Full text: Die Zweierschützen im Weltkrieg 1914 - 1918 2. Heft (2. Heft / 1931)

Er hatte schwere Arbeit, unser braver Sanitätskadett. Ein Bein war abgeschossen und das zweite 
hing an einem Fetzen. Aber nicht ein Laut der Klage, nicht das geringste Jammern entschlüpfte dem 
Schwerverwundeten. Er mußte doch, obwohl dem Tode nahe, den Kameraden ein gutes Beispiel von 
Helden sinn und Standhaftigkeit geben. Und als ob er noch seine gesunden Füße hätte, aß er 
still und ruhig sein Mittagsmahl. 
Er liegt nicht weit von hier in guter Hut der Brigade-Sanitätsanstalt. Eine ausgeglichene Seelen 
ruhe erfüllt den standhaften Helden: Das Gefühl für sein Vaterland bis zum äußersten seine Pflicht 
getan zu haben. 
Und wenn die Ghmnasialerinnerung des Mutius Scävola mir schwinden sollte — den braven Max 
Nestler von der Landwehr 2 — den merke ich mir fürs Leben." 
Im eigenen Abschnitte konnte jetzt eine Reserve im Tale gebildet werden. Für den beurlaubten Oberst 
von Wasserthal führte vom 17. September an Oberstleutnant Eduard Alpi des Landwehrinfanterie 
regiments Nr. 4 das Regimentskommando bis Oberstleutnant Franz Karl Unger, der nach seiner Genesung 
seit Juli 1915 das Ersatzbataillon des Regiments befehligt hatte, am 22. September wieder zum Front 
dienst eingerückt, das Regimentskommando übernahm und fortan führte, mit Ausnahme der Tage vom 
14. bis 27. Oktober 1915, während welchen Oberst von Wasserthal nach der Rückkehr vom Urlaube bis zu 
der dann erfolgten Betrauung mit einem Brigadekommando das Regimentskommando das letztemal inne hatte. 
Während dieser Tage war Unger mit Grohmann, den ec vom Ersatzbataillon mitgenommen hatte, 
im linken Flügelabschnitt, wo bisher Hauptmann Robert Aspöck gewesen war, mit dem Bataillonsadjutanten 
Leutnant Alexander Köhler das bescheidene Quartier teilend. 
Eine nächtliche Episode gab hier Grohmann zu folgender Schilderung Anlaß: 
„Feuerüberfall. 
Weiße Steine steigen schimmernd im Mondlicht aus dem Dunkel empor, erst einzelne Blöcke, dann 
ein weites Feld, übersät von riesigen, wirr durcheinander gewürfelten Felsblöcken. Aus dem Trümmerfeld 
steigt ein verwitterter Fels steil auf, türmt sich terrassenförmig gegen die senkrechte Felswand der Vrata 
und wirft sich schließlich dieser Wand entgegen in einem Felsenwirrsal, das aussieht wie eine heranbran 
dende Woge, die im Augenblicke des Anpralles zu Stein erstarrte. 
Das ist das Ziel meiner nächtlichen Wanderung, der Adlerhorst. Der Name ist gut gewählt. Sonst 
mögen hier wohl Adler horsten, die mit scharfen Blicken ins Tal nach Beute spähen; heute horsten die 
helläugigen Adler Österreichs hier, die Wächter an der Grenze, die so scharf wie Aare hinunterspähen ins 
Tal und hinauf zu den Hängen und Rücken, wo der Gegner haust. Geheimnisvoll webt das Mondlicht 
weiß schimmernde Schleier, in denen als goldene Punkte Tausende von Sternen stehen, Silberströme fließen 
die Berge hinab, aber mit dunklen, zackigen Kämmen, die Schattenseiten uns zugewendet, greifen die Gipfel, 
die von den Italienern besetzt sind, in den lichten Himmel hinein. 
Vom Potoöesattel links bis zum heißumkämpften Rücken des Vrsiö rechts eine einzige, geschlossene, 
feindliche Linie. 
Tief unter ihnen wir, in Stellungen, die zu halten ein Wunder ist. Dort unten kriecht durch das 
Steingewirr und über das aufleuchtende Schneefeld hin eine schwarze Linie — unser Drahtverhau — 
dahinter, nur dem Wissenden erkennbar, die Deckungen. Dann klettert die Verteidigungslinie den Felsen 
empor, auf dem ich stehe, senkt sich hinab zum Latschenfeld, das dunkel in der weißen Tiefe liegt, kriecht 
die nächste Höhe hinan, sperrt jenseits das Tal, säumt die anschließenden Höhen und springt jäh empor zum 
prächtigen, vielzackigen Felsgipfel Kote 1776, der ebenbürtig dem Vrsiö gegenübersteht. Wie zwei trotzige Ringer 
stehen sie da, Fuß und Schulter gegeneinander gestemmt, das Haupt aber hoch erhoben und im grimmigen 
Hasse zueinander gekehrt. Aber über Freund und Feind gehen die Blicke weit zurück ins Bergland. Fast 
unirdisch stehen die Berge da, Himmel und Fels von gleicher lichter Farbe; nur die Schneefelder leuchten 
auf wie flüssiges Silber. Da liegt der Grintouz vor mir und der silberschimmernde Sreberniak, die trotzige 
Felsenburg des Rombon und das weiße, vieltürmige Märchenschloß des Prisang. Das ist das freie, das
	        

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