Full text: Das Weltkriegsende

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Das Herbeirufen der Politik 
Programms geführt, das der Genehmigung des Kaisers unterbreitet 
werden sollte. Nur ihm stand verfassungsgemäß die Gesamtentschei¬ 
dung zu. 
Um 6 Uhr abends hat im Reichskanzlerpalais die entscheidende 
Besprechung unter Vorsitz des Kaisers stattgefunden. Der Feldmar¬ 
schall, Vizekanzler v. Payer, Hintze und andere Persönlichkeiten waren 
zugegen. Ein Protokoll liegt nicht vor, doch steht fest, daß über die neu 
in die Regierung aufzunehmenden Männer, über das Woffenstill- 
standsangebot und über die Fassung der an Wilson zu richtenden Rote 
beraten worden ist. Der Vizekanzler berichtete über die bisher gepflo¬ 
genen Verhandlungen und machte seine Vorschläge, worauf sich Prinz 
Max zur Übernahme der Kanzlerschaft bereit erklärte und zu Payers 
Vorschlägen Stellung nahm. Der Kaiser war im wesentlichen einver¬ 
standen, trat aber dem dringend geltend gemachten Wunsche des Prin¬ 
zen, das Waffenstillstandsangebot nicht abgehen zu lassen, nicht bei. 
Mit aller Bestimmtheit erklärte er, daß man der für die Beurteilung 
der Lage allein zuständigen O.H.L. in dieser Frage keine Schwierig¬ 
keiten machen dürfe. Wörtlich soll der Kaiser gesagt haben: „Die 
Oberste Heeresleitung hält es für nötig, und Du bist nicht hierher ge¬ 
kommen, um der Obersten Heeresleitung Schwierigkeiten zu machen." 
Damit übernahm er als Oberster Kriegsherr in dieser entscheidenden 
Frage die volle persönliche Verantwortung für die Absendung des 
Waffenstillstandsangebots. 
Bis in die Nacht hinein fanden dann noch Besprechungen im 
Reichskanzlerpalais statt. Sämtliche Männer der alten Regierung, 
außer Staatssekretär Sols, vertraten dem Prinzen gegenüber die Not¬ 
wendigkeit der Absendung der Note. 
Auch die Mitglieder des Bundesrats waren auf ihren Wunsch 
durch den Vizekanzler v. Payer am Nachmittag genau über die Lage 
unterrichtet worden. Sie waren „aufs äußerste bestürzt und de¬ 
primiert." 
Der 3. Oktober. 
Durch den Kronrat am 2. Oktober, 6 Uhr abends, war die Ent¬ 
scheidung über das Waffenstillstandsangebot gefallen. Prinz Max 
von Baden wollte indes diesen Schritt nicht mit seinem Namen decken, 
ohne die militärischen Grundlagen dieses Entschlusses vorher noch 
einmal genau festzulegen. Es war ihm völlig klar, daß das Ersuchen 
um Frieden und Waffenstillstand mit der von der O.H.L. geforderten 
Eile Deutschlands Lage gegenüber der Entente sehr ungünstig beein¬ 
flussen mußte, und daß für diesen Schritt eine politische Verantwor¬ 
tung nur dann übernommen werden konnte, wenn die nur von der 
O.H.L. zu beurteilende militärische Lage einen anderen Weg nicht 
mehr gestattete. Bis jetzt hatte niemand, weder in Spa am 29. Sep-
	        
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