Full text: Die gelbe Maske [310/311]

Erstes Kapiteel« 
Vor etwa einem Jahrhundert lebte in der alten Stadt 
Pisa eine berühmte italienische Putzmacherin, die, um allen 
Kunden ihre nahen Beziehungen zur Pariser Mode zu zeigen, 
sich auch einen französisfchen Namen beilegte, und zwar nannte 
sie sich Demoiselle Grifoni. Sie war eine kleine Frau mit 
einem schmalen, boshaften Gesicht, einer schnellen Zunge, flinken 
Füßen und einer eigenen Geschäftsbegabung. Die Leute 
meinten, daß sie ungeheuerlich reich sei, und böse Zungen sagten, 
daß sie für Geld alles täte. 
Die eine unleugbar gute Eigenschaft, die unsere 
Demoiselle Grifoni weit über alle Konkurrenz stellte, war ihre 
unerschöpfliche Rührigkeit, die an Tapferkeit grenzte. Niemals 
war sie auch nur um einen Zoll zurückgewichen unter dem 
Drucke widerwärtiger Umstände. So war auch jenes denk—⸗ 
vürdige Ereignis, durch das ihr einst der Ruin drohte, zugleich 
die Gelegenheit, bei der sie mit höchstem Triumph die Energie 
und Enftschlossenheit ihres Charakters beweisen konnte. Zur 
Zeit ihres größten Erfolges nämlich heiratete niederträchtiger— 
weise ihre erste Zuschneiderin und Vorarbeiterin und eröffnete 
ein Konkurrenzgeschäft. Eine Kalamität wie diese hätte 
jede gewöhnliche Putzmacherin ruiniert. Aber die unbesiegbare 
Grifoni zog sich in ihrer Ueberlegenheitbeinahe ohne An— 
strengung aus der Affäre und bewies damit unwiderleglich, 
daß fie allem feindlichen Geschicke zum Trotz immer noch die 
Möglichkeit eines Ausweges werde finden können. Während 
die kleineren Putzmacherinnen voraussagten, daß sie den Laden 
werde sperren müssen, führte sie in aller Stille einen geheimen 
Briefwechsel mit einem Agenten in Paris. Niemand wußte, 
wovon diese Briefe handelten, bis endlich einige Wochen später 
alle Damen in Pisa Zirkulare erhielten mit der Ankündigung, 
daß die beste französische Zuschneiderin, die nur für Geld zu 
bekommen war, von dem Modewarenhaus Grifoni engagiert 
worden sei und dort die Werkstätte leiten werde. Dieser 
Meisterschlag entschied den Sieg. Alle Kunden der Demoiselle 
waren darin einig, keine anderweitigen Bestellungen zu 
machen, bevor die große Pariser Werkstättenleiterin den Ein— 
wohnern von Pisa die neuesten Schöpfungen aus der Haupt—⸗ 
stadt der Modewelt vorgeführt hätte.
	        
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