Volltext: Der Weltbrand Band 1 (1; 1915)

von einem Spaziergang nach Paris und Petersburg — 
man wußte, daß die beiden Feinde, die sich gegen 
uns erhoben hatten, erst nach den härtesten Kämpfen 
besiegt werden konnten. Welche Blutopfer mußte 
dieser Krieg fordern! Welche Werte mußte er ver- 
Nichten! Dennoch — nirgendwo Furcht, überall eine 
starke, tiefe, aus dem Herzen dringende Begeisterung! 
Leute, die sich einbildeten, Kenner der Volksseele zu 
sein, hatten kurz vor der Mobilmachung geweissagt, 
das deutsche Volk werde jeden kommenden Krieg 
das für die Volksseele den Ausschlag gab. Man 
blickte hin auf den Kaiser und sagte sich: Wenn dieser 
Mann einen Krieg anfängt, so muß er gerecht und 
notwendig sein. Nur die Rücksicht auf die Ehre und 
Sicherheit des Reiches kann ihn dazu treiben; ihm 
blutet sicherlich das Herz, wenn er eine Mobilmachung 
befehlen muß! So trug die Friedensliebe des Kaisers, 
die manchmal und von manchem verspottet worden 
war, in der ernstesten Stunde unseres Volkslebens 
eine wundersame Frucht: sie überzeugte die großen 
Bittgottesdienst am Fuße des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig. ? 
mit Unlust führen, weite Kreise würden sogar da- 
gegen demonstrieren, und nicht nur mit Worten. Am 
allerwenigsten werde das Volk für einen Krieg zu 
haben sein, der doch eigentlich um Österreichs willen 
geführt werde. Der gemeine Mann werde nicht be- 
greifen, daß er seine gesunden Knochen aufs Spiel 
setzen solle, weil Osterreich einen Streit mit Serbien 
und dadurch auch mit Rußland habe. Aber diese 
klugen Leute hatten sich gründlich verrechnet. Ge- 
rade der schlichte Mann begriff, daß ein ehrenhafter 
Staat seinem Verbündeten die Treue halten muß, 
wenn er sich nicht verächtlich machen will vor aller 
Welt, und auch dem einfachsten Geiste war leicht ver- 
ständlich zu machen, daß Österreichs Fall für uns 
eine große Gefahr bedeute. Dazu kam noch eines, 
) einer Originalzeichnung für die „Illustrirte Zeitung" von Walter Zeising. 
Massen, mehr als alle Vernunftgründe es vermocht 
hätten, von der Gerechtigkeit und Notwendigkeit des 
großen Krieges. Und das braucht der Deutsche, wenn 
er zum Schwerte greifen soll. Für eine Sache, die 
ihm nicht ganz gerecht erscheint, vermag er sich nicht 
zu begeistern. 
Darum kam der Jubel, der den Kaiser am Tage 
der Mobilmachung in Berlin umbrauste, wirklich aus 
dem Herzen des Volkes. Eine riesige Menschenmenge 
stand vor dem Schlosse, jauchzend, Hüte und Tücher 
schwenkend, als er mit seiner hohen Gemahlin am 
Fenster erschien und die kurzen Worte, die er in 
diesem Augenblicke an das Volk richtete, waren ganz 
dazu angetan, die Begeisterung aufs Höchste zu 
steigern. Sie entsprangen gewiß einer Eingebung 
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