Full text: Das Weltkriegsende

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Das Herbeirufen der Politik 
Immer in demselben Gedankengange, schnell zu einer verhand¬ 
lungsfähigen Regierung zu gelangen, sprach General Ludendorff am 
1. Oktober abends nochmals mit Herrn v. Lersner und erkundigte sich 
nach der telegraphischen Verbindung Berlin-Bern-Washington, da¬ 
mit auch hier alles vorbereitet werde. Die Auswirkung dieser Unter¬ 
redung mit Lersner zeigt sich in folgendem Telegramm: 
„Großes Hauptquartier, den 1. Oktober 1918 
An das Auswärtige Amt, 
(Aufgegeben 2.10.12 Uhr 10 vorm., angekommen: 12 Uhr 30 vorm.) 
General Ludendorff erklärte mir, daß unser Angebot von 
Bern aus sofort nach Washington weitergehen müsse. 48 Stun¬ 
den k ö n n e die Armee nicht noch warten. Er (bäte) Euere Exzel¬ 
lenz dringendst, alles zu tun, damit das Angebot auf allerschnellste 
Weise durchkäme. 
Ich wies deutlich darauf hin, daß der Feind trotz aller Be¬ 
schleunigung kaum vor Ablauf einer Woche antworten werde. Der 
General betonte, daß alles darauf ankäme, daß das Angebot späte¬ 
stens Mittwoch nacht oder Donnerstag früh in Händen der En¬ 
tente sei, und bittet Euere Exzellenz, alle Hebel dafür in Bewe¬ 
gung zu setzen. Er glaube, daß zur Beschleunigung vielleicht die 
Rote von der schweizerischen Regierung durch Funkspruch von 
Rauen an den Adressaten mit Schweizer Chiffre gegeben werden 
könne. gez. Lersner." 
Ludendorff rechnete also mit dem Eintreffen des Angebots in 
Washington spätestens in der Nacht vom 2./3. Oktober oder am 3. Ok¬ 
tober früh. Sollte dies erreicht werden, so war allerdings größte Eile 
geboten. Besonders beunruhigend wirkte der Ausdruck, daß die Ar¬ 
mee nicht noch 48 Stunden warten könne. Vielleicht lag hier ein Mi߬ 
verständnis vor, indem unter der Armee vielleicht die O.H.L. im 
Gegensatz zur politischen Leitung verstanden wurde. Es zeigte sich 
wieder einmal, wie ungünstig es ist, wenn wichtige Aussprachen auf 
telegraphischem Wege stattfinden müssen. Der mißverständliche Sinn 
des Satzes: „Die Armee könne nicht noch 48 Stunden warten" hätte 
mündlich mit wenigen Worten klargestellt werden können. 
Der 2. Oktober. 
Prinz Max von Baden sah sich vor die schwerste Entscheidung 
seines Lebens gestellt. Sollte er die Berufung annehmen oder ableh¬ 
nen? Er war nach Berlin gekommen in der Auffassung, noch völlige 
Freiheit des politischen Handelns zu haben. Jetzt sollte er seinen gu¬ 
ten Namen für einen Schritt hergeben, den er für verfehlt hielt. Nicht
	        
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