Full text: Das Weltkriegsende

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Das Herbeirufen der Politik 
zeugung, daß die Lage sofortige Schritte erfordere. So fehlten in der 
entscheidendsten Stunde des Deutschen Reiches für den von der O.H.L. 
geforderten Entschluß alle Gegengewichte. Der Kaiser entschied sich 
im Sinne der O.H.L. und des Staatssekretärs v. Hintze; dieser nannte 
der O.H.L. unter anfänglicher Unterschätzung der bevorstehenden in¬ 
nerpolitischen Schwierigkeiten Dienstage 1. Oktober, als Termin für 
das Zustandekommen der neuen Regierung und erzeugte bei Luden¬ 
dorff die feste Annahme, daß an diesem Tage das Waffenstillstands¬ 
angebot an die Feinde hinausgehen könne. 
In seiner bereits mehrfach erwähnten Aufzeichnung vom 31. Ok¬ 
tober 1918 hat sich Ludendorff selbst dahin geäußert, daß er den Ter¬ 
min zur Absendung der Rote fallen gelassen haben würde, wenn er 
die Verhältnisse klarer hätte übersehen und die Schwierigkeiten klarer 
hätte erkennen können, die sich der Bildung der neuen Regierung ent¬ 
gegenstellten. „Es kam hinzu", erklärt Ludendorff in seiner Aufzeich¬ 
nung, „daß die Männer, die in die neue Regierung traten, den Krieg 
und viele neueren Zusammenhänge nicht kannten, und daß im beson¬ 
deren der Leiter des Auswärtigen Amtes nicht zu den Männern ge¬ 
hörte, die die Geschichte meistern." Sicherlich wäre es bester gewesen, 
wenn General Ludendorff den starken Widerstand gegen seine For¬ 
derung schon am 29. September sich gegenüber gefunden hätte, den 
später Prinz Max geltend zu machen suchte, als es leider schon zu 
spät war. 
Der 30. September. 
Run galt es, einen Reichskanzler zu finden, der Mut und Vater¬ 
landsliebe genug besaß, um in diesem hoffnungslosesten Augenblick 
die Führung des Reichsschiffes zu übernehmen. Die Wahl fiel nach 
dem Vorschlage des Vizekanzlers v. Payer auf den Prinzen Max von 
Baden. Payer war auf das Äußerste bestürzt, als bald nach der An¬ 
kunft des Sonderzuges aus Spa am 30. September morgens die 
Staatssekretäre v. Hintze und Graf Roedern ihm über die Vorgänge 
in Spa berichteten. Bis dahin hatte er immer noch geglaubt, es werde 
uns so lange möglich sein, in einem Defensivkriege durchzuhalten, bis 
eine Friedensmöglichkeit gegeben sei. Zweifel an der Möglichkeit eines 
Endsieges hatte er schon seit Monaten gehegt, konnte sich aber „für 
die Beurteilung der militärischen Seite dieser Frage nicht für zustän¬ 
diger erachten als die O.H.L." Eine militärische Niederlage oder gar 
einen militärischen Zusammenbruch hatte er immer für ausgeschlossen 
gehalten. Das Schlimmste, was ihm vorschwebte, war, daß wir keine 
weitere Offensive mehr unternehmen könnten. 
Es war für Hintze nicht leicht, Payer zur Teilnahme an der Bil¬ 
dung der neuen Regierung zu bewegen, die sich als recht schwierig her-
	        
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