Volltext: 205. Heft 1914/18 (205. Heft 1914/18)

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Nicht umsonst schreibt der Hauptschriftsteller des 
„Jntransigeant" über das befreite Noyonnais: Unsere 
Soldaten rücken nach Noyon und Lassigny vor. Diese 
Namen haben bei uns einen unvergleichlichen Klang. 
Aber im Grunde genommen sind es nur Namen 
nicht mehr wert als Sandburgen Man 
schlägt sich nicht um den Ruhm, sondern um den Gegner 
zu besiegen. Treiben wir also unsre Oberbefehlshaber 
nicht an, unsre Fahne auf diese oder jene Ruine auf¬ 
zupflanzen, sondern lassen wir ihnen völlige Handlungs¬ 
freiheit! E. 
* * 
* 
Auf gefahrvollem Lorchposten. 
Von Willy Hacker. 
Daß es Horchposten geben muß, darüber waren 
wir uns alle im klaren, einzelne von uns huldigten 
aber der Meinung, es sei durchaus nicht nötig, daß sich 
diese so weit vor den eigenen Stellungen befinden 
müßten. Sei dem, wie ihm wolle, sie waren eingerichtet 
und wurden, als wir die Ter Grenadiere ablösten, von 
uns besetzt. Da der für- den Horchposten bestimmte 
Punkt 800 Meter vor unserm Graben lag, nach dem 
ein kaum sichtbarer Pfad durch den Drahtverhau und 
danach noch eine Weile kreuz und quer führte, kamen 
wir nur langsam vorwärts, zumal der Feind häufig 
Raketen steigen ließ, bei'deren Sicht wir uns vorschrifts¬ 
mäßig niederwarfen, obwohl wir schon lange wußten, 
daß man im Lichte der Raketen nur stehenzubleibön 
braucht, um nicht gesehen zu werden. 
Die von uns abgelösten Leute meldeten, daß sich 
nichts von Bedeutung ereignet hätte und trollten dem 
Graben zu. Wir legten uns in das muldenförmige 
Loch und begannen unsern Dienst, der darin besteht, 
selbst kein Geräusch zu machen, alle fremden Geräusche 
zu beachten — und im gegebenen Augenblick zu handeln. 
Von unserm Horchloche etwa 20 Meter entfernt 
zog sich der M.-Kanal hin. Unsre Uferseite war voll¬ 
kommen kahl, die gegenüberliegende, von den Postierun¬ 
gen des Feindes besetzt, dagegen stark mit Erlen und 
Haselnußsträuchern bewachsen. Über den schmalen Kanal 
führt ein Steg, über den sich in besonders finstern Nächten 
feindliche Patrouillen auf das diesfeitige, bezw. unsre 
Patrouillen auf das jenseitige Ufer wagten. 
Die Nacht war seltsam still. Nicht einmal der 
sonst übliche Donner aus der Richtung des Kampfge¬ 
bietes von 9). störte die Ruhe. Nur ab und zu tönte 
ein klagender Vogellaut oder aus weiter Ferne das 
Rollen eines englischen oder französischen Autos zu 
uns. Allmählich gewöhnen sich Auge und Ohr an 
die Finsternis und Stille, und vernehmen auch Bilder 
und Laute, die gleichsam aus dem Nichts heraus ent¬ 
stehen. 
Am jenseitigen Ufer scheint sich ein großes Tier 
zu bewegen. — Aber — ein Tier kann nicht fluchen. 
Ganz deutlich höre ich „Sacre nom d'un chien!" Und 
dann ein Schatten und noch einer — 
Die Kameraden sind ebenfalls aufmerksam ge¬ 
worden, und durch einfache Handbewegungen, ohne 
ein Wort zur Verständigung nötig zu haben, sind wir 
übereingekommen, was wir zu tun haben. Wir greifen 
nach den Handgranaten, die allabendlich von den zuerst 
aufziehenden Posten mit hinaus genommen werden, 
und erwarten den Feind.. Wir können uns wohl denken, 
was er bezweckt. Seit wir in diefem Abschnitte liegen, 
hat er gemerkt, daß das Abschießen von Patrouillen 
bei uns als Liebhaberei gepflegt wird. Seine Streif¬ 
abteilungen wagen es also nicht mehr, über den noch 
dazu im Mondschein glänzenden Steg zu gehen, sondern 
versuchen es auf dem Wasserwege. 
Wir haben unser Postenloch verlassen, Gewehr 
um den Hals gehängt, in der linken Hand eine, in der 
rechten zwei Handgranaten, und bewegen uns, auf 
Knien und Ellenbogen kriechend („robben" heißt der 
Fachausdruck), dem Ufer zu. 
Das drüben gedämpft gerufene Wort: „Allons!“ 
ließ uns noch gespannter lauschen. Wenn die Franzosen 
auch nicht so raffiniert waren, nach Jndianerart ihre 
Ruder mit Lappen zu umwickeln, so mußte es ihnen 
doch der Neid lassen, daß sie in ihrem wnrzigen Boote, 
sechs Mann stark, geradezu gespensterhaft leise heran¬ 
kamen. Daß sie es auf unsre Horchposten abgesehen 
hatten, jedenfalls zur Vergeltung für eine in vergangener 
Nacht von uns abgeschossene Offizierpatrouille, darüber 
waren wir nicht im Zweifel. Diese Absicht haben wir 
ihnen aber versalzen. 
Das Geisterschiff war noch etwa 3 Meter von unserm 
Ufer entfernt— ein Pfiff — dann sausten drei deutsche 
Handgranaten in das unglückliche Boot — noch drei 
— und mit Gedankenschnelle die letzten. 
Das Boot flog nicht auseinander, wie man hätte 
vermuten sollen; in Rauch und Feuer kenterte es, und 
fünf regungslose Körper trieben davon. Der sechste 
war nicht zu seheu. 
Dadurch, daß wir unsre gefährliche Waffen aus 
so kurzer Entfernung geschleudert hatten, war ein 
Kamerad am Arme durch ein Sprengstück verwundet 
worden. Zum Verbinden war allerdings keine Zeit, 
denn drüben wurde es lebendig, und wir zogen uns 
in einen Granattrichter zurück. Wir hatten uns kaum 
verstaut, da pfiffen auch schon die Geschosse eines franzö¬ 
sischen Maschinengewehrs über uns hin. Nachdem man 
uns so etwa 10 Minuten lang gezeigt hatte, daß man 
drüben auch über Munition verfügte, wurde es wieder 
still, nur Leuchtkugeln flatterten noch eine ganze Weile 
hoch. 
Wir hatten den verwundeten Kameraden in¬ 
zwischen verbunden und wollten ihn eben zurückschicken, 
als auch schon eine Patrouille von uns erschien, die sich 
nach unserm Verbleib erkundigte und sehr erfreut war, 
uns alle noch mopsfidel anzutreffen, denn auch unserm 
Verwundeten stimmte die Aussicht auf ein Heimats¬ 
lazarett nicht traurig. 
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Eine angenehme Frontüberraschung. 
Die Auswahl der guten Stellungen an der West¬ 
front ist iefctj nicht mehr so groß als damals in dem un¬ 
vergeßlichen! Jahre 1915. Wohl aber kennt der Feld¬ 
graue, der das besondere Glück genoß, dauernd im Westen 
zu sümpfen, der Stellungen genug, an die ihn keine 
zehn Pferde zurückbrächten, wäre eben nicht der „Befehl" 
da, gegen den nicht gemnckst wird. Es gibt der deutschen 
Divisionen genug, die beim bloßen Namen „Verdun¬ 
front" eine Gänsehaut kriegen, denn noch immer ver¬ 
bindet sich ihnen mit dem bloßen Wort die Vorstellung 
einer Hölle von Natur, Mensch und Teufel. Wer in den 
Jahren 1916 und 1917 je an diesem ehemaligen Brenn¬ 
punkte gefochten hat —- und man sann beinahe fragen, 
welche Division außer den Osttruppen nicht dort ge¬ 
kämpft hat —, der mag in feinem Leben nicht mehr 
an all die Kampfstätten denken, die zu einer tragischen
	        
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