Literature

  • Konrad Schiffmann, Die Handschriften der Öffentl. Studienbibliothek in Linz [maschinschriftlich]. Linz 1935, 182, Nr. 249a und Einleitung, S. 27. [online]
  • Konrad Schiffmann, Die Handschriften der Öffentl. Studienbibliothek in Linz (nicht seitenkongruente Abschrift der maschinschriftlichen Fassung Linz 1935 als PDF-Datei mit Nachträgen und neuen Signaturen) [online]
  • Katharina Hranitzky, Hs. 154, in: Christian Enichlmayr, Rudolf Lindpointner (Red.), Von der Schatzkammer des Wissens zum Lernort. 235 Jahre „bibliotheca publica“. Zehn Jahre Oö. Landesbibliothek. Linz 2009, 57, mit Farbabb. S. 56 f. (Einbandvorderdeckel und f. 80r). [online]
  • Katharina Hranitzky, in: Christoph Wagner, Karl Unger (Hg.), unter Mitarbeit von Wolfgang Neiser, Berthold Furtmeyr. Meisterwerke der Buchmalerei und die Regensburger Kunst in Spätgotik und Renaissance. Katalog zur Ausstellung in Regensburg, Nov. 2010–Feb. 2011. Regensburg 2010, 444 f., Kat.-Nr. 299, Farbabb. 399 (f. 80r).
  • Katharina Hranitzky, Berthold Furtmeyr. Zuschreibungs- und Werkstattfragen, in: Christine Beier, Evelyn Theresia Kubina (Hg.), Wege zum illuminierten Buch. Herstellungsbedingungen für Buchmalerei in Mittelalter und früher Neuzeit. Wien [u. a.] 2014, 148-176. [online]
  • Katharina Hranitzky–Michaela Schuller-Juckes–Susanne Rischpler, Vielseitig! Spätgotische Bücherschätze aus oberösterreichischen Sammlungen. Katalog zur Ausstellung in der Oberösterreichischen Landesbibliothek in Linz vom 17. November 2015 bis 27. März 2016 (Buchmalerei des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa 9). Luzern 2015, 58 (Kat. 23); 59 (Farbabb. von f. 17r).
  • Katharina Hranitzky, Beschreibung von Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek, Cod. 154 (Schiffmann 249a) im Rahmen des vom Forschungsfonds FWF finanzierten Forschungsprojektes 'Illuminierte Handschriften und Inkunabeln der OÖLB, Teil 2' (P 21481). [online]
Weitere Literatur s. am Ende der Beschreibung

Description


Die vorliegende Beschreibung wurde im Rahmen des vom Forschungsfonds FWF finanzierten Forschungsprojektes „Illuminierte Handschriften und Inkunabeln der OÖLB, Teil 2“ (P 21481, Leitung Katharina Hranitzky) verfasst. Die Beschreibweise richtet sich nach den Richtlinien, die im Rahmen der Katalogisierung der illuminierten Handschriften und Inkunabeln der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien erstellt wurden und denen auch die Beschreibungen im gedruckten „Katalog der illuminierten Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucke der Oberösterreichischen Landesbibliothek in Linz“ (Bd. 1/1) folgen. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt der Beschreibung auf der Analyse und der kunsthistorischen Einordnung des Buchschmucks. Eine aktualisierte, gedruckte Version des vorliegenden Textes wird in Bd. 1/2 des oben genannten gedruckten Katalogs enthalten sein (in Vorbereitung).


Linz, Diözesan- und Universitätsbibliothek der Katholischen Privat-Universität, Hs. 154 (vormals Linz, Oberösterreichische Landesbibliothek, Cod. 154)

Breviarium für die Diözese Augsburg (lat.)

Augsburg, 1475 (Text); Regensburg (?): Berthold Furtmeyr, um 1475 (Buchschmuck)


Pergament • 487 Blätter • 18/18,5 (bis 18,3) × 13 cm. Von f. 1 der untere Rand weggeschnitten • Lagen: (IV-1)7 + (V-1)16 + 6.V76 + (III-3)79 + 17.V249 + 2.IV265 + (V-1)274 + 19.V464 + (III-3)467 + 2.IV483 + (IV-4)487. Vor f. 1 fehlt ein Blatt (Gegenblatt zu f. 7): Textverlust (Kalenderseiten zu Januar und Februar, s. ‚Inhalt‘); ebenso fehlt das Gegenblatt zu f. 8 (nach f. 16): eventuell ehemals auf der Versoseite des Blattes eine Darstellung (s. die bräunlichen Spuren auf f. 17r, die vielleicht durch Abrieb des Rahmens einer Miniatur entstanden sind [?]); des Weiteren fehlen folgende Blätter (kein Textverlust): drei Blätter nach f. 79 (zweite Lagenhälfte), das Gegenblatt zu f. 266 (nach f. 274), drei Blätter nach f. 467 (zweite Lagenhälfte, die drei letzten Blätter des Grundstocks), vier Blätter nach f. 487 (zweite Lagenhälfte, die vier letzten Blätter der Handschrift). Reklamanten ab f. 26v (außer ff. 219v und 274v [jeweils Textende], 334v [leer], 475v und 483v [nachgetragener Teil der Handschrift]). • Schriftspiegel: ff. 1r7v 14 × 8,5 cm; ff. 8r16v 12,5 x 8,5 cm; ff. 17r487r ca. 12,5/13 × 8 (meistens 8,2/8,3) cm, ff. 17r79v 42 Zeilen, ff. 80r467r meistens 40 Zeilen, ff. 468r487r 36 Zeilen; jeweils nur noch seitliche Begrenzung des Schriftspiegels zu sehen, f. 487r auf dem nicht beschriebenen Teil der Seite außerdem feine, enge Zeilenlinierung. • Buchschrift, der humanistischen Minuskel angenähert; langes s und f häufig mit Schleifen. Gelegentlich cadellenartige oder in Achterschleifen gelegte Ausläufer (z. B. ff. 103r, 105r, jeweils in der letzten Zeile). Zwei Schriftgrößen für gesungene und nicht gesungene Texte. Kolophon (s. ‚Entstehung und Provenienz‘) in Majuskeln, teilweise Unziale (z. B.: E, M), teilweise Capitalis (z. B.: T, V). Foll. 468r487r Textualis von einer zweiten Hand. Spuren brauner Blattweiser.


EINBAND

Braunes Leder über Holzdeckeln mit Blindprägung durch Streicheisen sowie Einzel- und Plattenstempel; Wien ?, 16./17. Jahrhundert. In der Mitte des VD Platte: Kreuzigung mit zwei knienden Männern (die Rüstung des linken Mannes deutlich zu erkennen), ungerahmt. Goldschnitt mit kurvilinearem Muster (einander überlappende Kreise) aus punktierten Linien. Kapitale mit blauem und blassbraunem (oder ursprünglich weißem, bräunlich verfärbtem) Garn umstochen. Auf dem Rücken oben, in Tinte direkt auf das Leder geschrieben, die Signatur 1792. (18./19. Jahrhundert.).


ENTSTEHUNG UND PROVENIENZ

Das Augsburger Brevier (s. ‚Inhalt‘) wurde 1475 in Augsburg geschrieben: s. f. 7r den Kolophon SCRIPTUM • AUGUSTAE • ANNO • 1475. Fol. 80r auf dem unteren Seitenrand Doppelwappen; im linken Schild in Schwarz der Pfälzer Löwe, nach heraldisch links gewandt, das rechte Wappen getilgt, auf dem Schild Spuren blauer und weißer Farbe (Bayern?). Ob das ausgeführte Wappen von demselben Buchmaler stammt wie der übrige Schmuck (s. ,Stil und Einordnung‘), kann nicht eindeutig festgestellt werden. Als Erstbesitzer der Handschrift wäre etwa ein Mitglied des Augsburger Domkapitels aus dem Haus Wittelsbach denkbar (s. ‚Herstellung und Auftraggeber‘). Mit letzter Sicherheit ist der Destinatar der Handschrift, auch aufgrund des fehlenden zweiten Wappens, (vorläufig) nicht zu ermitteln.

Im Jahr 1573 wurde das Brevier von Michael Khrauss (Krauß), Kanoniker von St. Dorothea in Wien, an Leonhardus Greiff, Benefiziat von St. Stephan, geschenkt: s. auf dem Vorderdeckel innen den Schenkungsvermerk Reverendo domino Leonhardo Greiff beneficiato divi Stephani Viennae, in perpetuum amicitiae vinculum, frater Michael Khrauss canonicus regularis ad sanctam Dorotheam (durchgestrichen: ibidem) dono dedit. Anno etc. salutis 1573 iste (?). Der Schenker wird im Bericht über die von Kaiser Maximilian II. veranlasste Klostervisitation von 1566 genannt („Bruder Michael Krauß von Aichstatt ist 24 Jahre alt, und bey einem Jahr im Kloster, und noch nit Priester“1). Der Beschenkte ist wohl identisch mit Leonhardus Greiff Bohemus, der 1559 an der Universität Wien immatrikulierte.2

Jüngere Provenienz: Der Katalog Konrad Schiffmanns von 1935 (s. ‚Literatur‘) enthält unter der Nr. 249a eine nachträglich eingefügte Beschreibung des Codex, die den Hinweis enthält, dieser stamme vielleicht aus dem Besitz Schiffmanns. Schiffmann selbst erwähnt in seiner Einleitung zum Katalog ein „von der Studienbibliothek an das Priesterseminar abgegebene(s), mit prächtigen Miniaturen geschmückte(s) Augsburger Brevier von 1475“, das „aus Traunkirchen … gekommen (war)“, „wie der Besitzvermerk anzeigt“. Ein Traunkirchener Besitzvermerk ist in der Handschrift nicht (mehr?) zu finden. Hingegen bezeugt eine Reihe von Merkmalen, dass sich Hs. 154 tatsächlich ehemals im Besitz der heutigen Diözesan- und Universitätsbibliothek der Katholischen Privat-Universität (DUB) befand. Auf dem Vorderdeckel innen Abklatsch eines Stempels der Priesterseminarbibliothek (vgl. Eichinger, 105, untere Abb.), der ehemals auf dem jetzt weggeschnittenen (in der OÖLB nicht mehr auffindbaren) unteren Rand von f. 1r angebracht gewesen sein muss. (Vielleicht stand hier auch der Traunkirchener Besitzeintrag, s. o.). Des Weiteren auf f. 1r, oben rechts, Etikett mit der gedruckten Signatur Handschriften Nr. 4 (ein entsprechendes Schild und eine Signatur desselben Typs zeigen z. B. Linz, DUB, Hs. 5 und 7, ehemals Hs. 3 und 5). Schließlich die auf dem Spiegel des Vorderdeckels angebrachte Vorsignatur III.C.cc.3 / 1683 (vgl. z. B. dieselben beiden Handschriften). Wann genau das Buch an die Bibliothek des Priesterseminars abgegeben wurde (s. o.), ist unklar, dies muss jedenfalls vor 1857 geschehen sein, da das Brevier bei Joseph Strigl (Die Geschichte des bischöflichen Alumnates, dann des Diöcesan-Knaben-Seminars in Linz. Linz 1857, 123)3 genannt wird. Im handschriftlichen Katalog der Priesterseminarbibliothek von Konrad Schiffmann von 1895 (Tabulae omnium codicum manu scriptorum et annis 1470–1520 impressorum, quos asservat Bibliotheca Seminarii cleric. Linc. [handschriftlich]. Linz 1895, ff. 9v10r [Nr. 7]) wird die Handschrift noch beschrieben. Vermutlich wurde sie erst ab 1939, als die Bibliothek des Priesterseminars beschlagnahmt und in die damalige Studienbibliothek verbracht wurde (s. Eichinger, 105), in der jetzigen OÖLB aufbewahrt. Nach 1945 (zur Restitution der betreffenden Bestände an die Katholische Privat-Universität s. Eichinger, 105 f.) verblieb der Codex, dessen Herkunft nach Wegschneiden des unteren Randes von f. 1 nicht mehr deutlich zu erkennen war, weiterhin in der OÖLB. Nachdem im Jahr 2012 von R. Lomberger und N. Loidol ein „Bericht zu dem NS-Provenienzforschungsprojekt an der Oberösterreichischen Landesbibliothek“ vorgelegt wurde (darin zur Hs. S. 7 f. und 13 [Tabelle 1]), erfolgte schließlich am 17. 5. 2013 die Restitution des Breviers an die Katholische Privat-Universität.

1 Siehe J. C. STELZHAMMER, Decanat inner den Linien Wiens. Das gewesene Stift von St. Dorothea und die Pfarre Roßau mit der vom Lichenthale (Topographie des Erzherzogthums Österreich 15). Wien 1836, 99, Anm. ***.
2 Siehe F. GALL, Die Matrikel der Universität Wien, Bd. 3: 1518/I-1579/I (Publikationen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, VI. Reihe: Quellen zur Geschichte der Universität Wien, 1. Abt.). Wien 1971, 1559 II H 5.
3 Die nicht ganz akkurate Beschreibung des Bandes lautet: „Breviarium scriptum mense Augusto (!) 1575 (!) auf Pergament mit gemalten und vergoldeten Initialen, Randverzierungen. Sehr schönes Manuscript“.

INHALT

Breviarium für die Diözese Augsburg: s. v. a. die Feste im Kalender (s. u.); f. 265r und 265v die Gebete zur Translatio sancti Udalrici (zu diesem beweglichen Fest s. Hoeynck, 247 f.); die zahlreichen ausdrücklichen Hinweise auf die Augsburger Liturgie (chorus Augustensis: ff. 119r, 224v, 243v, 290r, 330v, 342r, 356v, 365v, 367v, 373v, 388r, 412v, 419v, 428r, 450v/451r, 464v; f. 120r: Non habetur in choro quia breviarium nihil narrat de eo nisi in sabbatum vel dominicam venerit anno Domini etc. 1442, Eintrag ähnlich z. B. in München, BSB, Inc. c.a. 217 [GW 5268: Breviarium Augustanum, 1495], f. 152r [jedoch ohne Jahreszahl]); schließlich die Angabe der Prozessionsstationen von Vesperprozessionen im Augsburger Dom, großteils entsprechend Hoeynck (ff. 201v, octava Pascae, ad chorum occidentalem; 220r, Hoeynck 194, Nr. 1; 247r und 247v Purificatio Mariae, erste und zweite Vesper, jeweils ad chorum occidentalem; 338r, Hoeynck, 194, Nr. 9; 349r, Hoeynck, 195, Nr. 14; 357r, Visitatio Mariae [f. 356v: quod festum in choro Augustensi inchoatum est anno Domini millesimo trecentesimo nonagesimo secundo], erste Vesper, ad chorum occidentalem [Hoeynck, 195, Nr. 16: „ad pavimentum“]; 359v und 361r, Hoeynck 195, Nr. 17; 371v, Hoeynck, 195, Nr. 19; 378v, Hoeynck 195, Nr. 20; 391r, Afra, ad chorum sancti Udalrici, vgl. z. B. München, BSB, Inc.c.a. 217 (s. o.), f. 489r; 401r, Hoeynck, 195, Nr. 22; 409r Hoeynck, 196, Nr. 23; 464v, Hoeynck, 196, Nr. 33).

Foll. 1r5v Kalender (Januar und Februar fehlen, s. o.). Darin jeweils oben Anzahl der Tage und Dauer des Mondmonats sowie Tierkreiszeichen, links Tagesbuchstaben und römische Tagesbezeichnungen, rechts Grad der Sonne, Litterae signorum, Tageslänge und Zeitpunkt von Sonnen-auf- und -untergang, für März und April (f. 1r, 1v) außerdem Lunarbuchstaben der Ostertage. Eingetragen sind des Weiteren der Zeitpunkt des Eintritts der Sonne in die Tierkreiszeichen „nach älterer“ (und) mittlerer Annahme“ (s. H. Grotefend, Zeitrechnung des Deutschen Mittelalters und der Neuzeit. HTML-Version von H. Ruth unter der URL, http://bilder.manuscripta-mediaevalia.de/gaeste//grotefend/grotefend.htm, unter Glossar, „Monatszeichen“), die Äquinoktien, die Claves terminorum, die frühesten bzw. spätesten Termine für den Neumond des Ostervollmondes, Ostersonntag, den ersten Sonntag der Fastenzeit, den Sonntag vor Christi Himmelfahrt und Pfingstsonntag, Diluvium factum est (12. 4.), die Hundstage, die mittlere Tages- und Nachtlänge jedes Monats, der Beginn und das Ende von Sommer (25. 5.–27. 8.) und Winter (22. 11.–?). Rot eingetragene Feste sind u. a.: Visitatio Mariae (2. 7., mit Oktav), Ulrich (4. 7., ohne Oktav), Afra (7. 8.), Hilaria et soc., Afra (12. 8.), Magnus abb. (6. 9.), Dedicatio majoris ecclesiae Augustensis (28. 9.), Gallus conf. (16. 10.), Narcissus ep. (29. 10.), Othmar abb. (16. 11.). – f. 6r Johannes de Gmunden (?), Tabula signorum lune (vgl. Klug, 76 f.; München, BSB, Clm 3553, f. 178r, s. die Beschreibung von E. Rauner unter der URL http://www.manuscripta-mediaevalia.de/?xdbdtdn:%22obj%2031722799%22&dmode=doc#|4, hier als Teil des Kalenders von Johannes de Gmunden bezeichnet) – ff. 6v7r Ders. (?), Proprietates signorum (s. Simek–Chlench, 209; Überschrift: De proprietatibus duodecim signorum, Inc.: Ad habendum autem bonum tempus seu malum). – f. 7r Anmerkung zum Aderlass (Thorndike–Kibre, Sp. 519); De quantitate diei artificialis et noctis (Inc. Si vis scire quantitatem id est numerum horarum, vgl. Thorndike–Kibre, Sp. 1475: „Si vis scire quantitatem id est naturam [!] horarum“, hier als Teil des Kalenders des Johannes de Gmunden bezeichnet; s. auch L. Thorndike, Further Incipits of Mediaeval Scientific Writings. Speculum 26 (1951) 673–695, hier 692; vgl. z. B. auch München, BSB, Clm 3553, f. 177r, Literatur s. o.); De ortu et occisu solis (Inc. Si vis scire quotta hora et quotto minuto oriatur sol vel occidat, vgl. z. B. Augsburg, UB, Cod. II.1.4o 72, f. 232v, zur Handschrift s. H. Hilg, Lateinische mittelalterliche Handschriften in Quarto der Universitätsbibliothek Augsburg. Die Signaturengruppen Cod. I.2.4o und Cod. II.1.4o [Die Handschriften der Universitätsbibliothek Augsburg I, 3]. Wiesbaden 2007, 448; der fragliche Text hier als Teil des Kalenders des Johannes de Gmunden bezeichnet. Expl. Et sic hec de canonibus et declaratione et expositione huius kalendarii sufficant (ähnlich z. B. in Augsburg, UB, Cod.II.1.4o 72, f. 253r, s. o., hier Johannes de Gmunden als Autor genannt). – f. 7v leer. – ff. 8r16v Astronomische Tabellen: f. 8r Tabula introductoria numeri; f. 8v Tabula projectilis; ff. 9r10v jeweils Revolutiones und motus der Sonne, der Planeten (Saturn und Jupiter sowie Mars, Venus und Merkur) und des Mondes; ff. 11r14v Motus cum argumentis in diebus mensium latinorum und Motus cum argumentis in horis dierum naturalium von Sonne, Planeten und Mond; ff. 15r16v Equationes cum argumentis von Sonne, Planeten und Mond. – ff. 17r77v Psalterium feriatum. – ff. 78r79v Allerheiligenlitanei und anschließende Gebete. Angerufen werden u. a. die Märtyrer Lambert und Emmeram (nach Urban, Fabian, Sebastian, Blasius) sowie Kilian und Oswald (nach Vinzenz, Georg, Vitus, Dionysius), die Bekenner Rupert, Ulrich, Heinrich, Willibald, Wolfgang, Erhard …, Florinus, schließlich die Jungfrauen Kunigunde, Walburga, Thekla, Ottilie, Afra (nach Dorothea, Christina, Petronella). – ff. 80r219v Pars hiemalis: Proprium de tempore vom ersten Adventsonntag bis Samstag nach Oktav von Christi Himmelfahrt. – ff. 220r263r Pars hiemalis: Proprium de sanctis von Andreas bis Ambrosius. – f. 263v leer. – ff. 264r274r Offizien für die Osterzeit: ff. 264r265v Commune (De uno sancto und De pluribus sanctis) mit Gebeten zum Fest der Translation des hl. Ulrich (s. auch oben); ff. 265v274r De sanctis (von Tiburtius und Valerianus bis Erasmus). – f. 274rv Kirchweihe (In dedicatione alicuius ecclesie) für die Osterzeit. – f. 275r332r Pars aestivalis: Proprium de tempore von Pfingsten bis zum letzten Sonntag vor dem Advent. – ff. 332r334r Capitula und Kollekten an Vigilien vor Heiligenfesten mit Fasten. – f. 334v leer. – ff. 335r467r Pars aestivalis: Proprium de sanctis von Urban bis Saturnin. – f. 467v leer. – ff. 468r487r Commune sanctorum (Nachtrag). – f. 487v leer.

BUCHSCHMUCK

Im nachgetragenen Commune rote Strichelung von Majuskeln, (hell-)rote Überschriften, Textgliederung durch ein- bzw. zwei- bis dreizeilige dunkelrote und blaue Lombarden sowie zehn- bis zwölfzeilige, kopfstempelförmig dunkelrot-blau gespaltene Initialen. – Kalender und Tabellen mit roten Einträgen, ersterer mit abwechselnd roten und blauen KL-Ligaturen. – Foll. 6v-7r rote Überschriften und Kolophon; zu den einzelnen Sternzeichen zwei-, zu den übrigen Absätzen dreizeilige, abwechselnd rote und blaue Lombarden; zum Textbeginn fünfzeilig. – In Psalter, Temporale und Sanktorale rote Überschriften, rote Strichelung von Majuskeln bzw. einzeilige rote und blaue Lombarden; diese in der Allerheiligenlitanei abwechselnd in Rot, Blattgold und Blau.

Zur weiteren Gliederung des Breviers zahlreiche Fleuronné-Lombarden bzw. Goldlombarden mit Fleuronné, teilweise mit Profilmasken; weiters sehr zahlreiche unfigürliche Deckfarbeninitialen mit Rankenausläufern oder freistehenden Blütenstängeln bzw. mit Rankenbordüren. Zu den großen Abschnitten des Breviers 3 historisierte Deckfarbeninitialen mit Rankenbordüren, darin zu Beginn des Winterteils Wappen.

Im Psalter zu den einzelnen Psalmen und eingeschobenen Texten teilweise Fleuronné-Lombarden, meistens jedoch unfigürliche Deckfarbeninitialen, zumeist drei-, teilweise vier- bis sechszeilig. Zu den einzelnen Matutinpsalmen sowie zum ersten Vesperpsalm (ff. 35r, 40r, 45r, 49v, 56v, 62r, 69r) 7 acht- bis neunzeilige Deckfarbeninitialen mit längeren Ranken bzw. Rankenbordüren. Zu Beginn des Psalters (Sonntag, f. 17r) zwölfzeilige historisierte Deckfarbeninitiale mit Rankenbordüre. – Zu Beginn der Allerheiligenlitanei (f. 78r) ca. fünfzeilige Deckfarbeninitiale mit Rankenausläufern. – In Temporale, Sanktorale und Commune zwei- bis dreizeilige Fleuronné-Lombarden, meistens zu den Evangelientexten, zur Antiphon der Laudes oder zur vierten Lektion der Lesehore. Außerdem Deckfarbeninitialen: zwei- bis fünfzeilig zu kleineren Festen, zum ersten Capitulum, zur ersten Kollekt oder zur ersten Lektion; sechszeilig zu größeren Festen (Christi Himmelfahrt, Marienfeste, Allerheiligen) und zu Beginn des Sanktorales des Sommerteils (ff. 213v, 227v, 244v, 260r, 335r, 398r, 448r); schließlich sieben- bzw. achtzeilig zum Ostersonntag, zu Beginn des Sanktorales des Winter-teils und zu Beginn der Offizien für die Osterzeit (ff. 194v; 220r, hier mit Rankenbordüre; 264r). Zu Beginn des Temporales von Winter- und Sommerteil (ff. 80r und 275r) 2 historisierte Deckfarbeninitialen mit umlaufender Bordüre, elf- bzw. neunzeilig.

1. FLEURONNÉ UND FEDERZEICHNUNGSDEKOR

Das in Rosa oder Blau, oft flüchtig, gezeichnete Fleuronné besteht im Wesentlichen aus den folgenden Elementen: parallelen, auseinander laufenden oder S-förmig geschwungenen Fadenfortsätzen, die in unterschiedlicher Höhe in Häkchen oder Wellen enden (z. B. ff. 165v, 316r) und gelegentlich einen federartigen Besatzaufweisen (z. B. f. 165v); zu gebogten Linien vereinfachtem oder flüchti-gem Perlenbesatz (z. B. f. 445v); Halbpalmetten (z. B. f. 321); tropfenförmigen, zumeist mit Binnenpunkten versehenen und (fallweise) an der Außenseite gestrichelten Elementen in den Zwickeln zwischen zwei Fadenfortsätzen (z. B. ff. 123v, 165v, 380v, 445v); Besatzspiralen bzw. „Besatzschnecken“ (z. B. ff. 300v, 380v); breiten Fibrillen (z. B. ff. 165v, 380v); runden oder spitz zulaufenden Knospen, z. B. zur Füllung von Außengrundecken (z. B. f. 316r); charakteristischen männlichen Profilköpfen, die teilweise Fadenfortsätze ausspeien (z. B. ff. 123v, 285r); f. 369v auch kleine punktförmige „Früchte“ mit abstehendem Strich.

Das mit der Feder gezeichnete Ornament, das den in Deckfarben ausgeführten Randschmuck (s. u.) bereichert (z. B. ff. 17r, 80r, 137v, 194v, 275r, 306v), besteht aus Strichel- und Fibrillenbesatz an den Goldtropfen und -perlen sowie aus geschwungenen Fäden, die, meist gebündelt, von den Initialen abstehen und in goldene oder farbige Perlen münden; gelegentlich statt der Perlen Punkte mit Faden (z. B. f. 369v). Da sich die Motive des Federzeichnungsdekors im Fleuronné wiederfinden und beide Elemente des Buchschmucks auch farblich übereinstimmen, kann der Federzeichnungsdekor dem Florator zugeschrieben werden (s. z. B. f. 300v).

2. DECKFARBENINITIALEN

Zur Füllung der Buchstabenkörper der Initialen dienen vorwiegend gewendelte Blattfriese, deren einzelne Blattabschnitte raumgreifend eingerollt (z. B. ff. 17r, 69r, 260r) und manchmal kugelig geformt (z. B. f. 49v) sind. Die Blätter enden meistens in sichelförmigen bis leicht abgerundeten, selten eckigen Blattzähnen (z. B. ff. 17r, 69r, 220r, 260r, 275r), daneben kommen auch breite, axtförmige Blätter (z. B. ff. 40r, 194v) und rundlappige Blattfriese (z. B. f. 80r – hier außerdem im Buchstabenschaft ausnahmsweise gezahnter Blattfries mit zentraler Kugel) vor. Mitunter flächige Blattfriese mit gebogtem Rand (z. B. f. 45r), gebuchtete und kopfstempelförmig eingekerbte Blätter (z. B. f. 398r) sowie, vor allem bei kleinen Initialen, Blätter mit gestricheltem Rand (ff. 32v, 74v). Als Überleitung zu den Abläufen und den schmalen Teilen des Buchstabens rollen sich die Blattfriese oft nach innen ein (z. B. ff. 17r, 25v, 45r, 260r). Nicht vegetabile Motive sind Stufenbänder (z. B. ff. 319v [1], 398r), plastische „Knöpfe“ (z. B. ff. 27r, 137v, 417v) und aneinandergereihte Kugeln (f. 386r). Zuweilen sind die Schäfte, Balken und Bögen des Buchstabens mit Randleisten versehen, die jeweils ein schmales, unverziertes Mittelfeld umrahmen (ff. 42v, 218r [3], 319v [2]). Konkretere, Gegenständliches suggerierende Lösungen zeigen die Initialen auf ff. 201v und 335v: Auf dem erstgenannten Blatt scheint die Initiale aus geknittertem Stoff zu bestehen, auf dem zweitgenannten ist der Buchstabenschaft mit eienr Art gewelltem Band verziert. Fol. 315v (2) wird der Buchstabe schließlich aus einem aufgerissenen Drachenmaul gebildet.

Bei den größeren Initialen Goldgrund; dieser mit dreidimensional gestaltetem Rahmen (ff. 17r, 194v) oder ungerahmt (z. B. ff. 45r, 49v, 80r), dabei z. T. die linksseitigen Außengrundecken abgeschrägt. Bei den kleineren Initialen nur das Binnenfeld in Gold (f. 25v mit „Trichterrahmen“, s. u.). Goldlombarden stehen auf blauem (gerahmtem oder ungerahmtem) Initialfeld oder haben ein blaues Binnenfeld (z. B. ff. 56v [wiederum mit Trichterrahmen], 62r, 121r bzw. 44v, 66r, 186v); die kleineren Initialen auch häufig mit andersfarbiger Füllung bzw. farbigem Initialfeld (s. u.). Die Goldflächen durch Punkt- und Rosettenpunzen, Fadenranken oder in Punkten mündende Strahlen verziert (ff. 80r, 220r, 260r, 275r). Auch die blauen Flächen ornamentiert: durch aufgemalte weiße Fadenranken (f. 227v), dunkel eingezeichneten Blattdekor (ff. 112v, 331v [1], 441v), aber auch durch eingeritzte Kreise (f. 244v) oder sogar rosettenförmige Punzen (ff. 56v, 62r).

Bei den kleinen Initialen in den Binnenfeldern häufig einfache, flächige Blätter oder Blüten (z. B. ff. 17r, 22r, 23v, 24v, 26r [1], 27r [2], 30v usw.), im hinteren Teil der Handschrift stattdessen öfter eingerollte Blätter (z. B. ff. 404v [1], 424r [2], 445v [2]); f. 61r (2) aneinandergereihte, modellierte Kugeln (vgl. den Buchstabenkörper f. 386r, s. o.) und vereinzelt auch andere plastisch herausgearbeitete Motive (z. B. f. 20r [2]).

Gelegentlich sind die Initialen mit einem Rahmen versehen, dessen vier Leisten an ihrer Innenseite abschattiert sind und vom Buchstaben überschnitten werden, so dass die dunklen Zwickel des Außengrundes nur knapp sichtbar werden und der Eindruck eines sich hinter der Initiale trichterartig vertiefenden Grundes entsteht („Trichterrahmen“, s. z. B. ff. 17r [2], 25v, 61r [2] – vgl. dagegen z. B. ff. 17r [1] oder 194v; s. auch die beiden Teile des Binnenfeldes f. 391r; vgl. Anm. 18).

3. RANDSCHMUCK

Grundelement des Randschmucks sind wellige, elastisch wirkende Blattranken mit vielfältig ineinander verschlungenen Seitenarmen. Zu Beginn der Hauptteile des Breviers sowie von Ps 1 und 109 (ff. 17r, 69r, 80r, 220r, 264r, 275r) bildet das Rankenwerk (umlaufende) Bordüren (s. weiters unten, zu den Goldelementen). Die Rankenausläufer sind meistens in charakteristischer Weise hakenförmig eingebogen, können sich aber auch spiralig einrollen und in Goldperlen münden (zu den Goldelementen s. u.); laufen sie aufeinander zu, sind sie oftmals ineinander verhakt (z. B. ff. 17r, 61r, 69r). Auf dem Bas-de-page sind die Ranken häufig zu Medaillons eingerollt, in deren Zentrum die verschiedensten Blüten sitzen können (z. B. ff. 17r, 80r, 275r). Meistens entwachsen die Ranken den Abläufen der Initialen, mitunter liegen sie aber „mit abgeschnittenem Stamm“, ohne Verbindung zur Initiale, auf der Buchseite auf (z. B. ff. 80r, 398r); die Initialen können dann mittels ihrer Blattausläufer an die senkrechten, stabartigen Rankenstämme angehängt sein (z. B. ff. 27r, 35r, 40r).

Die Ranken treiben lange, schmale, meist zu Dreiergruppen zusammengefasste Blätter, die in je drei spitzen, selten abgerundeten Blattzähnen enden und eine schmale, tropfenförmige Erhebung aufweisen, die sich über die ganze Blattlänge zieht. Zusätzlich Paare gegenständig angeordneter, stumpf endender Blattlappen (z. B. ff. 17r, 80r) sowie Blätter aus je zwei oder drei verschieden langen, gewellten Blattzungen mit linear eingezeichneten Mittelrippen (z. B. f. 17r, oben). Außerdem Blätter in verschiedenen Sonderformen: „krallenartig“ (z. B. ff. 61v, 74v [2], 353v), sichelförmig (ff. 318v [2], 378v) oder schlank, lang und spitz zulaufend (f. 345v); schließlich auch Rankenblätter mit mehrfach gezahntem Rand (f. 311v).
Hinzu kommen mit Blattgold belegte Dekorelemente: Zwickeltropfen in den Rankengabelungen (z. B. f. 17r; f. 80r stattdessen dreiecksförmige goldene Zwickelmotive) sowie Perlen, die auf den Ranken und an deren Enden sitzen können und außerdem als Endmotive der mit der Feder gezeichneten Fadenranken dienen (z. B. ff. 244v, 300v, 375v, 460v; zum Federzeichnungsdekor s. o.). Des Weiteren stehen schmale Goldleisten in Gebrauch, die den Schriftspiegel auf bestimmten Folios begleiten und an die die Initialen mit ihren Rankenausläufern angehängt sind (so ff. 69r, 80r und 220r). Schließlich können Knospen, Blüten und Stiele der Blütenstängel (zu diesen s. u.) usw. mit Blattgold belegt sein (z. B. ff. 56v, 137v, hier zusätzlich Reihen von Goldperlen, 425v, 445v) – s. auch unten. Fol. 80r sind die Rankenmedaillons auf dem Bas-de-page, von denen die beiden größeren Wappenschilde umrahmen (s. u. sowie ,Entstehung und Provenienz‘), mit Blattgold gefüllt. Zur Verwendung von Pinselgold und silberfarbenem Metall s. Farbgebung und Maltechnik.

Bereichert wird der beschriebene Randdekor durch die verschiedensten Blüten- bzw. Fruchtstängel, die meistens frei auf der Seite stehen (z. B. ff. 40v, 42v, 47v, 56r, 66r, 121r, 168v, 186v, 222v, 316v, 325v, 326v, 331v, 360v, 441v, 450v) und sich nur gelegentlich aus den Abläufen der Initialen oder den Ranken entwickeln (z. B. ff. 170v, 250v, 300v oder 306v). Mit ihren runden, spitzovalen, lanzettförmigen oder an das gesägte Laub der Rose erinnernden Blättern, die plastisch modelliert sind und sich verschiedentlich räumlich bewegen, unterscheiden sich diese Pflanzenstängel deutlich vom formalisierten Blattwerk der Ranken. Punktuell wird sogar eine bis zu einem gewissen Grad als „illusionistisch“ zu bezeichnende, „punktierende“ bzw. aquarellierende Malweise angewandt (vgl. z. B. die Blüten auf ff. 56r und 441v oder die Blätter auf f. 186v oder 331v). So meint man denn auch auf den ersten Blick, die Blüten und Früchte dieser Pflanzen botanisch bestimmen zu können, es entsteht der Eindruck, es handle es sich bei diesen Motiven um vom Illuminator intendierte Darstellungen real existierender Pflanzen, um versuchte „Naturstudien“.

Gut zu erkennen sind tatsächlich die Früchte und (stilisierten) Blätter der Erdbeerstauden auf ff. 326v und 360v. Auch für die Darstellung einiger weiterer Blumen standen offenbar reale Pflanzen Pate, so zweifellos für die markanten blauen Blüten mit Sporn, die an Veilchen oder Rittersporn erinnern (ff. 47v, 168v, 222v),4 des Weiteren auch für die Stängel mit rosafarbenen Knospen, die jenen der Ackerwinde ähneln (f. 66r) oder eine Nelkenart bzw. eine Blume aus der Gattung der Korbblütler wiederzugeben scheinen (ff. 325v, 331v [1]), sowie für die Glockenblumen (ff. 331v [2], 450v).

Beim näheren Hinsehen aber zeigt sich bald, dass es sich bei den selbständigen Pflanzendarstellungen im Brevier in Wahrheit lediglich um „vorgebliche Naturstudien“ handelt, die nicht den Anspruch erheben, tatsächlich existierende Gewächse zu beschreiben. Die allerwenigsten der Blüten- und Früchtestängel lassen sich nämlich botanisch bestimmen, der Versuch einer Identifikation der Motive misslingt fast immer. Stattdessen legen die dargestellten Pflanzen eine eigentümliche, ganz und gar naturferne „Wandlungsfähigkeit“ an den Tag. Selbst die vermeintlich echten Gewächse finden nicht zweimal in exakt derselben Form Verwendung. Man vergleiche etwa die Darstellungen des Rittersporns oder der Veilchen auf ff. 47v, 168v und 222v miteinander – dieselben Blüten treten jedes Mal in Verbindung mit anderen Blättern auf, die im Übrigen nie Veilchenblätter abbilden – oder stelle die Erdbeerpflanzen auf ff. 326v und 360v ihren Derivaten auf f. 42v und 121r gegenüber, bei denen den Stängeln „Rosengrün“ entwächst und die „Erdbeeren“ zu Kleeblüten mutiert sind – auf f. 121r mündet der Mittelstamm der Pflanze sogar plötzlich in eine Blüte mit abgerundeten Blütenblättern; auf f. 324v sind es wiederum dünne, schwingende Stiele mit kurzen, schmalen Blättchen, die die Erdbeeren tragen. Ein weiteres Beispiel für die Veränderbarkeit der Pflanzen sind die Stängel auf ff. 24v, 56r, 422v und 441v, die jeweils ähnliche Blüten mit Zungenblättern treiben, einander aber weder farblich noch in der Form ihres Laubes entsprechen.

4 Vgl. z. B. die Darstellung des Feldrittersporns in den zu Beginn des 16. Jhs. entstandenen, von Jean Bourdichon illuminierten Grandes Heures der Anne de Bretagne (Paris, Bibliothèque nationale de France, ms. lat. 9474, f. 35r; URL: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b52500984v). Vgl. andererseits aber die Blütenranke in München, BSB, Cgm 8010a (zur Handschrift s. ‚Stil und Einordnung‘), f. 184r, deren Blätter tatsächlich denjenigen des Veilchens ähneln und die zweifelsfrei nicht Rittersporn darstellt.
Desgleichen bleibt die (annähernd) naturalistische Darstellungsweise stets auf einzelne Pflanzenteile beschränkt – so entwachsen etwa die aquarellierend gemalten, zarten, violett-blauen Blüten auf f. 441v Blattstängeln mit schematisiertem Laub, das dem naturfernen Rankenblattwerk ähnelt, während umgekehrt auf ff. 112v oder 186v und sogar bei der benennbaren Glockenblume auf f. 331v (2), des Weiteren z. B. auch auf ff. 181v, 208v oder 317v, jeweils differenziert wiedergegebene und die Natur imitierende Blätter (vgl. besonders f. 186v) mit mehr oder weniger stark ornamentalisierten (f. 112v sogar silberfarbenenen) Blüten kombiniert wurden.

Auf f. 40v ist es wiederum vor allem die goldenen Färbung der Stiele, die eine halbwegs „naturalistische“ Wirkung verhindert, und der an eine Glockenblume gemahnende Blütenstängel auf f. 450v ist dafür zu wenig stark modelliert. Noch etwas naturferner erscheinen Blütenstängel wie jene auf ff. 64v oder 96r, und eine besonders starke Ornamentalisierung erfahren die Rispen und Büschel kleiner bunter Blüten auf ff. 56v, 75v und 183rv, die zwar entfernt an Maiglöckchen bzw. Glockenblumen erinnern, die der Illuminator jedoch um der dekorativen Wirkung willen stark formal schematisiert, zum Teil mit Gold belegt und symmetrisch angeordnet hat.

Die freistehenden Pflanzendarstellungen sollten ganz ohne Zweifel Abbilder realer Gewächse suggerieren, eine Assoziation mit abgeschnitten und auf die Buchseite aufgelegten blühenden oder früchtetragenden Stängeln erwecken. Es ging dem Buchmaler aber keinesfalls darum, sich ernsthaft an einer illusionistischen Darstellungsweise zu versuchen oder gar ein „Herbarium“, eine Sammlung wiedererkennbarer Pflanzen zusammenzustellen. Eine solchen Auffassung des Randschmucks stehen sein ausgeprägter Drang nach möglichst großer dekorativer Wirkung der Motive und seine generell zu starker Stilisierung neigende Darstellungsweise (s. auch unten, zum Figurenstil) im Wege. Seine eigentliche Bestrebung ging dahin, sein Repertoire an ornamentalen Lösungen für die Seitenränder so weit wie möglich zu erweitern. Aus diesem Grund probierte er gleichsam ein neues „Genre“ von Randschmuck aus, das über die Bereicherung von Rankenbordüren durch einzelne botanisch bestimmbare Blumen oder halbwegs naturalistisch wirkende Blütenköpfe (wie z. B. auf f. 17r) hinausging, nämlich die Darstellung abgeschnittener, selbständig existierender, organisch von der Initiale losgelöster und aus dem Kontext des Rankenwerks entbundener Pflanzen.

Diese zu einem kleinen Teil benennbaren, meistens aber nur scheinbar reell existierenden Blumenstängel stellt er dem abstrahierten Formenvokabular zur Seite, durchmischt dabei die Motive nach Belieben, lässt die Pflanzen, die einander ihre Blütenformen und –farben und ihr Laub leihen, sich auf mannigfaltige Weise immer wieder verändern, und verfremdet auch die Pflanzen, die man zunächst zu erkennen vermeint, auf spielerische Art und Weise.

Somit werden im Randschmuck des vorliegenden Breviers Motive verschiedenen Realitätsgrades – annähernd naturalistische Darstellungen botanisch bestimmbarer Pflanzen, „vorgebliche Naturstudien“, schematisierter Akanthus mit Fantasieblüten und abstrakte Dekorelemente – völlig gleichwertig nebeneinander verwendet und kombiniert, wobei die Grenzen zwischen naturnahen und naturfernen Schmuckelementen aufgehoben werden. Zusätzlich bereichert wird der so entstehende Motivschatz noch durch einzelne zoomorphe Elemente, und sogar Anspielungen auf Gegenständliches (Stoff, welliges Band, s. o.) fließen punktuell ins Ornament ein. Der Illuminator fasst grundsätzlich jedes Motiv, unabhängig von dessen Realitätsgrad, als Dekorelement auf. Dadurch steht ihm eine schier unendliche Bandbreite an ornamentalen Lösungen zu Verfügung. Ein „Augentrug“ jedoch hätte nicht seiner Auffassung entsprochen und wäre wohl auch gar nicht im Bereich seiner Möglichkeiten gelegen, und ebensowenig hatte er eine quasi-wissenschaftliche Pflanzenbeschreibung im Sinn.5

5 Zu einem ganz anderen Resultat kommt etwa jener vermutlich mittelrheinische Buchmaler, der die Ränder eines um 1475/85 datierbaren Stundenbuchs und Breviers für Wormser Gebrauch (London, British Library, Egerton ms. 1146, Digitalisat und Beschreibung mit Angabe von Literatur unter der URL http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/record.asp?MSID=7895) mit einer großen Anzahl an Darstellungen verschiedenster botanisch eindeutig bestimmbarer Pflanzen bedeckte. Diese erstaunliche „Sammlung“ von Naturstudien, die teilweise mehrere Wachstumsstadien und verschiedene Ansichten der Pflanzen zeigen und deren Wiedergabe von einem hohen Grad an Naturalismus geprägt ist, kommt sehr nahe an ein echtes Herbarium heran (s. auch J. F. HAMBURGER, Alter Wein in neuen Schläuchen? Die Ausstattung religiöser Handschriften, in: J. F. HAMBURGER, R. SUCKALE, G. SUCKALE-REDLEFSEN [Hg.], Unter Druck. Mitteleuropäische Buchmalerei im Zeitalter Gutenbergs [Buchmalerei des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa 2]. Luzern 2015, 67–133, hier 119 f., m. Abb. 52 f.). Die Londoner Handschrift ist vermutlich etwas jünger als das Linzer Brevier, dennoch wäre zu untersuchen, ob dessen Illuminator nicht ähnliche, ältere Werke gesehen haben könnte. (Im Übrigen finden sich in Egerton ms. 1146 auch ähnliche „Trichterrahmen“.) Auch Skizzenblätter, Pflanzendarstellungen auf Tafelbildern oder gemalte Herbarien, wie sie in Italien um 1400 hergestellt worden waren (vgl. z. B. London, British Library, Egerton ms. 2020, Digitalisat und Beschreibung unter der URL http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/record.asp?MSID=8320), könnten den Illuminator der Hs. 154 inspiriert haben. (Spielkartenmotive scheint er hingegen, anders als viele seiner Zeitgenossen, nicht in seinen Randschmuck integriert zu haben.) Fest steht, dass er die entsprechenden Motive, die in den genannten Werkgattungen stets von einer naturbeschreibenden Art der Wiedergabe geprägt sind oder zumindest auf Identifizierbarkeit abzielen, in seine formverfremdende, formalisierende Formensprache übersetzte und seinem Bestreben nach Variation unterwarf.

4. HISTORISIERTE DECKFARBENINITIALEN

f. 17r (Beginn des Psalters), Initiale B, zwölfzeilig: König David, psalmierend.
David sitzt, leicht nach rechts gewandt, die Harfe zwischen den Knien, auf einer bildparallelen braunen Sitzbank, die rechts von ihm sichtbar wird. Er trägt einen rosafarbenen, mit braunem Pelz gefütterten und gesäumten Mantel, seine Krone ist durch Punktieren des Goldgrundes sichtbar gemacht (der Goldgrund an dieser Stelle leicht beschädigt). Nicht sehr sorgfältig die Modellierung des Gewandreliefs (s. ‚Stil und Einordnung‘).

f. 80r (Beginn des Temporales des Winterteils), Initiale D, elfzeilig: Verkündigung.
Im Mittelgrund, rechts hinter dem übereck gestellten Lesepult im Zentrum der Komposition, kniet Maria mit vor der Brust verschränkten Händen und gesenktem Blick. Der Engel hat den Bildraum von links betreten; dass er kniet, wird durch einen scharfen Knick in der vordersten Stoffbahn seines weiten Gewandes angedeutet. Die Rechte hat er zum Gruß erhoben, in der Linken hält er ein bildparalleles Spruchband mit dem Anfang des Englischen Grußes. Das perspektivische Bodenmuster und die schräge Staffelung der Figuren suggerieren ein gewisses Maß an Raumtiefe, die genaue Ausdehnung des Bildraumes ist jedoch nicht ersichtlich. Auch weist die Komposition gewisse Schwächen auf. So deutet der unter der Sockelplatte des Lesepults durchscheinende senkrechte schwarze Strich darauf hin, dass Marias Knie den Pultsockel in der Vorzeichnung überschnitt. Bei dieser Lösung hätte die Figur Mariens zwar realistische Körperproportionen erhalten, dafür wäre aber nicht deutlich geworden, ob sie hinter oder neben dem Pult kniet. In der ausgeführten Miniatur hat die Marienfigur deshalb einen unnatürlich verkürzten Körper, wobei ihr mit Hilfe des nach vorne auslaufenden Mantelzipfels notdürftig eine halbwegs natürliche Gesamthöhe zurückgegeben wurde. In Clm 15709, f. 32v (zur Handschrift s. ‚Stil und Einordnung‘) wurde die Marienfigur wei-ter vom Lesepult abgerückt, so dass ihre Kontur mit derjenigen des Möbels zusammenfällt; ihre genaue Position im Verhältnis zum Pult bleibt unklar, ihr Oberkörper und ihre Beine befinden sich jedoch in derselben Bildebene. Die Szene in Hs. 154 erscheint wie eine zusammengedrängte Version der kompositorisch besser gelösten Verkündigungsdarstellung im Peutinger-Gebetbuch, f. 1r (zur Handschrift s. ‚Stil und Einordnung‘), das möglicherweise rund zehn Jahre früher entstand als das Brevier. Hier sind die beiden Protagonisten als geschlossene Volumina wiedergegeben (wobei das Gewand jedoch kaum auf die Anatomie der Figuren Rücksicht nimmt) und in ein nachvollziehbares räumliches Verhältnis zum Lesepult im Zentrum gebracht; außerdem ist der Bildraum nach hinten zu durch eine Mauer begrenzt.

f. 275r (Beginn des Temporales des Sommerteils), Initiale V, neunzeilig,auf Goldgrund: Pfingsten.
In Zentrum des Vordergrundes sitzt, auf einer nicht sichtbaren Sitzgelegenheit, die leicht nach rechts gewandte (zu Petrus blickende, s. u.) Maria, die in einen dunkelblauen Mantel gehüllt ist und die Hände zum Gebet gefaltet hat. Beiderseits Mariens sitzen die ebenfalls betenden Apostel, von denen die vorderen – darunter rechts, in Rosa, zu Maria aufblickend, Petrus und links, in Grün, mit gesenktem Blick, vermutlich Johannes – die sie größenmäßig überragende Gottesmutter in einem Halbkreis umringen, während die übrigen Jünger schräg nach links und rechts hintereinander gestaffelt sind. Am oberen Rand des Bildfeldes die frontal wiedergegebene Taube des hl. Geistes (Beine und Nimbus nicht ausgeführt), von der in den Goldgrund eingeritzte, bogenförmige Strahlen ausgehen; diese setzen sich unterhalb des Initialbuchstabens, auf den Außengrundzwickeln, fort. – Kompositorisch verwandt ist die Pfingstdarstellung im Peutinger-Gebetbuch (f. 225r), wo die Figuren jedoch in zwei Reihen hintereinander angeordnet sind Maria auch nicht bzw. nur durch die blaue Farbe ihres Mantels aus der Gruppe heraus ragt. (Im Übrigen sind Petrus und Johannes gegenüber Hs. 154 mit vertauschten Gewandfarben und jeweils an der Stelle des anderen dargestellt; außerdem wurden hier, anders als in Hs. 154, Beine und Nimbus der Taube ausgeführt.)

5. FARBGEBUNG UND MALTECHNIK

Die Farbpalette im Augsburger Brevier setzt sich aus Rosa und Mittelgrün, aus einem dunklen und einem etwas helleren Blauton und aus Violett zusammen; letzterer Farbton wurde offenbar aus Rosa und dem helleren Blau gemischt. Hinzu kommen Blattgold (s. o.), Pinselgold und ein jetzt geschwärztes, ursprünglich silberfarbenes Metall (Silber?); Pinselgold und silberfarbenes Metall werden mit Weinrot oder Grün als Schatten- und Konturfarbe kombiniert, also im Gegensatz zum Blattgold wie Farben verwendet. Für Details stehen Brauntöne, Schwarz, Gelb und Weiß in Gebrauch. Höhungen in Weiß und Gelb. Das Inkarnat der Figuren ist graugrün untermalt und mit Weiß aufgehellt. Die einzelnen Formen sind dunkel konturiert, dabei zwecks Andeutung von Dreidimensionalität manchmal nur an einer Seite und mit mehr oder weniger dicken Linien. Modelliert wird durch dünnes und großflächiges Auftragen der Schattentöne bzw. mittels feiner dunkler Schraffen; der Modellierung der Röhrenfalten des Gewandes (s. u.) dienen Lagen kurzer, dicht gesetzter Schraffen; auf den Rankenstängeln (z. B. an den Kreuzungspunkten zweier Rankenarme) teilweise auch lose nebeneinandergesetzte, kräftigere Schattenstriche. Die Faltenrücken sowie die erhabenen bzw. sich wölbenden Teile des ornamentalen Dekors ebenso wie die Rankenstängel oder die Blatttropfen (s. u.) in der Regel linienförmig gehöht, dabei die Linie jeweils an einem Ende etwas verdickt; stellenweise sind Blatthöhungen mittels zweier kurzer Querstriche oder weiße Punktreihen (etwa auf den Rankenstämmen, z. B. f. 80r) zu finden. Weiß nachgezogen außerdem die Blattränder.

6. WAPPEN

Fol. 80r im Bas-de-page zwei Wappenschilde: links in Schwarz linksgewendeter, rot bewehrter, gezungter und gekrönter goldener Löwe: Pfälzer Löwe; rechts radiert, Spuren weißer und blauer Farbe noch vorhanden: vielleicht ursprünglich die blau-weißen bayerischen Rauten (s. ‚Stil und Einordnung‘, Herstellung und Auftraggeber).


STIL UND EINORDNUNG6

Der Buchschmuck des Augsburger Breviers wurde in der Werkstatt des Regensburger Buchmalers Berthold Furtmeyr (nachweisbar 1470–1501) ausgeführt (zum Illuminator s. ‚Literatur‘). Um dessen beide signierte Werke, ein zweibändiges Altes Testament in Augsburg (UB, Cod. I.3.2o III und IV; für das Ehepaar Hans III. von Stauff zu Ehrenfels in der Oberpfalz, † 1478, und Margarete Schenk von Geyern hergestellt, vom Regensburger Schreiber Georg Rörer geschrieben und 1468 datiert, von Furtmeyr illuminiert, der erste, signierte Band 1470, der zweite 1472 fertig illuminiert)7 und das große fünfbändige Prachtmissale für die Fürsterzbischöfe von Salzburg (München, BSB, Clm 15708–15712; von Bernhard von Rohr, † 1487, in Auftrag gegeben, unter dessen beiden Nachfolgern Johann Beckenschlager, † 1489, und Friedrich Graf von Schaunberg, † 1494, weitergeführt, in den späteren 1470er Jahren [bis 1478] vom Salzburger Buchkünstler Ulrich Schreier und danach bis ca. 1489 von Furtmeyr illuminiert; der fünfte Band, Clm 15712, im Schmuck [f. 89r] von diesem signiert und mit 1481 datiert)8 lassen sich aufgrund stilistischer Übereinstimmungen die folgenden (hier in chronologischer Reihenfolge aufgeführten) Werke gruppieren, die als für Furtmeyr und seine Werkstatt gesichert gelten dürfen: London, BL, Egerton ms. 1895–1896, zweibändiges Altes Testament (ebenfalls von Georg Rörer geschrieben, 1465 datiert);9 München, BSB, Cgm 8010a, erster Band eines Alten Testaments (um 1465/70 für Ulrich von Stauff zu Ehrenfels, † 1472, Bruder des Hans III. und seine Gemahlin Clara Hofer von Lobenstein angefertigt, s. Hernad 2009);10 Durham / North Carolina, Duke University, Special Collections Library, German Ms 1, Gebetbuch (um 1470, s. Cermann,11 oder etwas später); Heidelberg, UB, Cod. Pal. germ. 832, ff. 16r und 103r, jeweils Darstellung eines Astrolabiums auf zwei Einzelblättern (diese eingebunden in eine für Pfalzgraf Philipp den Aufrichtigen, † 1508, und seine Frau Margareta angefertigte astrologisch-astronomisch-mantische Sammelhandschrift, wohl in Ingolstadt nach 1491 entstanden).12 Einfachere, eine niedrigere Stillage repräsentierende Werke aus Furtmeyrs Werkstatt sind München, BSB, Clm 13022 (Regensburger Missale, vermutlich um 1475/80 entstanden),13 und Clm 14004 (Speculum regiminis des Giacomo Filippo Forèsti, fertiggeschrieben 1475, rubriziert 1476).14 Furtmeyr zugeschrieben wurde außerdem der Nachtrag in Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. brev. 91 (Peutinger-Gebetbuch, bislang gegen 1500 datiert, möglicherweise aber schon vor 1465 entstanden).15

Buchschmuck im Furtmeyrschen Stil zeigen schließlich noch einige weitere Handschriften und vor allem eine sehr große Zahl an mehr oder wenig aufwendig illuminierten Inkunabeln (s. hierzu Hranitzky, Furtmeyr).16 Es zeigt sich also, dass die Bandbreite an Aufträgen, die an Furtmeyrs Werkstatt herangetragen wurden und die diese somit auch in der Lage war auszuführen, überaus groß war: Sie reichte von der schlicht gehaltenen Hervorhebung des Textbeginnes in Inkunabeln durch eine motivisch einfache Initiale mit Rankenausläufern bis zur überaus umfangreichen figuralen Illustration und üppigsten ornamentalen Ausstattung von Prachthandschriften. Dabei wurde je nach Auftragsart ein mehr oder weniger großer künstlerischer Aufwand getrieben.

6 Dieser Abschnitt fußt auf HRANITZKY, Furtmeyr. – Links zu Digitalisaten und Beschreibungen der im Folgenden genannten Handschriften, wenn nicht anders angegeben, unter der URL https://www.bayerische-landesbibliothek-online.de/furtmeyr-signaturen abrufbar.
7Siehe JANOTA (darin KAHSNITZ); HUBEL, 119 f. (Kat.-Nr. 104); G. HÄGELE, Die Furtmeyr-Handschriften der Sammlung Oettingen-Wallerstein…, in: WAGNER–UNGER, 335–338; WAGNER–UNGER, 339–361 (Kat.-Nr. 25–91), Abb. 60–104, 107–119, 275–301 u. a., Taf. 42–59 et passim.
8Siehe PFÄNDTNER; B. HERNAD, Das Salzburger Missale Clm 15708–15712, in: WAGNER–UNGER, 367–370; WAGNER–UNGER, 370–416 (Kat.-Nr. 104–233), Abb. 311–340, Taf. 64–109d et passim. Links auf die Volldigitalisate der Bände unter der URL. Zu Schreiers Beitrag s. SCHULLER-JUCKES, Ulrich Schreier und seine Werkstatt. Buchmalerei und Einbandkunst in Salzburg, Wien und Bratislava im späten Mittelalter. Wien, Universität, Dissertation 2009, 50–52, 182 f. (Kat.-Nr. 60–63) sowie 4, 48, 80, 86, 109, 114, 119, 163. Verfügbar unter der URL http://othes.univie.ac.at/3288/ (Textband).
9Siehe KAHSNITZ, 68, 90–93, und Abb. 65–68; WAGNER–UNGER, 306–308 (Kat.-Nr. 2–10), Taf. 2 f., Abb. 254–258.
10 Siehe HUBEL, 119 (Kat.-Nr. 103); HERNAD; DIES., Die „Furtmeyr-Bibel“ Cgm 8010a, in: WAGNER–UNGER, 327 f.; WAGNER–UNGER,329–334 (Kat.-Nr. 11–24), Taf. 4–41, Abb. 262–275 und passim.
11 Siehe R. CERMANN, Gebetbücher (Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters 5, Lieferung 3: Stoffgruppe 43). München 2009, 232–238 (Nr. 43.1.4.). (Vorerst kein Digitalisat der Hs. vorhanden.)
12 Siehe HUBEL, 122 f. (Kat.-Nr. 109), Taf. 80; WAGNER–UNGER, 428–443 (Kat.-Nr. 241–296) und 532, Abb. 348–355, 357–394. Zur Datierung s. K. ZIMMERMANN, Das Heidelberger Schicksalsbuch (Cod. Pal. germ. 832)…, in: WAGNER–UNGER, 425–427, hier 426.
13 Siehe HUBEL, 120 (Kat.-Nr. 105), Taf. 173; WAGNER–UNGER, 365 (Kat.-Nr. 100) und 520, Abb. 310.
14Siehe E. WUNDERLE, Katalog der lateinischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München. Die Handschriften aus St. Emmeran in Regensburg, Bd. 1: Clm 14000–14130. Wiesbaden 1995, 13 f.; des Weiteren: Rohr, 38; WAGNER–UNGER, 530.
15 Volldigitalisat der Hs. unter der persistenten URL http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/bsz330052330. – Literatur: V. E. FIALA, W. IRTENKAUF, Codices breviarii (Cod. brev. 1–167) (Die Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, Reihe 1, Bd. 3). Wiesbaden 1977, 116–119; F. HEINZER, Peutingergebetbuch, in: Bibelhandschriften, Bibeldrucke. Gutenbergbibel in Offenburg. Katalog zur Ausstellung der Badischen und der Württembergischen Landesbibliothek, Offenburg, Sept.–Okt. 1980. Offenburg 1980, 96–98 (Kat.-Nr. 19 mit Abb. f. 1r); R. SUCKALE, Peutingergebetbuch, in: Regensburger Buchmalerei. Katalog zur Ausstellung in Regensburg, Mai–Aug. 1987 (Bayerische Staatsbibl. Ausstellungskataloge 39). München 1987, 108 f., Kat.-Nr. 99 (hier erstmalige Zuschreibung an Furtmeyr); WAGNER–UNGER, 444 (Kat.-Nr. 297), 532, Abb. 506. Zur Zuschreibung an Furtmeyr und zur Datierung s. außerdem HRANITZKY, Furtmeyr, 163–165. – Vgl. zur Datierung auch Anm. 25.

1. DECKFARBENORNAMENT

Hs. 154 zeigt auf seinen Hauptseiten den charakteristischen Furtmeyrschen Rankendekor der mittleren 1470er Jahre. Als dessen wichtigste Merkmale sind zu nennen: die elastischen Ranken, die Rankenblätter, die in drei Spitzen auslaufen und eine tropfenförmige Erhebung aufweisen, die hakenförmigen Rankenenden, bestimmte charakteristische Fantasieblüten wie die dunkelblauen Kelchblüten aus mehreren nach außen eingerollten Blütenblättern oder die dreiteiligen Blüten, deren Blätter dem Akanthus angeglichen sind, schließlich die mit Strichelbesatz versehenen Goldperlen und -tropfen. Analogen, wenn auch etwas weniger reichen Rankenschmuck enthalten insbesondere Clm 13022 (vgl. z. B. f. 9r) und 14004 (vgl. z. B. f. 111v) sowie die Inkunabeln mit Schmuck aus Furtmeyrs Werkstatt, die in diesem Dezennium gedruckt wurden (z. B. Hranitzky, Furtmeyr, 169 f. und Abb. 19 f.). Auch im etwas älteren Egerton ms. 1895–1896 (z. B. ms. 1895, f. 1r) und im Alten Testament in Augsburg (z. B. Cod. I.3.2o III, 384r; auch ff. 297r, 323r) ist stellenweise bereits Randdekor dieses Typs zu finden;17 die Blüten auf f. 80r des Breviers sind etwa mit jenen auf f. 43v in Cod. I.3.2o III gut vergleichbar.

Zu den Zusatzmotiven, die die beschriebene Grundform des Dekors in Hs. 154 bereichern, sind vorwiegend in den Prachthandschriften aus Furtmeyrs Atelier Parallelen enthalten, sie finden sich dort aber hauptsächlich als Begleitdekor zu den rangniedrigeren Zierlettern. Im Augsburger und im Münchner Alten Testament werden die Hauptinitialen von sehr reichem Randschmuck begleitet bzw. entwachsen ihnen, besonders in München, Blüten- und Früchteranken, die durch ihre Üppigkeit und plastische Präsenz – mittels Schlagschatten und Abschattieren der weiter hinten liegenden Blätter wird Dreidimensionalität suggeriert – eine fast monumentale Wirkung entfalten (wodurch sie sogar die Illustrationen zum Text etwas in den Schatten stellen); zudem sind sie von einer Art der Wiedergabe geprägt, die stärker als in Linz auf Wiedererkennbarkeit abzielt und daher die charakteristischen Merkmale der jeweiligen Pflanzen beschreibt (vgl. Cod. I.3.2o III, z. B. f. 233r und vor allem Cgm 8010a, z. B. ff. 167r, 174v, 184r, 322v). Diese Pflanzengebilde vertreten eine höhere Stillage, sind dementsprechend aufwendiger gestaltet als jene im Brevier und lassen sich daher nicht unmittelbar mit dessen Dekor vergleichen (obwohl auch sie im Vergleich etwa zu der in Anm. 4 genannten mittelrheinischen Handschrift eine Vereinfachung und Schematisierung der Formen erkennen lassen). Die kleineren Initialen der Bibeln hingegen werden meistens von kurzen Blütenstängeln begleitet, die jenen in Hs. 154 weitgehend entsprechen (wobei sie allerdings, insbesondere in Augsburg, weniger häufig als in Linz von der Initiale losgelöst sind):18 vgl. z. B. Hs. 154, ff. 47v, 222v mit Cgm 8010a, f. 16v oder Cod. I.3.2oIV, f. 314r, sowie die naturnähere, aufwendigere Variante in Cgm 8010a, f. 184r; Hs. 154, ff. 121r, 326v mit Cod. I.3.2o III, f. 101v oder I.3.2oIV, ff. 74v, 120v sowie die formal aufwendigere Variante in Cgm 8010a, f. 174v; Hs. 154, ff. 66r, 331v mit Cgm 8010a, ff. 17v oder I.3.2oIV, f. 164v; Hs. 154, f. 186v mit Cgm 8010a, f. 367v; Hs. 154, ff. 44v und 112v mit Cod. I.3.2o III, f. 22v usw.

Eine teilweise geradezu surreale Wirkung wiederum entfaltet der von überbordendem Reichtum und außerordentlicher formaler Vielfalt und Originalität gekennzeichnete Randschmuck im fünfbändigen Prachtmissale für die Salzburger Fürsterzbischöfe zusammensetzt, an dessen Illuminierung Furtmeyr ab den späten 1470er Jahren arbeitete (z. B. Clm 15708, ff. 4r, 17v, 47r; 15709, ff. 17r, 72r, 142v, 171v, 184v; 15710, ff. 3v, 31v, usw.). In diesem prestigeträchtigsten seiner Werke wollte der Künstler seine Kreativität in Bezug auf ornamentale Lösungen offenbar bis zum Äußersten steigern. Rankenschmuck, der aus naturähnlichen oder botanisch bestimmbaren Pflanzen gebildet ist, findet dabei nur selten Verwendung (vgl. z. B. Clm 15709, f. 15v; Clm 15711, f. 16r; Clm 15712, f. 71v), und auch die Grundform des Furtmeyrschen Randdekors ist hier nur punktuell vertreten (vgl. z. B. Clm 15711, f. 4r).

Entsprechungen in den Prachthandschriften haben des Weiteren viele der ausgefalleneren Endblüten (vgl. z. B. Hs. 154, f. 45r mit Cod. I.3.2o III, f. 144v), die krallenförmigen Endblätter (vgl. Hs. 154, f. 61v, 74v [2], 353v z. B. mit Cod. I.3.2o IV, f. 203v oder Cgm 8010a, f. 45r); die zusammengesetzten, reichen Schmuckmotive mit den Blütenbüscheln (vgl. z. B. Hs. 154, f. 260r mit Cod. I.3.2o III, f. 166r oder Clm 15708, f. 63r); die Goldrispen (vgl. Hs. 154, f. 445v mit Cod. I.3.2o IV, f. 8va) usw.

Für die Füllungen der Buchstabenkörper liefern sowohl die einfach als auch die reich ausgestatteten Handschriften aus Furtmeyrs Werkstatt geeignete Vergleiche. Originellere Formen sind jedoch wiederum nur in den Bibeln und im Prachtmissale zu finden: vgl. Hs. 154, ff. 45r, 300v mit Cgm 8010a, ff. 61r bzw. 22v; Hs. 154, f. 80r mit Cod. I.3.2o III, f. 111v; Hs. 154, f. 398r mit Cod. I.3.2o IV, f. 199r; Hs. 154, f. 74v mit Cod. I.3.2o III, f. 147vb oder Clm 15709, f. 185r; Hs. 154, f. 137v sowie 42v, 218r [3] und 319v mit Cod. I.3.2o III, f. 60v; Hs. 154, ff. 201v, 315r mit Cod. I.3.2o III, ff. 109v, 181v.

Auch Trichterrahmen, wie sie in Hs. 154 auf ff. 25v, 56v, 61r zu sehen sind, finden sich in den genannten Handschriften, so (um nur einige beliebige Beispiele zu nennen) in Cod. I.3.2o IV, f. 3r (und passim),19 in Cgm 8010a, f. 61r, in Clm 14004, f. 54v oder in ÖNB, Ink 29–20, f. 1r.

Dasselbe gilt schließlich für die Binnenfeldfüllungen – vgl. etwa die modellierten Kugeln in Hs. 154, f. 61r (2) und in Cod. I.3.2o IV, f. 45va; die Blätter mit gebogtem bzw. gewimpertem Rand in Hs. 154, ff. 47v, 75v, 222v und in Cod. I.3.2o IV, f. 8va bzw. in Hs. 154, f. 17r und in Cod. I.3.2o IV, f. 41vb (2); die eingerollten Blätter auf f. 445v in Hs. 154 und in Cod. I.3.2o IV, f. 309ra.

16 Dort auch zu den als „Schülerwerke“ zu bezeichnenden Arbeiten sowie den in der Literatur, insbesondere bei WAGNER–UNGER, irrigerweise zugeschriebenen Werken. – Zusätzlich zu den bei HRANITZKY, Furtmeyr aufgezählten Inkunabeln kann hier z. B. noch Columbia SC, University of South Carolina, Thomas Cooper Library (GW 3409: Nürnberg, 1483) angeführt werden. – Zweifellos wird die von den großen Sammlungen laufend durchgeführte Digitalisierung von Handschriften und Inkunabeln zukünftig noch etliche weitere Werke aus der Werkstatt Furtmeyrs zutage fördern.
17 Sowohl in London als auch im ersten Band der Augsburger Bibel stehen noch ausschließlich spiralförmig eingerollte Rankenausläufer mit goldenen Endperlen in Gebrauch, und es herrschen bzw. kommen noch Rankenblätter aus gewellten Blattzungen vor (z. B. Egerton ms. 1895, f 73v und Cod. I.3.2o III, f. 384r) – also Motive, die für den frühen Ornamentstil Furtmeyrs charakteristisch sind (s. HRANITZKY, Furtmeyr, 165–168, 171 f.).
18 In Durham stehen viel schlichtere, kurze Stängel in Gebrauch.
19 In Cod. I.3.2o IV sind mit Trichterrahmen versehene Binnenfelder z. T. deutlich als Fenster interpretiert: s. auf ff. 47va (3) und 51vb die Vergitterungen aus weißen Linien, f. 310vb das modellierte Fenster mit senkrechten Stäben; f. 290v blickt man durch den Rahmen des Binnenfeldes in einen gewölbten Raum mit Säule – ganz ähnlich gestaltet ist die Initiale auf f. 3r in München, BSB, 2 Inc.c.a. 26 m (GW 6746: Venedig, 1470; zur Inkunabel s. auch HRANITZKY, Furtmeyr, 169, Anm. 48).


2. FIGURENSTIL

Furtmeyr vertritt eine grundsätzlich dekorative Auffassung des Gewandes, die auch in Hs. 154 zu beobachten ist. So ist die Drapierung der weiten Mäntel und Kleider, die in schmale, eckig umbrechende oder kurvig verlaufende, teilweise seitlich eingeknickte, mittels Konturierung, Schattenangaben und linienförmiger Höhungen in ihrer Plastizität meistens präzise definierte Schlauch- und Tütenfalten gelegt sind, nicht oder nur punktuell durch Körperbau und Bewegungen der Figuren motiviert und soll auch nicht deren Rundplastizität veranschaulichen. Mittels des Gewandes soll vielmehr in erster Linie eine Verspannung der Figur in der Bildfläche erreicht werden. Demgemäß unterstreichen immer wieder entlang der Konturen der Figuren verlaufende Falten deren Silhouette. Ein weiteres charakteristisches Motiv, das auch in Linz Verwendung findet, sind die flach auf dem Boden auslaufenden, gerade abschließenden, manchmal übereinander geschichteten Gewandbahnen (vgl. z. B. München, BSB, Cgm 8010a, ff. 2r [die musizierenden Engel unten auf der Seite], 17r, 366r; Augsburg, UB, Cod I.3.2°III, f. 205r oder Cod I.3.2°IV, f. 208r). Physiognomisch entsprechen die Figuren des Breviers mit ihren dunkel eingezeichneten Gesichtszügen ebenfalls generell den Akteuren in den Bibeln oder auch den kleineren Assistenzfiguren in den Initialen des Missales, obgleich ihr Inkarnat anders als bei diesen besonders hell und nur wenig modelliert ist (vgl. ff. 17r und 80r z. B. mit Augsburg, UB, Cod. I.3.2°IV, f. 175va [vgl. hier besonders den nach rechts schauenden Mann in der Gruppe rechts] oder Cod. I.3.2o III, f. 22v [Figur des Eliezer] bzw. Cod. I.3.2°IV, f. 76v oder auch München, BSB, Clm 15712, f. 61r).

3. FLEURONNÉ UND FEDERZEICHNUNGSDEKOR

Das Fleuronné der Lombarden und der mit der Feder gezeichnete Besatz am Deckfarbendekor des Breviers stammen von derselben Hand wie der entsprechende Schmuck des Salzburger Missales (soweit er nicht von Ulrich Schreier oder einem seiner Mitarbeiter bzw. vom dritten an der Florierung des Missale beteiligten Florator ausgeführt wurde20). Man vergleiche z. B.: Hs. 154, ff. 123v und 285r (Besatzmasken) mit Clm 15709, f. 72r (Lombarde I) oder Clm 15712, f. 49v (1); Hs. 154, f. 445v (Tropfen mit „Wimpern“) mit Clm 15708, f. 42v oder 15709, f. 99v; Hs. 154, f. 321r (1) (Besatzpalmetten) mit Clm 15709, f. 17r usw. Aber auch der in Feder gezeichnete Besatz am Deckfarbenornament des Egerton ms. 1895 und 189621 ist derselben Hand zuzuschreiben, wie etwa das tropfenförmige Besatzmotiv in Egerton ms. 1895, f. 151r deutlich erkennen lässt (vgl. Hs. 154, f. 445v und Clm 15709, f. 99v). Zweifellos ist auch der motivisch einfachere Federzeichnungsdekor in andere Bänden aus Furtmeyrs Werkstatt von dieser Hand ausgeführt worden (vgl. z. B. München, BSB, Cgm 8010a, f. 147v). Bei dieser wird es sich daher um ein ständiges Mitglied in Furtmeyrs Werkstatt, wenn nicht sogar um den Meister selbst gehandelt haben.

4. PUNZE

Die in Hs. 154 verwendete Punze in Form einer kleinen fünfblättrigen Rosette findet sich auch in Cgm 8010a (vor 1472), Clm 14004 (1475/76) und Clm 15708–15712 (ab ca. 1478),22 des Weiteren in Melk, StiB, Ink. P 976 (ca. 1470/72 gedruckt) und Wien, ÖNB, Ink 29–20 (nicht nach 1476 gedruckt).23 Zum Zeitpunkt der Entstehung der Augsburger Bibel scheint sie in der Werkstatt noch nicht zur Verfügung gestanden zu sein.

20 Zum Fleuronné Schreiers im Salzburger Missale s. besonders SCHULLER-JUCKES, Schreier, Anm. 154.
21 Die (figürlichen) Cadellen in der Londoner Bibel stammen hingegen von anderer Hand.
22 Digitalisate dieser Handschriften unter der in Anm. 5 angegebenen URL.
23 Zu den beiden Inkunabeln s. HRANITZKY, Furtmeyr, 169, Anm. 48. Die Kenntnis des Wiener Bandes verdanke ich A. TIF (Universität Wien).

HERSTELLUNG UND AUFTRAGGEBER

Der Abwechslungsreichtum der Ornamentik des Breviers spiegelt nicht nur den zweifellos relativ hohen Rang des Destinatars wider, sondern scheint auch dafür zu sprechen, dass es sich bei der vorliegenden Handschrift um ein eigenhändiges Werk des Illuminators handelt. Etwas befremdlich sind die ungeschickte Komposition auf f. 80r und die teilweise nicht sehr feine Ausführung (s. ‚Buchschmuck‘). Ob diese „Mängel“ auf die Beteiligung eines Gehilfen Furtmeyrs an der Ausschmückung des Breviers zurückzuführen sind, kann vorerst nicht beantwortet werden. Offen bleiben muss auch die Frage, ob man es beim Florator von Brevier und Salzburger Missale (s. o.) mit einem von Furtmeyr beschäftigten Spezialisten oder mit dem Regensburger Illuminator selbst zu tun hat.

Dass Furtmeyr sich in Begleitung eines oder mehrerer Werkstattmitglieder nach Augsburg begab, um das Brevier mit Buchschmuck zu versehen, ist zwar nicht auszuschließen, erscheint aber nicht sehr wahrscheinlich, zumal die Handschrift aufgrund ihrer geringen Größe leicht zu transportieren war. Daher wird man eher davon ausgehen, dass diese zur Ausschmückung nach Regensburg gebracht wurde, zumal wenn man den Deckfarbenschmuck und das Fleuronné der Handschrift einem (kleinen) Buchmalerkollektiv zuschreibt.

Als Auftraggeber der Handschrift kommt eventuell, bezieht sich das erhaltene Wappen tatsächlich auf den Destinatar des Bandes, Johann von der Pfalz-Mosbach (1443–1486, s. ‚Literatur‘), „Herzog in Bayern, Pfalzgraf bei Rhein“,24 in Frage, der neben zahlreichen anderen geistlichen Ämtern auch diejenigen des Dompropstes von Augsburg (ab 1468) und des Dompropstes von Regensburg (ab 1472) innehatte. Johann besaß offenbar eine sehr große Büchersammlung.25 Als Gelehrter stand er dem Frühhumanismus nahe;26 dies könnte etwa den für das Brevier gewählten Schrifttypus (s. o.) erklären. Sein Interesse für die „Sternenkunde“27 könnte wiederum im Kalender in Hs. 154 (s. ‚Inhalt‘) seinen Niederschlag gefunden haben. Kontakt zu Furtmeyr könnte Johann schon vor 1472 aufgenommen haben: Im Jahr 1460 wurde er Kanoniker von Regensburg, zudem bekleidete sein Bruder Ruprecht von der Pfalz-Mosbach († 1465) ab 1457 das Amt des Bischofs von Regensburg.28

Ob Johann von der Pfalz-Mosbach, der durch seine verschiedenen Ämter eine Brücke zwischen Augsburg und Regensburg schlägt, tatsächlich der Vorbesitzer des vom führenden Regensburger Buchmaler illuminierten Augsburger Breviers war, kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Seine Devise D. C. A. (Dii coeptis aspirate, s. Reinle, 185) und die Abkürzung seines Namens (zumeist Io. B. dux) fehlen in Hs. 154 (ob sie etwa auf der verlorenen ersten Seite des Codex standen, s. o., ist ungewiss). Immerhin zeigt eine der vielen Handschriften aus seinem Besitz (Biblioteca Vaticana, Cod. pal. lat. 1330) auf f. 8v neben seinem (in Gold geschriebenen) Namenseintrag (hier . Iohannes. B . dux .) samt Devise auch zwei Wappenschilde, von denen das linke wie auf f. 80r in Hs. 154 den nach rechts gewandten Pfälzer Löwen enthält und das rechte mit den bayerischen Rauten gefüllt ist.

Von besonderem Interesse im Zusammenhang mit der Frage nach dem Besteller des Linzer Codex ist des Weiteren eine jüngst von Regina Cermann entdeckte Handschrift, die ebenfalls in der Biblioteca Vaticana aufbewahrt wird und den Liber de temporibus des Matthaeus Palmerius Florentinus sowie die ‚Historia ecclesiastica Rufino interprete‘ des Eusebius Caesariensis enthält (Cod. Pal. lat. 820).29 Der Buchschmuck dieses Codex stammt augenscheinlich ebenfalls von Berthold Furtmeyr, die beiden Texte wurden in einer ähnlichen humanistischen Schrift kopiert wie das Augsburger Brevier und auf der Eingangsseite jedes der beiden Teile des Cod. Pal. lat. 820 prangen die mit Helmzier und Helmdecke versehenen Wappen des Hauses Wittelsbach (f. 1r mit schwarz-roter, f. 81r mit schwarz-silberner Helmdecke) und des Herzogs von Bayern. Ob die Wappen in Hs. 154 und Cod. Pal. lat. 820 auf denselben Vorbesitzer hinweisen, wäre noch zu klären. Auf jeden Fall dürfte die Handschrift im Vatikan einige Jahre früher illuminiert worden sein als das Brevier: Der Stil ihres Ornaments weist in die Zeit um 1465/70.30

24 Siehe HAEMMERLE.
25 Eine Liste von Büchern aus Johanns Bibliothek gibt REINLE, 182 (mit Anm. 79 f.), 185 (mit Anm. 95–97). Liturgica befinden sich nicht darunter.
26 Zur Bildung Herzog Johanns s. REINLE, 181–187, auch schon 179 f. Johann hatte etwa Kontakt zu Kardinal Nicolaus Cusanus (s. ebd. 181, mit Anm. 77). Zu seiner Beziehung zum „Arzt und Gelehrten“ Ulrich Ellenbog s. ebd., 183 f. Er war eine „Persönlichkeit, die wie andere Gelehrte ihrer Zeit die Aufgeschlossenheit für den neuen humanistischen Zeitgeist mit spätmittelalterlichen Bildungsinhalten verband“ (ebd., 186). Und: „Herzog Johann von Pfalz-Mosbach wird daher künftig auch einen Platz unter den Persönlichkeiten beanspruchen dürfen, die das aufblühende geistige Leben Augsburgs im 15. Jahrhundert prägten“ (ebd., 187).
27 Siehe REINLE, 182.
28 Siehe zu Ruprecht z. B. REINLE, 158, mit Anm. 6, darin Literatur; 162. Vgl. auch die Hypothese, Ruprecht könne der Auftraggeber der nachgetragenen Teile des Peutinger-Gebetbuchs gewesen sein (HRANITZKY, Furtmeyr, 165).
29 Der Codex wurde von R. CERMANN im Rahmen der Handschriftenpräsentation „Wir blättern für Sie um – Augsburger Handschriften in Linz“ am 3. 12. 2017 in der OOeLB vorgestellt und mit Hs. 154 in Zusammenhang gebracht.
30 Zu Furtmeys früher Schaffensperiode s. HRANITZKY, Furtmeyr, 165–167, 171 f.



LITERATUR ZUR HANDSCHRIFT

Siehe die Liste oberhalb der Beschreibung


WEITERE LITERATUR

1. zu Berthold Furtmeyr

A. V. ROHR, Berthold Furtmeyr und die Regensburger Buchmalerei des 15. Jahrhunderts, Bonn 1967. – A. HUBEL, Berthold Furtmeyr und die Regensburger Buchmalerei des ausgehenden Mittelalters, in: Regensburger Buchmalerei. Katalog zur Ausstellung in Regensburg Mai–Aug. 1987 (Bayerische Staatsbibliothek Ausstellungskataloge 39). München 1987, 111–118 und 119–123 (Kat.-Nr. 103–110). – R. KAHSNITZ, Die Handschrift und ihre Bilder, in: J. JANOTA (Hg.), Die Furtmeyr-Bibel in der Universitätsbibliothek Augsburg. Kommentarband zum Faksimile. Augsburg 1990, 65–124. – Berthold Furtmeyr in München. Illuminierte Prachthandschriften, 2 Bde. Luzern 2011, Bd. 1: B. HERNAD, Die Münchener Furtmeyr-Bibel BSB Cgm 8010a, Bd. 2: K.-G. PFÄNDNTER, Das Salzburger Missale BSB Clm 15708–15712. – CH. WAGNER, K. UNGER (Hg.), unter Mitarbeit von W. NEISER, Berthold Furtmeyr. Meisterwerke der Buchmalerei und die Regensburger Kunst in Spätgotik und Renaissance. Katalog zur Ausstellung in Regensburg, Nov. 2010–Feb. 2011. Regensburg 2010.

2. zu Johann von der Pfalz-Mosbach

A. HAEMMERLE, Die Canoniker des hohen Domstiftes zu Augsburg. München 1935, 17 (Nr. 67). – CH. REINLE, „Id tempus solum“. Der Lebensentwurf Herzog Johanns von Mosbach-Neumarkt († 1486) im Spannungsfeld von dynastischem Denken, kirchlicher  Karriere  und gelehrten Interessen, in: H.-J. BECKER (Hg.), Der Pfälzer Löwe in Bayern. Zur Geschichte der Oberpfalz in der kurpfälzischen Epoche (Schriftenreihe der Universität Regensburg 24). Regensburg 1997, 157–199.

3. zur Bibliothek des Priesterseminars in Linz

M. EICHINGER, Geraubte Bücher in der Linzer Studienbibliothek. Zur Geschichte der Bibliothek in den Jahren 1938–1945. Ein Zwischenbericht, in: CH. ENICHLMAYR, R. LINDPOINTNER (Red.), Von der Schatzkammer des Wissens zum Lernort. 235 Jahre „bibliotheca publica“. Zehn Jahre Oö. Landesbibliothek. Linz 2009, 102–111, hier 105 f.

4. zum Inhalt (Handschrift nicht genannt)

A. HOEYNCK, Geschichte der kirchlichen Liturgie des Bisthums Augsburg. Augsburg 1899; online verfügbar unter der URL https://archive.org/details/geschichtederki00hoeygoog. – R. KLUG, Johannes von Gmunden, der Begründer der Himmelskunde auf deutschem Boden. Nach seinen Schriften und den Archivalien der Wiener Universität (Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-historische Klasse, Sitzungsberichte, 222. Bd., 4. Abhandlung). Wien [u. a.] 1943. – L. THORNDIKE, P. KIBRE, A Catalogue of Incipits of Mediaeval Scientific Writings in Latin (Mediaeval Academy of America Publication 29). Cambridge, Mass. 1963. – R. SIMEK, K. CHLENCH (Hg.), Johannes von Gmunden (ca. 1384–1442). Astronom und Mathematiker (Studia Medievalia Septentrionalia 12). Wien 2006.


Beschreibung Katharina Hranitzky, Erstfassung 13. 2. 2018

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