Volltext: 205. Heft 1914/18 (205. Heft 1914/18)

ForLt de Satgne 
Kathedrale in Noyon. 
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der Schall nach beiden Seiten, 
fluten kann. Aber der Herzschlag 
des Baues stockt schon lange — 
die Uhr am rechten Turm ist durch¬ 
schossen. Und wie hier das sym¬ 
bolisch Innerste, das Leben der 
Kathedrale getroffen ist, so steht es 
auch mit dem ganzen herrlichen 
Ban: die Kirche ist nicht allein 
zum Krüppel geschossen; sie wird 
weidwund werden wie die Kathe¬ 
drale von St.-Quentin. Man wird 
sie' einst in ihrem ursprünglichen 
Ban kaum wieder herstellen 
können. Die letzten täglichen Be¬ 
schießungen werden das Ihre 
dazu beitragen. 
Als ich die Kathedrale zum 
ersten Male betrat, konnte man 
noch durch zwei Tore des Haupt¬ 
portals ius Innere gelangen. Das 
dritte war an der Spitze von 
einer Granate getroffen. Eine 
Flut des weißlich-gelben Gesteins 
lag eintritterschwerend über deu 
Stufen. Der Boden in der Kirche 
war übersät von bunten Scherben, 
Steinbrocken, gestürzten Kirchen¬ 
stühlen. Der Baldachin des Kru¬ 
zifixes hatte zwei große Gefchoß- 
löcher Ein Volltreffer war im 
Hauptschiff durch die Decke ge¬ 
gangen, hatte jedoch die Säulen¬ 
galerien nicht mal stark beschädigt. 
Wieviel hat Noyon im Laufe der Geschichte schon 
erlebt! Karl der Große wurde hier gekrönt, Hugo 
Capet zum König ausgerufen.- Hier erblickte Kalvin 
das Licht der Welt. Franz der Erste von Frankreich 
schloß den Vertrag vom 16. August 1561 mit Karl dem 
Ersten von Spanien in dieser Stadt. 
Und wie sieht es nun in der Stadt selbst ans, die einst 
so hoch geachtet war; nicht allein wegen ihrer geschicht¬ 
lichen Vergangenheit, sondern auch wegeu ihrer Zucker¬ 
fabrikation, den Gerbereien, Brauereien, dem Leder- 
und Getreidehandel. 
'Ich durchstreife die Straßen bis an die Nordbahn 
Compiegne-—Channy und zur kanalisierten Oise. Jen¬ 
seits des großen Waldgeländes des 
wo sich die Aisne 
zur Oise gesellt, muß 
Compiögne liegen. 
Unsre Flieger haben 
schon damals, viele 
Wochen vor Beginn 
der feindlichen Som¬ 
meroffensive 1918, 
überraschend viele 
Brückenschläge e 
deckt. Man hatte sich 
vorbereitet auf das, 
was kommen mußte. 
Ich kehre zurück 
znmMarktplatz.Wenn 
die kunstbeflissenen 
Barbaren nicht aus 
deu Waldlagern in 
Läulertgang der .Kathedrale in Notion. 
die Stadt herniederstiegen, läge sie 
traurig tot uud verlassen. So sieht 
man immerhin Heine Trupps, 
einige Wagen mit Offizieren, 
mehrere Reiter neben den Straßen¬ 
patrouillen der Ortskommandantur. 
Auch eine Feldbuchhandlung ist 
im Begrifflich einzurichten. Häuser 
stehen noch eine ganze Menge; 
auf den: Marktplatz mit dem zer¬ 
schossenen Rathaus und dem Denk¬ 
mal, ebenso in den einzelnen 
Straßen. Aber es sind nieist nur 
Häuserkulissen. Bald ist der Dach' 
stuhl heruntergebrochen, bald ging 
die Granate durch die Seiteuwand. 
In den Höfen, die man wegen 
Einsturzgefahr kannt betretenkann, 
fehlen die Rückwände der Häuser. 
Rolläden und Fensterscheiben sind 
zerfetzt und zersplittert. Sie be¬ 
decken die Bürgersteige, sowie die 
Fahrstraße. Ganze Häuserblocks 
liegen sogar völlig in Trümmern. 
Man sieht dann nur Steinhaufen, 
ans denen die verbogenen Gestelle 
von Eisenbettstellen oder Ma¬ 
schinenteilen hervorlugen. 
Der ehemalige Bischofspalast, 
die Kaserne, das Seminar, die 
Bibliothek, die Fabriken, all die 
schönen' Bauten sind schwer be¬ 
schädigt. Die mit Regen und 
Schnee in gespaltene Dachstühle 
und aufgerissene Wände eindringende Feuchtigkeit wird 
das Zerstörungswerk der Granaten fortsetzen. 
Man möchte sich in manchen Straßenzügen die Nase 
zuhalten, so schnell mctnsie auch durcheilt. Welch pestilenz- 
artiger Gestank herrscht dort! Ist es der Schwamm, der 
schon üppig in denHäusernwuchert? Sindesdiefanlenden 
Einrichtung^egenstände, welche die Franzosen vor ihrem 
Rückzug aus den Häusern auf die Gasse warfen, um besser 
nach Kostbarkeiten wühlen zu können? Tun uns unbc- 
erdigt in den Kellern liegende Leichen ihre Anwesenheit 
auf diese Art kund? Oder sind es Reste des träge 
flüchtenden Kampfgases? — — Schwärme von 
Meaen und Rücken tun sich auf dem Unrat gütlich. 
m das französische Heer an 
einer heimtückischen 
Krankheit, dem,,Fi- 
övre de Noyon“ litt, 
das wahrscheinlich der 
Vorläufer der spa¬ 
nischen Grippeepide¬ 
mie gewesen ist! 
Und nun heulen 
der die Geschosse 
in und um Noyon, 
der sterbenden Stadt. 
Weitn die Bewohner 
ihr zertrümmertes 
Heim je wieder fin¬ 
den, wird es den 
Siegesjubel tu viel 
Jammer und Klagen 
wandeln.
	        
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