290 Florian Schwanninger
2009 in Linz. Hier kam es noch einmal zu teils heftigen Diskussionen um
den Umgang der Stadt Linz mit der NS-Zeit sowie ihrem (baulichen) Erbe.
Der Umgang der Stadt Linz und der Linz09-Intendanz mit Adolf Hitler
und dem Nationalsozialismus wurde in diesem Jahr – mehr als sonst – im
Ausland besonders genau beobachtet und kommentiert. U. a. wurde moniert,
dass sich Linz im Kulturhauptstadtjahr dem „Hitler sells“ verschrieben habe
und die Ausstellung „Kulturhauptstadt des Führers“ zu unkritisch sei. Die
Intendanz geriet jedoch im Laufe des Jahres auch in die Kritik einheimischer
Medien, nicht nur wegen der Projekte zur NS-Zeit. Der Historiker Roman
Sandgruber kritisierte die eventhafte Auseinandersetzung mit dem National-
sozialismus in Linz und machte die Festivalintendanz für die Wahrnehmung
von Linz als Nazi-Stadt verantwortlich. Er plädierte für eine Auseinander-
setzung mit der NS-Zeit auf der Basis von Sachkenntnis und ethischem Ver-
antwortungsbewusstsein. „Aktionen und Provokationen, die nur dem ´Event´
dienen und nur die internationale Medienindustrie füttern, haben hier keinen
Platz und sind in den Ergebnissen klar kontraproduktiv“444, so Sandgruber.
Laut der Linzer Soziologin Brigitte Kepplinger sei die Auseinandersetzung
um den adäquaten Umgang mit dem (baulichen) Erbe des Nationalsozialis-
mus „schnell zu einer Kulisse für die Austragung (partei)politischer Konflik-
te“445 geworden, habe sich aber auf die lokale Ebene beschränkt und nur
wenige nationale und internationale Reaktionen hervorgerufen. Lediglich die
Fokussierung auf „Hitlers Linz“ sei international wahrgenommen worden.
Nicht zuletzt hätten laut Kepplinger die Projekte von Linz09 keine nachhal-
tige Auswirkung auf die Erinnerungskultur in Linz gehabt, deren Weiterent-
wicklung und Vertiefung von der Festivalleitung postuliert worden war.446
Ein interessanter Prozess zur Stärkung der regionalen Identität durch die
Erinnerung an den Nationalsozialismus ist in jüngster Zeit im Bezirk Brau-
nau/Inn im Rahmen des Projekts „Friedensbezirk Braunau am Inn“ zu beo-
bachten. Der durch die Tatsache, dass Adolf Hitler in der Bezirkshauptstadt
Braunau a. I. im Jahr 1889 das Licht der Welt erblickte, regelmäßig in der
medialen Aufmerksamkeit stehende Bezirk Braunau/Inn sollte nach Ansicht
seines Bezirkshauptmannes durch die Entwicklung und Umsetzung des Pro-
jekts „Friedensbezirk“ eine neue, positive Identität bekommen. Eine geän-
derte Wahrnehmung des Bezirks ist ein wichtiges Ziel des Projekts. So heißt
es im Vorwort zur Präsentation des „Friedensbezirks“: „Mit der Initiative
‚Friedensbezirk Braunau‘ wollen wir eine positive Identität und ein sympa-
444 Zit. nach: Brigitte Kepplinger, Die Europäische Kulturhauptstadt Linz 2009 und ihr Zeit-
geschichteprogramm. In: Stadtkultur – Kultur(haupt)stadt. Hg. v. Ferdinand Opll – Walter
Schuster (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 23, Wien 2012)
445 Ebd.
446 Vgl. Kepplinger, Kulturhauptstadt