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die Mehrheit des Landtages, die den bezüglichen Beschluß
zu realisieren oder zu vereiteln für sich allein die Macht
besitzt. Eine Verantwortung, die um so größer ist, weil
es sich im vorliegenden Falle nicht um eine Parteiangele
genheit handelt, sondern um die Beseitigung eines uner
träglichen Notstandes, unter dem alle Schichten der Be
völkerung ohne Ausnahme schwer leiden und weil Ob
dachlosen ein Heim, Hungernden Brot zu geben, ein Gebot
sozialer Ethik ist, dem eine Partei, die vorgibt, sozial
orientiert zu sein, sich niemals hätte entziehen dürfen
Wir sehen uns deshalb veranlaßt, neuerlich aus unse
ren Antrag vom 1. Juni 1922 zurückzukommen, und da der
einstimmige Beschluß des Landtages vom 3. Juli 1922 von
der Mehrheit mißachtet wurde, einen Gesetzentwurf über
die Einhebung einer W o h n u n g s n o t a b g a b e ein
zubringen."
In diesem Gesetzentwurf haben wir die Entrichtung
einer Abgabe zur Beseitigung der Wohnungsnot in Ober
österreich gefordert, welche nur vom größeren land-
und forstwirtschaftlichen Besitze zu leisten wäre, während
der kleinere und mittlere abgabefrei zu bleiben hätte. Es
wird sich zeigen, ob die Christlichsozialen und Großdeut
schon den traurigen Mut nochmals aufbringen werden,
Tausende von Millionen den Grotzbesitzern und Kavalie
ren zu schenken, zugleich aber Tausende von Proletariern,
die in gesunden Wohnungen zu retten wären, der Tuber
kulose zu überanworten.
Denn es muß den Bürgerlichen immer wieder oie
Wahrheit in die Ohren geschrien werden, daß die Woh
nungsnot die Mutter der Tuberkulose ist, daß, was wir
an anderer Stelle schon sagten, die feuchte, verpestete, ilder-
süllte Wohnung es ist, in der der mörderische Tuberkel
bazillus am besten gedeiht. Oberösterreich hat die aller
schlechtesten Wohnungsverhältnisse und deshalb auch die
allergrößte Sterblichkeit unter allen Ländern Oesterreichs.
Auf je 1000 E nwohner entfielen im Jahre 1913 Gestor
bene: in Vorarlberg 16.21, in Niederösterreich 16.81, in
Salzburg 19.35, in Tirol 19.45, in Steiermark 20.23, in
Kärnten 20.60 und in Oberösterreich 20.71. Von den Ver
storbenen rafft aber 12.5 Proz. die Tuberkulose hinweg.
Und wenn die proletarischen Frauen Oberösterreichs
mehr noch als anderswo für den Friedhof gebären, wenn