JELTSCH, Das stilistische Umfeld der Miniaturen, Kapitel J in: Codex Manesse (wie Anm. 18), 302–349, hier 305, 321 f.
22 Siehe KESSLER (wie Anm. 19) 100.wurde.23 Zudem erfasste um 1300 ein kultureller Aufschwung die oberrheinische Region, der bis etwa zum Ende des ersten Jahrhundertdrittels andauerte und sich auch in den österreichischen Raum ausbreitete (s. auch ,Einband- und Schnittbemalung‘).24

Das stilistische Umfeld des Codex-Manesse-Grundstocks liefert für die Einordnung der Linzer Zeichnung folgende Anhaltspunkte und Parallelen: Das Pferd Karls des Großen im zweiten Teil der St. Galler Weltchronik (f. 26v, unteres Register) erinnert durch seine Schreitposition, durch das Zaumzeug bis hin zu seinem entschlossenen, fast zornigen Blick durchaus an das Pferd in Cod. 449. Aber es lassen sich ebenso gut Bezüge zum Katharinentaler Graduale und zur Weingartner Liederhandschrift (s. Anm. 25 und 26) feststellen, die am Hochrhein bzw. in Konstanz entstanden und auf das zweite Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts weisen. Das ehemalige Dominikanerinnenkloster Katharinental (Thurgau) wurde von den Grafen von Kyburg gegründet. Es stand unter dem geistlichen Schutz der Konstanzer Dominikaner und nach dem Aussterben des Kyburger Geschlechts (1263) unter dem weltlichen Schutz des Hauses Habsburg, s. unter der URL http://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/s-z/St_Katharinenthal.html. Im Graduale ist es vor allem die Physiognomie Jesu aus der Christus-Johannes-Gruppe f. 158av, die einen Vergleich mit den Gesichtszügen des Minnesängers in Cod. 449 nahelegt;25 besonders die Nasenform, die Augenbrauenbögen und der zirkumflexartige Oberlidverlauf stimmen überein. In der Weingartner Liederhandschrift sind es die Damen des Meinloh von Sevelingen (p. 20) und des Ulrich von Singenberg (p. 115), die die Frauenfigur der Linzer Federzeichnung in Erinnerung rufen:26 Ihr schmaler Wuchs lässt an grazile Statuetten denken, deren große Hände im Gegensatz zu ihrer Zierlichkeit stehen. Etwa ein Jahrzehnt später und in derselben Kulturregion (Oberrhein-Bodensee) dürfte das mit kolorierten Federzeichnungen bebilderte Speculum humanae salvationis Kremsmünster, StiB, CC 243 entstanden sein. Das Antlitz der darin enthaltenen Schutzmantelmadonna (f. 43va; Abb. s. Faksimile oder Schmidt 2005, wie Anm. 27, 112) lässt sich nicht nur durch Nasenform, Augenbrauenbögen und den kleinen Mund bestens mit den Gesichtern von Dame und Ritter vergleichen, sondern auch durch die in den zirkumflexartigen Oberlidstrich platzierten Pupillen (nach oben gewandter Blick?). Zudem trägt auch die Schutzmantelmadonna Schleier und Krone.27

23 G. SCHMIDT, Bildende Kunst: Malerei und Plastik, in: Zeit der frühen Habsburger: Dome und Klöster, 1279–1379. Katalog zur Niederösterreichische Landesausstellung in Wiener Neustadt, Mai–Okt. 1979. Wien 1979, 82–97, hier 85; Neuedition unter dem Titel „Malerei zur Zeit der frühen Habsburger 1279–1379“ in: G. SCHMIDT, Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 1, 85–97, hier 86 f.
24 Wie Anm. 23, S. 82.
25 Zum Katharinent(h)aler Graduale: Zürich, Schweizerisches Nationalmuseum, LM 26117, s. e-codices, Beschreibung auf der Grundlage des Kommentars zur Faksimile-Ausgabe Luzern 1983, bearb. von M. BERNASCONI, 2017; KESSLER (wie Anm. 19) 305–316 (Kat.-Nr. 34); das Fragment mit der Christus-Johannes Gruppe aufbewahrt unter der Signatur Zürich, Schweizerisches Nationalmuseum, LM 29329.1, hierzu auch C. M. KESSLER, „mit gold den guten sant Johannes da er sich naigte ufen unsers herren brste“: eine Christus-Johannes-Gruppe mit Malanweisung, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 51 (1994) 213–222, insbes. 215. Auf dem VD-Spiegel Vermerk (15. Jh.) An der Trinitas abent do warn ains und / und sehzech iar daz diese convent in dis / kloster gie do man zalt von unsers heren / gebůrt dro/e/zehen hundert iar und / zwelf iar, der einen terminus ante quem (1312) für die Entstehung des Codex und für die Lokalisierung nach St. Katharinental liefert.
26 Zur Weingartner Liederhandschrift: Stuttgart, Landesbibliothek, Cod. HB XIII 1, s. CH. SAUER, Die gotischen Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. 1. Vom späten 12. bis zum frühen 14. Jahrhundert (Katalog der illuminierten Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart 3). Stuttgart 1996, 59–62 (Nr. 3: U. KUDER); KESSLER (wie Anm. 19) 332–334 (Kat.-Nr. 37); L. VOETZ, Der Codex Manesse. Die berühmteste Liederhandschrift des Mittelalters. Darmstadt 2015, 99–106; handschriftencensus.de.
27 Zur Hs.: E. BREITENBACH, Speculum humanae salvationis. Eine typengeschichtliche Untersuchung (Studien zur Kunstgeschichte 272). Straßburg 1930, 43 (Nr. 351); Speculum humanae salvationis. Vollständige Faksimile-Ausgabe des Codex Cremifanensis 243 des Benediktinerstiftes Kremsmünster. Kommentar von W. NEUMÜLLER O.S.B. (Glanzlichter der Buchkunst 7). Graz 1972; Rezension zu dieser Faksimile-Ausgabe: G. SCHMIDT in: Kunstchronik 27 (1974) 152–156, 161–166; Neuedition in: DERS., Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 2, 91–100; Zeit der frühen Habsburger: Dome und Klöster, 1279–1379. Katalog zur Niederösterreichische Landesausstellung in Wiener Neustadt, Mai–Okt. 1979. Wien 1979, 448–450 (Kat. Nr. 243: G. SCHMIDT); Neuedition in: DERS., Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 1, 112 f.

 

EINBAND- UND SCHNITTBEMALUNG

Alle Deckel und Schnitte wurden von einer Hand bemalt. Zu ihrer stilistischen Einordnung können zwar (bislang) keine hundertprozentigen Kongruenzen, aber auf jeden Fall eindeutige Einflussquellen und -strömungen aufgezeigt werden. Bereits von Kurt Holter und Gerhard Schmidt wurden Hinweise eingebracht, die überzeugend verdeutlichen, dass – parallel zum liederhandschriftlichen Kontext der Federzeichnung – nicht nur Vergleiche aus der Buchmalerei heranzuziehen sind, sondern auch aus anderen Kunstgattungen, in diesem Fall aus dem Kunsthandwerk sowie aus der Wand- und Glasmalerei. Die Evangelistensymbole, eingefügt in diverse Rahmenstrukturen, sind in all diesen Kunstgattungen ein beliebtes Sujet. Aus dem Bereich der Buchmalerei sind sowohl für die Figurenbildung als auch für die ornamentalen Elemente der Einbandbemalung Vorlagen hervorzuheben, die in der Zeit von 1310 bis 1325 im St. Florianer Skriptorium entstanden. Diese Erzeugnisse spiegeln ihrerseits Einflüsse aus dem in engem Kontakt mit Frankreich stehenden Kulturraum zwischen Ober-, Hochrhein und Bodensee (s. o. ,Stil und Einordung‘, Federzeichnung) wider, die sich freilich auch direkt mit der Einband- und Schnittbemalung der Catena vergleichen lassen.28


Cod. 446, VD


Indem die Figur im Architekturrahmen, der Menschensohn, auf sich selbst deutet, ruft er seine Geschichte (seinen Stammbaum) in Erinnerung, was durch das Incipit Liber generationis Iesu auf dem Schriftband indiziert wird. Darüber hinaus dient die Figur als Evangelistensymbol und steht für den Urheber des vorliegenden Evangeliums (s. Namenseintrag S[anctus].MATHE[us]) und kann somit auch als Autorbildnis verstanden werden. Es lassen sich Bildnisse von auf sich selbst deutenden Autoren nachweisen, z. B. in einem 1336 datierten Sachsenspiegel (Oldenburg, Landesbibliothek, Cod. pict. Old. Cim. I 410, f. 6r). Dieses etwas ungelenk gezeichnete Kolumnenbild zeigt den Autor Eike von Repgow, sein Buch und die Taube des Heiligen Geistes, auf die der Autor mit der Rechten weist, während er mit der Linken auf sich selbst deutet. Damit könnte die „gedankliche Unterstützung des Autors durch den Heiligen Geist“ ausgedrückt sein.29 Näher verwandt sind jedoch Darstellungen von Propheten mit Schriftband (und Zeigegestus), wie sie z. B. auf einem zeitgenössischen, im Bodenseegebiet (eventuell in Konstanz) gearbeiteten Goldschmiedeerzeugnis, dem Markusschrein in Reichenau-Mittelzell (um 1303–1305, Schwarzweißabb. des Landesarchivs Baden-Württemberg), begegnen: Verkündigung, Prophet im Dreipass-Medaillon rechts oben.30 Das Reliquiar wurde vermutlich aus einer Stiftung finanziert, die der habsburgische König Albrecht I. und seine Frau Elisabeth zu Ehren des hl. Markus tätigten.


Auch Buchmalereien aus dem Bodenseeraum bergen Affinitäten zur Vorderdeckelbemalung des Cod. 446, vor allem in Bezug auf Physiognomie und Haartracht; man vergleiche z. B. die Adventsinitiale des Katharinentaler Graduales (f. 3v; zum Codex und zu den Beziehungen des Klosters St. Katharinental mit dem Haus Habsburg s. unter ,Federzeichnung‘): Es gleichen sich das Matthäussymbol auf dem Vorderdeckel von Cod. 446 und die beiden Evangelistenfiguren sowie die Christusdarstellung der Adventsinitiale im Schnitt der Augen, deren Ober- und Unterstriche (an den äußeren Enden) nicht zusammengeführt sind, durch die breiten Nasenrücken und durch die holzschnittartig ausgeführten Frisuren mit den breiten Haarbögen, die an der Schläfe ansetzen, sich um das Ohr legen, um am Hals entlang in kleineren Locken auszulaufen. Eine Art der Zeichnung, die an Holzschnitte denken lässt, analoge Frisuren und darüber hinaus eine ähnliche Rahmengestaltung mit Rankenfüllung und

28 Siehe vor allem HOLTER 1956 und SCHMIDT 1962 und 2002 bzw. 2005 (zu allen Angaben s. ,Literatur‘).
29 Siehe H. MANUWALD, Der Autor als Erzähler? Das Bild der Ich-Figur in der „Großen Bilderhandschrift“ des Willehalm Wolframs von Eschenbach, in G. KAPFHAMMER ET AL. (Hg.), Autorbilder. Zur Medialität literarischer Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit (Tholos. Kunsthistorische Studien 2). Münster 2007, 63–92, hier 82, Anm. 70 sowie U. PETERS, Das Ich im Bild. Die Figur des Autors in volkssprachigen Handschriften des 13. bis. 16. Jahrhunderts (pictura et poësis 22). Köln [u. a.] 2008, 57 f., Anm. 15.
30 Reichenau-Mittelzell, Münster St. Maria und Markus, Schatzkammer; Medaillons aus Messingplatten geschnitten, graviert und mit rotem und blauem Email gefüllt; weitere Abbildungen (Schwarzweiß) des Reliquiars unter https://www.archivportal-d.de/ (mit der Eingabe „498-1 Nr. 5033“ aufrufbar); das in Rede stehende Medaillon befindet in der oberen Rahmenleiste zwischen den Darstellungen der Verkündigung und der Geburt Christi. Zum Markusschrein s. TH. FEHRENBACH, A. WEISSER, Die Reichenau und ihre drei Kirchen. Ehingen 142005; SAURMA-JELTSCH nennt den Markusschrein als Vergleichsobjekt zur St. Galler Weltchronik (wie Anm. 21) 339 f. (J 13), hier 340.architravartigem, beschriftetem Querbalken bietet auch die Weingartner Liederhandschrift in Stuttgart, z. B. p. 1 (Bildnis Kaiser Heinrichs VI.; zur Hs. s. unter ,Federzeichnung‘). Einige Ähnlichkeiten zu den Einband- und Schnittbemalungen der Linzer Catena zeigt in Bezug auf Gesichtszüge, Haargestaltung, Ranken- und Maßwerkmotive (Rahmung) und speziell bezogen auf die plakative Strichführung der Psalter London, BL, Add. Ms. 22279, der um 1330 in der Diözese Konstanz geschaffen wurde, siehe z. B. f. 13r.31 dürfte das mit kolorierten Federzeichnungen bebilderte entstanden sein. Beispielsweise die Christusfigur im Letzten Abendmahl (f. 48vb) des etwa gleichzeitig im Oberrhein-Bodenseeraum geschaffenen Speculum humanae salvationis Kremsmünster, StiB, CC 243 (zur Hs. s. Anm. 27; ebd. s. Faksimile: Abb. f. 48vb) kommt dem Matthäussymbol auf dem Vorderdeckel von Cod. 446 in der Augenpartie (weiter Augenabstand, offene Lidstriche), durch den Mund mit den kleinen roten Lippenpunkten, die geröteten Wangen und die henkelartigen Haarbögen ziemlich nahe.

Der Architekturrahmen, der Bogen- und Maßwerkstrukturen kombiniert, geht auf nordfranzösische Vorbilder zurück und fand in diversen Ausformungen nicht nur in der Buchmalerei, sondern auch in Wand- und Glasmalereien sowie bei kunstgewerblichen Objekten vielfache Verwendung. Anhand dieser Architekturmotive lässt sich sehr gut der stilistische Transfer von West nach Ost, vom Norden Frankreichs und den angrenzenden Regionen via Elsass, Hoch-/Oberrhein-Bodenseeraum bis nach Österreich, in mehreren Kunstgattungen nachvollziehen. Zuerst ein repräsentatives Exempel aus der nordfranzösischen Buchmalerei: die überspannende Architektur mit krabbenbesetzten Maßwerkgiebeln, Fialen, bekrönt von Kreuzblumen, die sich aus naturalistischen Blättern zusammensetzen, auf f. 25v (Anbetung der Heiligen Drei Könige) des um 1285 in der Diözese Cambrai entstandenen Livre d’images de Madame Marie (Paris, BnF, Nouv. acq. fr. 16251).32 Derartige Architekturen boten sich – in dreidimensionaler Ausarbeitung und unter Verwendung kostbarer Materialien – als Dekoration für Einbände wichtiger Handschriften an – ein bekanntes Beispiel ist der heute in St. Paul im Lavanttal, vormals in St. Blasien (Südschwarzwald) beheimatete Buchdeckel (oder Deckel einer Buchkassette), der um 1270 am Oberrhein, eventuell in Straßburg, von einem wohl aus Frankreich stammenden Goldschmied angefertigt wurde.33 Lieselotte E. Saurma-Jeltsch bezeichnet diesen Buchdeckel als „das französischte aller oberrheinischen Werke jener Zeit“ (wie Anm. 33, 307). Die Einbandbemalungen der Linzer Catena, insbesondere der Vorderdeckel von Cod. 446, können als vereinfachende Reflexionen solcher Prachteinbände, ihrer Untergliederungen und Dekorelemente interpretiert werden. Auch Glasmalereien, die mit der Architektur, zu der sie jeweils gehören, eine Einheit bilden, eignen sich ausgezeichnet für architektonische Organisationsprinzipien; als Beispiel hierfür die in der Literatur immer wieder als Vergleich zum Buchschmuck der Weingartner Liederhandschrift herangezogenen und um 1312 datierten Fenster im Chor der Klosterkirche St. Anna des zwischen Bodensee und Ulm gelegenen Zisterzienserinnenklosters Heiligenkreuztal, das ab etwa 1300 unter dem Schutz des Hauses Habsburg stand.34 Die Einzelfenster mit den Darstellungen der Heiligen Paulus und Philippus (Schwarzweißabb. des Landesarchivs Baden-Württemberg) entsprechen dem Architekturrahmen auf dem Vorderdeckel des Cod. 446 durch die Dreipassfenster, dem bewegten Krabbenbesatz und die Kreuzblumen). Weitere Beispiele aus der Glasmalerei sind die Chorfenster der ehemaligen Klosterkirche von Königsfelden (Aargau). Dieses Kloster (Klarissen und Franziskaner) zu Füßen der Habsburg wurde 1309 zum Gedenken an die Ermordung König Albrechts I. (1308) gegründet und bis 1360 mit einem opulenten


31 Zur Handschrift: SAURMA-JELTSCH (wie Anm. 21) 348 f. (J 20), f. 13r: Farbabb. J 20/1; f. 15v (Farbabb. J 20/2): Fialen und perspektivisch-räumlich gestaltete Rundbogen-Architektur.
32 Dieses und weitere Bilder sowie Angaben zu Handschrift suchbar unter der URL http://mandragore.bnf.fr (unter „recherche“, mit Eingabe der Signatur „Nouvelle acquisition française 16251“ in „index“). Zur Handschrift außerdem: A. STONES, Le livre d’images de Madame Marie. Reproduction intégrale du manuscrit Nouvelles acquisitions françaises 16251 de la Bibliothèque nationale de France. Paris 1997; A. BRÄM, Das Andachtsbuch der Marie de Gavre: Paris, Bibliothèque nationale, Ms. nouv. acq. fr. 16251. Buchmalerei in der Diözese Cambrai im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts. Wiesbaden 1997; ergänzende die Rezension beider Bücher von J. HAMBURGER, in: Scriptorium 52 (1998) 413–428.
33 Zeit der frühen Habsburger (wie Anm. 27) 477 f. (Nr. 276: H. FILLITZ); SAURMA-JELTSCH (wie Anm. 21) 307 und 331 f. (J 7) mit Farbabb.
34 Zum Kloster Heiligenkreuztal: Klöster in Baden-Württemberg, s. unter der URL https://www.kloester-bw.de/kloster1.php?nr=624; zur Verbindung mit dem Haus Habsburg: Landesarchivdirektion Baden-Württemberg (Hg.), Der Landkreis Biberach 1. Sigmaringen 1987, 107; Bezug der Glasfenster zur Weingartner Liederhandschrift: SAURMA-JELTSCH (wie Anm. 21) 341–343 (J 15), bes. 342; KESSLER (wie Anm. 19) 334.Glasfensterprogramm ausgestattet; die Chorfenster fertigte man noch vor 1330 (wohl zwischen 1325 und 1330) an.35 Beispielsweise die Fenster mit der Anbetung der Heiligen Drei Könige, insbesondere die flankierenden Fenster, die einen der Könige sowie Maria mit dem Jesuskind zeigen (s. https://www.ag.ch/de/bks/kultur/museen_schloesser/kloster_koenigsfelden/glasfenser/glasfenster_neu.jsp, Bild 4), weisen Elemente wie krabbenbesetzte und von Kreuzblumen bekrönte Maßwerkgiebel (mit Fialen) auf.36 In der Buchmalerei am Hochrhein gehen z. B. schon die Giebelformen auf f. 203v des ersten Teils der um 1300 wohl in Zürich entstandenen St. Galler Weltchronik (zur Handschrift s. Anm. 20) bestens mit den Abschlüssen der fialenartigen Türmchen auf dem Vorderdeckel von Cod. 446 zusammen. Im ersten und zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts gelangte diese Motivik bis in das heutige Oberösterreich. In der im Benediktinerstift Kremsmünster unter Abt Friedrich von Aich (1275–1325) geschriebenen und um 1310 im Augustiner-Chorherrenstift St. Florian illuminierten vierbändigen Bibel Kremsmünster, StiB, CC 351–354, passen die Giebelstrukturen mit ihren Fialen, Krabben und Kreuzblumen auf f. 280r des ersten Bandes (Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Taf. 39a), noch besser mit der Architektur auf dem Vorderdeckel von Cod. 446 zusammen.37 Gerhard Schmidt verortete die Vorbilder für die Aich-Bibel in der oberrheinischen Buchmalerei und zieht als Vergleich unter anderem die St. Galler Weltchronik heran.38 Für den Wirtschaftshof des Benediktinerstiftes Göttweig in Stein an der Donau wurde um oder kurz nach 1300 eine Kapelle mit Vorraum und Oratorium errichtet.39 Alle Räume malte man noch im ersten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts (um 1305/10) mit Fresken aus, die einen engen stilistischen Zusammenhang mit der St. Florianer Buchmalerei erkennen lassen. Auch hier wurden etliche Architekturelemente eingesetzt, z. B. in Verbindung mit den beiden spitzbogigen Wandnischen (Sedilien) an der Südwand des Kapellenraums (Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Taf. 22), die von krabbenbesetzten Giebeln überdacht werden, wie sie auch auf dem Vorderdeckel von Cod. 446 zu erkennen sind.


Cod. 446, HD

Wie schon in Verbindung mit dem Vorderdeckel von Cod. 446 angemerkt darf die geometrische, durch den zentralen Vierpass geprägte Anlage des vorliegenden Deckels (sowie auch des Hinterdeckels von Cod. 449) als Widerhall der Strukturierungen und Schmuckelemente zeitgenössischer Prachteinbände verstanden werden; als weiteres Exempel der Einband (Vorderdeckel) des Wiener Neustädter Evangeliars (Farbabb. in manuscripta.at), der im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts in Konstanz hergestellt wurde.40 Ohne den häufig als Rahmung eingesetzten Vierpass an dieser Stelle überinterpretieren zu wollen (man 


35 G. SCHMIDT, Bildende Kunst: Malerei und Plastik (wie Anm. 23) 82 sieht dieses als habsburgische Stiftung belegte Werk als konkrete Möglichkeit eines dynastisch bedingten künstlerischen Austausch zwischen den Vorlanden (das heißt den früheren Besitzungen des Hauses Habsburg westlich von Tirol und Bayern) und Österreich.
36 Siehe auch Zeit der frühen Habsburger (wie Anm. 27) 439 f. (Nr. 236: G. FRITZSCHE), Abb. auf S. 440.
37 Zur Aich-Bibel: G. SCHMIDT, Die Malerschule von St. Florian. Beiträge zur süddeutschen Malerei zu Ende des 13. und im 14. Jahrhundert (Forschungen zur Geschichte Oberösterreichs 7). Graz [u. a.] 1962, 21–25, 75–79 (Nr. 35), 126–135; Zeit der frühen Habsburger (wie Anm. 27) 431 f. (Kat. Nr. 227: G. SCHMIDT); Neuedition in: DERS., Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 1, 111 f.; H. FILL, Katalog der Handschriften des Benediktinerstiftes Kremsmünster 1: Von den Anfängen bis in die Zeit des Abtes Friedrich von Aich (ca. 800–1325) (Österreichische Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Klasse, Denkschriften 166 = Veröffentlichungen der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters II,3,1). Wien 1984, 457–461; G. SCHMIDT, Eine Nachlese zur „Malerschule von St. Florian“, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 54 (2000), Heft 2/3, 293–307; Neuedition in: DERS., Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 1, 177–192, bes. 177; L. SCHULTES, B. PROKISCH (Hg.), Gotik Schätze Oberösterreich. Katalog zu einem Ausstellungsprojekt des Oberösterreichischen Landesmuseums in Linz (Schlossmuseum), Freistadt, St. Florian, Kremsmünster, Mondsee, Steyr, Peuerbach, Braunau, Ried, Schlierbach, Linz (Landesgalerie). Weitra 2002, 339 f. (Nr. 3/11: G. SCHMIDT); Neuedition in: G. SCHMIDT, Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 1, 130.
38 SCHMIDT, Malerschule (wie Anm. 37) 22, 126–135, bes. 129.
39 Zu den Fresken der Göttweigerhofkapelle: SCHMIDT, Malerschule (wie Anm. 37) 91–95 (Nr. 52); E. LANC, Die mittelalterlichen Wandmalereien, Bd. 1: Wien und Niederösterreich. Wien 1983, 293–308, Abb. 504–545, Farbtf. VII; Abbildungen bei REALonline v. 1.1, Universität Salzburg, s. unter der URL: http://tethys.imareal.sbg.ac.at/realonline/, Bildnr. 003853–003860 sowie die 360°-Panoramen von Oratorium und Kapellenraum unter der URL: http://www.kirchen-am-fluss.at/stein-goettweigerhofkapelle.
40 Wiener Neustadt, Stadtmuseum, Cod. A. 60; Literatur und weitere Abb. zu dieser 1325 datierten Handschrift unter der URL: http://manuscripta.at/m1/hs_detail.php?ID=1708.vergleiche beispielsweise die Rahmen der klugen und törichten Jungfrauen in den Fensterleibungen des Oratoriums in der Göttweigerhofkapelle, s. Lanc, wie Anm. 39, Abb. 528; s. auch Panorama), sei hier auf die vier jeweils in Vierpässe eingeschriebene Evangelistensymbole verwiesen, die die zentrale Mandorla des Vorderdeckels des Wiener Neustädter Evangeliars flankieren. Vielfach gezackte, weiß umrandete Blätter, die den roten Blättern in den Vierpassbögen auf dem HD von Cod. 446 ähneln, begegnen in der Aich-Bibel (s. Anm. 37), z. B. im dritten Band CC 353, f. 296ra. Zu den wellenförmig verlaufenden Rahmenranken siehe Cod. 448, HD sowie die Schnittbemalung von Cod. 449 (die Blattrahmen jeweils etwas gröber ausgeführt).


Cod. 446, Schnitte

Die Bemalung des Schnitts dürfte zurückzuführen sein auf die Gestaltung von Frieszonen in der Wandmalerei, vergleiche den im Vorraum der Göttweigerhofkapelle (s. Anm. 39) unterhalb der Matthiasfresken umlaufenden Fries aus lanzettförmigen, mit Kugeln besetzten Blättern (s. z. B. unter der URL: http://tethys.imareal.sbg.ac.at/realonline/, Bildnr. 003853). In engem Konnex mit dem Fries in der Göttweigerhofkapelle steht die ebenso breit angelegte Umrahmung des Freskos einer Vogelmadonna (um 1310) in der ehemaligen Minoritenkirche in Stein an der Donau (Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Taf. 34b), die ebenfalls mit Zickzackbändern aus spitzovalen Blättern gefüllt ist.41


Cod. 447, VD

Dem Markuslöwen lässt sich der Löwe aus der Tafel der Tierkreiszeichen auf f. 1v im zirka 1310 in St. Florian geschaffenen Walling-Missale, St. Florian, StiB, CSF III/221A, gegenüberstellen (Farbabb. in Vivarium; s. auch Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Taf. 19).42 Eingeschrieben in einen Medaillonrahmen nehmen beide Löwen die gleiche wappentierähnliche Pose mit erhobener Tatze und um den Hinterlauf geschlungenem Schweif ein. Die Federzeichnungen auf f. 1 stammen von einem anderen Buchmaler als der Deckfarbenschmuck des Missales und wurden eventuell erst nach dessen Vollendung, ergo im zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts, beigefügt.


Cod. 447, HD

Grundlegend zum geometrischen Gefüge dieses Deckels siehe oben bei Cod. 446, HD.
Die in die Passbögen eingetragenen Blätter mit ihren zumeist doppellinigen Adern besitzen, auch in der Farbigkeit (Ocker), eine gewisse Ähnlichkeit mit Blätterformationen in der Aich-Bibel (s. Anm. 37), siehe beispielsweise die Zwickelblätter der Malachias-Initiale im dritten Band (CC 353, f. 360ra: Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Taf. 40b).
Das Blattwerk und die an Rosetten-Einbandstempel erinnernden Blüten zeigen eine gewisse Verwandtschaft zum Randdekor des Katharinentaler Graduales (s. Anm. 25), z. B. f. 158av: siehe die Blume mit den eingebuchteten Blütenblättern neben dem Kopf der Nonne sowie die Koexistenz von feinen Blättchen und kräftigen Blättern mit diversen Spitzen am selben Rankengeäst (hierzu auch bei Cod. 448, VD).


Cod. 447, Schnitte

Die Schnittdekoration von Cod. 447 wirkt durch den Zickzackverlauf wie eine vereinfachte Version der Schnittbemalung (schwarz-rot herausgearbeitetes Maßwerkband) des Linzer Cod. 440.43 Cod. 440, ein weiteres Werk des Thomas von Aquin (Summa contra gentiles), gehörte wie die Catena zur Schenkung des Abtes Otto von Garsten (s. ,Entstehung und Provenienz‘); zu dieser Hs. s. künftig das Digitalisat mit Beschreibung von Anna Reisenbichler in der Digitalen Landesbibliothek.
41 Zu diesem Freskofragment: SCHMIDT, Malerschule (wie Anm. 37) 95 (Nr. 53).
42 Zum Codex: SCHMIDT, Malerschule (wie Anm. 37) 60 f. (Nr. 8) und 89 f. (Nr. 48), hier insbes. S. 90; Gotik Schätze Oberösterreich (wie Anm. 37) 340 f. (Nr. 3/12: G. SCHMIDT); Neuedition in: G. SCHMIDT, Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 1, 130 f.; s. auch unter der URL: http://manuscripta.at/m1/hs_detail.php?ID=28441.
43 HOLTER 1956 (s. ,Literatur‘) 293 f.

Cod. 448, VD

Die vier Evangelistensymbole gehörten oftmals zum figürlichen Schmuck von Reliquiaren, wie im Fall des kleinen, aus Lindenholz geschnitzten Reliquienkästchens aus Freiburg im Breisgau, das noch in das späte 13. Jahrhundert gegeben wird.44 Es hat sich lediglich die Füllung einer Längsseite erhalten, darin auch der geflügelte Lukasstier, der durch das Schriftband, den Medaillonrahmen und die Füll- bzw. Zwickelblätter verwandte Züge mit der Gestaltung des Vorderdeckels von Cod. 448 aufweist. Ein weiteres dieser vergleichsweise schlichten Reliquienkästchen, das aus dem niederösterreichischen Raum stammt und oberrheinische Einflüsse zeigt, ist direkt mit Buchmalerei-Erzeugnissen und, im Fall der Linzer Catena, auch mit den Einbandbemalungen verwandt: Bei dem wohl um 1300 anzusetzenden Reliquiar in Klosterneuburg wurden die einzelnen Dekorfelder mit Malereien (Deckfarbe und Gold) auf Pergament beklebt.45 Der Deckel ist unter anderem mit Evangelistensymbolen in Maßwerkmedaillons verziert (s. Zeit der frühen Habsburger, wie Anm. 27, Farbabb. 14: Lukasstier). Für den Vergleich mit dem Vorder- sowie dem Hinterdeckel von Cod. 448 ist in diesem Fall jedoch das Feld mit der Kreuzigung (Längsseite) interessanter (Schwarzweißabb. zum Katalogeintrag, s. Anm. 45), in welchem der grüne Grund, der das zentrale passförmige Feld umgibt, mit weißen Blättchenranken gefüllt ist.

Schöne Beispiele für die symmetrische Durchstrukturierung einer Fläche mittels größerer und kleinerer Rankenvoluten, denen Füllblätter entwachsen, liefern die in unmittelbarer Nachfolge der Aich-Bibel (s. Anm. 37) stehende Sucha-Bibel46 mit ihrer seitenhohen Genesis-Initiale (f. 4r: Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Taf. 44) sowie das Speculum humanae salvationis Kremsmünster, StiB, CC 243 mit dem seitenfüllenden Jessebaum f. 55r (zur Hs. s. Anm. 27; ebd. s. Faksimile: Abb. f. 55r). Außerdem kann man die Form der Blättchen mit dem charakteristisch herauszüngelnden Mittelblatt (s. z. B. auch CC 243, f. 15vb, an den Ranken, die der Bundeslade entsprießen, und an den Ästen mit und ohne Blütenvoluten, die der Knabe f. 16vb in den Händen hält) dem Blattwerk der Füllranken auf VD und HD des Cod. 448 gegenüberstellen.

Für die ahornartigen Zwickelblätter mit den drei größeren und zwei kleineren Spitzen lassen sich gute Vergleichsbeispiele in der St. Florianer Buchmalerei des (ausgehenden) ersten Jahrzehnts des 14. Jahrhunderts festmachen, siehe z. B. im Marbach-Missale (St. Florian, StiB, CSF III/205A; um 1306/10) die rosafarbenen, teilweise ebenso eckständig ausgerichteten Blätter an kräftigem, in Voluten gelegtem Rankengeäst in der Präfationsinitiale P auf f. 66r (Farbabb. in Vivarium; s. auch Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Abb. 86).47 Die Präfationsinitialen des Marbach-Missales sind eng verwandt mit denen des Walling-Missales (CSF III/221A, s. bei Cod. 447, VD mit Anm. 42). Die bewusste fünfteilige Blattform wurde im St. Florianer Skriptorium über längere Zeit eingesetzt und auch in Federzeichnung ausgeführt, siehe z. B. in dem um 1320/25 entstandenen Missale CSF III/204 das Endblatt am unteren Ausläufer der Fleuronné-Initiale auf f. 176r.48


Cod. 448, HD

Nicht nur für die Strukturierung des Zentralfeldes, sondern vor allem für das Motiv des Einhorns liefert die Genesis-Initiale der Sucha-Bibel (s. Cod. 448, VD mit Anm. 46; Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Taf. 44: vgl. insbes. das Einhorn links unterhalb des zentralen Medaillons) ein recht gut passendes Vorbild; denn das Fabeltier wird hier ebenfalls wappentierartig und mit nach vorne geneigtem, dem Rahmenverlauf angepasstem Horn dargestellt.
44 Freiburg, Münsterschatz; s. Zeit der frühen Habsburger (wie Anm. 27) 481 (Nr. 280: H. FILLITZ) mit Abb.; Maße: Länge 19,7 cm, Breite 11,7 cm, Höhe 11,8 cm, mithin die einzelnen Schmuckfelder in der Größe von Buchminiaturen. Die Schnitzarbeiten stehen in Bezug zu Freiburger Goldschmiedearbeiten von Meister Johannes, z. B. zur „Bitt“, einem etwa gleichzeitigen Reliquien-Ostensorium (Freiburg, Münsterschatz).
45 Klosterneuburg, Stiftsmuseum, Inv.nr. KG 199; s. Zeit der frühen Habsburger (wie Anm. 27) 413 (Nr. 201: G. SCHMIDT); Maße: Länge 25 cm, Breite 14 cm, Höhe 23 cm.
46 Krakau, Wawel-Museum, Nr. 2459; um 1315; zur Handschrift: SCHMIDT, Malerschule (wie Anm. 37) 74 f. (Nr. 34); DERS., Nachlese (wie Anm. 37) 183–186, 190–192.
47 Zur Handschrift: SCHMIDT, Malerschule (wie Anm. 37) 56–58 (Nr. 4); Gotik Schätze Oberösterreich (wie Anm. 37) 338 (Nr. 3/9: G. SCHMIDT); Neuedition in: G. SCHMIDT, Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 1, 128; s. auch unter der URL http://manuscripta.at/m1/hs_detail.php?ID=28435.
48 Zur Handschrift: SCHMIDT, Malerschule (wie Anm. 37) 54–56 (Nr. 2); Gotik Schätze Oberösterreich (wie Anm. 37) 341 (Nr. 3/13: G. SCHMIDT); Neuedition in: G. SCHMIDT, Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke (hg. M. ROLAND), 2 Bde. Graz 2005, Bd. 1, 131; s. auch unter der URL http://manuscripta.at/m1/hs_detail.php?ID=28433.Zu den Blüten in den vier Eckmedaillons siehe Cod. 447, HD; zu den weißen Füllblättchen auf grünem Grund siehe Cod. 448, VD.

Der Rankenrahmen, dessen Silhouettenblätter wie sich auflösende Halbpalmetten wirken, besitzt eine gewisse Ähnlichkeit mit den ondulierenden Rankenfüllungen der Rahmenvertikalen auf f. 15v des Psalters London, BL, Add. Ms. 22279 (um 1330; s. Cod. 446, VD mit Anm. 31). Auch hier biegen sich die einzelnen Ästchen weit zurück, und bei den sich auffächernden Einzelblättern sind die äußeren länger als die inneren.
Der äußere Rahmen, in dem sich Rhomben mit je zwei kleinen Kreisen abwechseln, imitiert die Rahmungen von Prachteinbänden mit ihren gefassten Edelsteinen und Email-Einlagen sowie ihren (Gold-)Perlen, siehe den Vorderdeckel des Wiener Neustädter Evangeliars (Farbabb. in manuscripta.at, s. bei Cod. 446, HD mit Anm. 40). In diesem Evangeliar wurde ein seitengroßes Bild des Evangelisten Lukas ebenfalls mit einem weiß aufgemalten Rahmen umgeben (f. 68v, Farbabb. in manuscripta.at), in dem auch gestrichelte Rauten und Paare kleiner Kreise alternieren.


Cod. 449, VD

Die sogenannte Adlerscheibe aus Konstanz, eine teilvergoldete Kupfertreibarbeit mit einem Durchmesser von ungefähr 90 cm, die in Zusammensicht mit der Konrad- und der Pelagius-Scheibe um 1240/70 datiert wird, belegt, dass schon im 13. Jahrhundert der Johannesadler nicht so sehr einem Raubvogel glich, sondern vielmehr einer Taube (Abb. bei Kuder, wie Anm. 49, S. 378 bzw. in Wikipedia).49 Beide Adler nehmen eine fast kongruente Schreitposition ein, umkrallen mit dem erhobenen Fuß das Schriftband und besitzen sehr ähnliche, wie bei einem Papagei gebogene Schnäbel. Der Johannesadler aus der Ezechiel-Initiale im dritten Band (CC 353, f. 249v) der Aich-Bibel (s. Anm. 37) erweist sich dem Adler auf dem VD des Cod. 449 nicht nur durch die Schnabelform und den Ansatzbogen des vorderen Flügels verwandt, sondern auch in der Art der Binnenzeichnung, mit der die einzelnen Federn angedeutet wurden. Zum Rankenrahmen, der das Evangelistensymbol umgibt, siehe Cod. 448, HD.

Die Löwen in den unteren Zwickelfeldern könnten ebenfalls auf eine Inspiration aus der Aich-Bibel zurückgehen, siehe die Daniel-Initiale im dritten Band (CC 353, f. 297r; Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Taf. 37d), in der die beiden vorderen Löwen in eine ähnliche spiegelsymmetrischen Anordnung gebracht wurden. Man vergleiche des Weiteren die Löwen in der Vision der Heiligen Drei Könige (f. 15v) des etwas jüngeren Psalters London, BL, Ms. Add. 22279 (s. Cod. 446, VD mit Anm. 31; Cod. 448, HD). Auch diese Löwen sind mit streng abstehenden Mähnen in eng begrenzende Felder eingeschrieben und haben fallweise ihre Schweife um den Leib bzw. Hinterlauf geschlungen. Zum angedeuteten Architekturüberbau (mit Maßwerkelementen) siehe Cod. 446, VD.


Cod. 449, HD

Die in Medaillons gefassten Vögel zeigen eine gewisse Ähnlichkeit zur Genesis-Initiale der Sucha-Bibel (s. bei Cod. 448, VD mit Anm. 46; Cod. 448, HD; Schmidt, Malerschule, wie Anm. 37, Taf. 44), und zwar zu den kleineren Medaillons, in Sonderheit zum oberen und zum zweiten Medaillonpaar von unten, die jeweils flügelschlagende und schreitende Vögel im Profil rahmen.50 Zur Seitenstrukturierung (symmetrisch angeordnete Medaillons) und zur Blättchenfüllung des roten Grundes vergleiche man den ganzseitigen Jessebaum (f. 55r) im Speculum humanae salvationis Klosterneuburg, StiB, CC 243 (s. Cod. 448, VD).

49 Alle drei Scheiben werden in der Krypta des Konstanzer Münsters aufbewahrt; U. KUDER, Die Konrad-, die Pelagius- und die Adlerscheibe – Ursprüngliche Funktion, kunsthistorische Einordnung, Datierung, in: U. LAULE (Hg.), Das Konstanzer Münster Unserer Lieben Frau. 1000 Jahre Kathedrale – 200 Jahre Pfarrkirche. Regensburg 2013, 366–372. Die Ikonographie des dargestellten Vogels war strittig; Kuder (S. 370) plädiert letztendlich – und, wie der Vergleich mit dem Johannesadler auf dem VD des Cod. 449 veranschaulicht, zu Recht – für eine Interpretation als Johannesadler.
50 Auch geflügelte Drachen und Fabelwesen (auf dem HD von Cod. 449 im Medaillon rechts oben) sind – das Einhorn Cod. 448, HD untermauert dies – als maßwerkgerahmte Schmuckmotive nicht ungewöhnlich, s. z. B. das Fabelwesen im Dreipassrahmen auf einer der Deckellängsseite des Klosterneuburger Reliquienkästchens (s. Cod. 448, VD mit Anm. 45).

 

Cod. 449, Schnitte

Die Bemalung stimmt mit dem Rankenrahmen auf dem Hinterdeckel von Cod. 448 völlig überein. Eine ondulierende Ranke als Schnittbemalung besitzt auch Cod. 387. Diese schwarz-rote Ranke, die wohl von einer anderen Hand in leicht ungelenker Manier ausgeführt wurde, trägt Trifolien und spitze Knospen.
Da in der Schenkungsurkunde Abt Ottos von Garsten (s. ,Entstehung und Provenienz‘ mit Anm. 5) ein Bruder Johannes genannt wird, der mit Sorge und Fleiß die in Rede stehenden Handschriften geschmückt und bereichert hat (… viginti et sex videlicet voluminum numero sollicitudine et industria fratris Iohannis dilecti monasterii professi elaboratorum satis habundeque decoraverit et ditarit) geht Holter 1956 (s. ,Literatur‘, 297) so weit, Buchschmuck oder Einbände der Catena diesem Bruder zuzuweisen. Das Fleuronné der Catena wurde jedoch nicht in Garsten, sondern sehr wahrscheinlich in Paris gezeichnet (s. ,Stil und Einordnung“, Fleuronné), kann also Bruder Johannes mit großer Sicherheit abgesprochen werden. Für eine Diskussion, ob Johannes der Urheber der Einbandbemalungen der Catena gewesen ist, liefert das erhaltene Material – siehe lediglich die Schnittbemalungen Cod. 387 und 440, beide ebenfalls aus der Schenkung – keine tragfähige Grundlage.

LITERATUR (Cod. 446–449)

Siehe oben



Beschreibung von Susanne Rischpler (Fassung vom 15.02.2018)
Letzter Zugriff auf die angegebenen und verlinkten URLs: 15.02.2018

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