Volltext: 131. Heft 1914/17 (131. Heft 1914/17)

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was nun werden sollte— da kam ein starkes Fanchen 
und Zischen durch die Lust und riß mit einem mächtigen 
Knall 50 Meter über ihm auseinander. Er sah noch, 
wie das gelb-weiße Wölkchen vor ihm leicht vom Wind 
weggeführt wurde. Zu gleicher Zeit haute rechts von 
ihm eine Granate mit gräßlicher Wucht in die dünne 
Schützenlinie ein und warf einen Kameraden 5 bis 6 Meter 
in die Höhe. Znerst war's wie ein Aufhorchen in der 
ganzen Linie. Beim zweiten Schuß schon schrie alles 
auf den Leutnant ein: „Eigene Artillerie! Artillerie 
schießt zu kurz!". Der feuerte in größter Eile feine beiden 
letzten Leuchtkugeln ab und sprang drei Schritt nach rechts 
in ein Granatloch. Jetzt wieder zwei Schuß von hinten — 
einer dicht hinter dem Führer in den Dreck — Gott sei 
dank, ein Blindgänger! Aber hier konnte man nicht 
bleiben. „Langsam zurückkriechen!" befahl der Leutnant. 
Einige aber hatten's eilig/ fprangen auf und liefen 
zurück. Sofort setzte ein wildes Jnsanterieseuer der 
soeben zurückgegangenen Russen aus das kleine Häuslein 
ein. Die stolperten durch den tiefen Schnee und stürzten 
wie die Hasen zur Erde. Manche überschlugen sich oder 
taumelten langsam nieder und blieben liegen. — Dann 
setzte noch eine schwere russische Batterie aus der Flanke 
ein und saß mit dem dritten oder vierten Schuß mitten 
in der Schützenlinie, die nach allen Seiten auseinander 
stob. Jeder dachte zunächst nur an sich und suchte aus 
dem Granatfeuer herauszukommen. Aber der Russe 
ging immer mit mit seinen schweren Granaten. Es war 
etwa 8 Uhr vormittags. Jeder einzelne Mann auf der 
blanken Schneedecke deutlich zu sehen, und alles schoß 
auf die paar Leute, die da von Strauch zu Strauch, von 
Granatloch zu Granatloch sprangen. — Richard Hoyer 
blieb bei seinem Leutnant. Zuerst krochen sie auf dem 
Bauch durch den Schnee. Als dann etwa 10 Meter vor 
ihnen eine schwere russische Granate krepierte, sprangen 
sie auf und stürzten etwa 20 Meter nach rechts seitwärts. 
Aber da knatterte ein Maschinengewehr vom Russen¬ 
kastell herüber, daß sie in den sicheren Tod gelaufen 
wärett. So krochen sie weiter im Schnee und ließen die 
Geschosse über sich weg singen. Dann krepierten zwei 
Schrapnells dicht über ihnen. Gott sei dank, daß diese 
Dinger nur nach vorn streuten, sonst hätten sie ihnen 
beiden trotz der Stahlhelme den Körper zersiebt. „Los, 
Richard!" schrie der Leutnant, „hier hauen sie'uns zu 
Hackfleisch!". — Mit einem Ruck schnellten sie auf, 
würgten durch den Schnee und stürzten 10 Meter weiter 
kopfüber in ein Riefengranatloch. Der Leutnant ver¬ 
schwand gleich bis zum Bauch im Sumps. — Mit einer 
' flüchtigen Freude des Aufatmens kam ihnen zugleich ein 
derber Schreck. Sie waren mit einem Male in Gesell¬ 
schaft. Einer lag an den Trichterrand gedrückt, winkte 
mit dem Arm und rief in schlechtem. Deutsch: „Ich bin 
russischer Offizier!". — Dabei fuchtelte er immer mit 
dem Revolver durch die Lust. Neben ihm lagert noch 
Zwei russische Soldaten, die machten ängstliche, jämmer¬ 
liche Gesichter. Richard Hoyer schlug dem Offizier mit 
der Faust über den rechten Unterarm, daß der Revolver 
über den Trichterrand flog. Der Offizier, nach feinen 
Achselstücken Oberleutnant, war ein Manu in den besten 
Jahren, schlank, kräftig wie ein Ringkämpfer — mit 
festen, energischen Linien im Gesicht, das immer noch 
einen Zug von verhaltener Entschlossenheit und be¬ 
leidigtem Trotz zeigte. Der eine der beiden Soldaten 
hatte das breite, stumpfsinnige und ausdruckslose Gesicht 
der Durchfchnittspanjes; er hatte einen leichten Fleisch- 
fchufi im linken Unterschenkel — der andere war noch 
halb ein Junge, etwa von 18 oder 19 Jahren, mit frischem, 
klugem Gesicht. Er war Kriegsfreiwilliger, Rigaer Gym¬ 
nasiast, und sprach sehr gut Deutsch. — Diese ganze 
Musterung war in 2 Sekunden erledigt. Nun hieß es: 
Wie weiter? Gerade auf dieses Granatloch hatte sich 
ein russisches Maschinengewehr genau eingeschossen. 
Dauernd sitschten die Geschosse knapp über den Trichter¬ 
rand, und. die Granaten schlugen wieder ganz iu der 
Nähe ein, als ob sie gerade dieses Granatloch suchten. 
Die drei Russen konnten unmöglich hier zurückbleiben. 
Die hätten ganz sicher nach einigen Metern Entfernung 
den Tod hinterdrein geschickt. Mindestens sah der Ober¬ 
leutnant ganz so aus. — Der Kriegsfreiwillige mußte 
vermitteln. Dann kroch der verwundete Russe über 
den Rand des Granatloches, hinterher der Rigaer 
Gymnasiast, dann Richard Hoyer — ganz langsam und 
vorsichtig, den Bauch dicht auf den Schnee gedrückt. 
In einem Abstand von etwa 20 Schritt kam nach etwa 
5 Minuten der russische Oberleutnant, der sich noch 
gesträubt hatte, dann der Leutnant. Richard Hoyer kam 
sich bei der ganzen Sache recht komisch vor — es wollte 
ihm wie ein toller Scherz erscheinen, wenn die ganze 
Lage nicht so furchtbar ernst gewesen wäre. War doch 
um sie herum ein Singen und Zischen in allen Ton¬ 
arten. So arbeiteten sie sich zu sünsen mit unsäglicher 
Mühe und Anstrengung an vereinzelten kahlen Büschen, 
an Toten und Verwundeten vorbei. Die lagen wie 
gesät im Gelände, riefen, stöhnten und lagen reglos 
wie eine stumme Anklage im Schnee. Es war zum Herz¬ 
zerbrechen. Die gefangenen drei Russen antworteten hin 
und wieder auf den Jammerruf eines Verwundeten. 
Dann kam oft noch lange ein gequältes Wimmern und 
Weinen hinter den Fünfen her. Das klang wie langsames 
Sterben. — — 
»Herr Leutnant — wir müssen halten — der ver¬ 
wundete Russe kann nicht mehr," rief Richard Hoyer 
über den Schnee hin. 
„Noch ein paar Schritt bis hinter den großen Busch 
da vorn," kam's von hinten. Zufällig war da auch 
wieder ein großes Granatloch. Da konnte man sich 
etwas umsehen. — — 
„Richard — wo sind die andern?" fragte der Leut¬ 
nant ernst und sah ins Gelände. Das lag voller Menschen 
— lauter tote und verwundete Russen übereinander unb 
burcheinanber. Wer wollte dazwischen die eigenen Leute 
finden? Aber dort 100 Meter etwa rückwärts — 
kroch einer über den Schnee. Man konnte sehen, wie er 
die Beine langsam anzog unb sich bann ebenso langsam 
wieber vorschob — ein Mann im Helm ohne Spitze. 
„Herr Leutnant — bort!" — Plötzlich war bet drüben 
in einer Wolke von Dreck unb Qualm verschwunden. — 
Nein, nicht getroffen — ba lief er aus ber aus steigerten 
Granatwolke heraus unb stürzte 20 Schritt weiter in 
ben Schnee. 
„Wilhelm — hierher — Wilhelm!" Der würbe 
ihn ja boch nicht hören. Aber Richarb Hoyer ragte bis 
über bie Brust aus bem Granatloch heraus unb winkte 
hinüber. — Wilhelm Kunze aber blieb lange — länge — 
regungslos liegen — bann wälzte er sich schwerfällig 
langsam zur Seite, richtete fein Gewehr auf unb fing an 
M winken. Das Gewehr schwankte wie ein sinken ber 
Mast herüber unb hinüber unb verschwanb bann wieber 
im Schnee. Man sah, baß ber Mann ba brüben bas 
Gewehr wieber in bie Höhe ausbringen wollte — wie 
er versuchte, sich ein wenig auszurichten — aber er ver¬ 
mochte es nicht mehr.
	        
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