Volltext: Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart I. (1 (1934) ;)

Umbau zu einem Armenhause für arme, einheimische 
Israeliten zu widmen. 
Auf Ersuchen der Kultusgemeinde nimmt die Be¬ 
zirkshauptmannschaft eine Abgrenzung der Gemeinde¬ 
bezirke Teplitz und Soborten in der Weise vor, daß, 
da die Städte Teplitz und Turn einander zugewachsen 
sind, die Ortschaften rechts der Dux-Bodenbacher 
Bahn und die Stadt Turn bis zum Flößbache zur 
Teplitzer Kultusgemeinde gehören. 
Das Jahr 1890 hatte das neue Kultusgesetz ge¬ 
bracht, welches eine Änderung der Gemeindestatuten 
notwendig machte. 
Unter dem am 17. November 1890 neu gewählten 
Vorsteher Dr. Willner — Vertreter war Ed. Rindskopf, 
Tempelvorsteher Philipp Spitz und M. T. Taussig — 
wurde 1892 eine Vergrößerung des Friedhofsgrundes 
durchgeführt, ein Teil davon für den angrenzenden 
protestantischen Friedhof käuflich abgegeben, ein 
Friedhofsfond gegründet und zur leichteren Beglei¬ 
chung des Grundpreises verkäufliche Familiengrüfte 
vorgesehen. 
Die Verhandlungen über den Verkauf des Sofien¬ 
bades, dessen Pacht seit Jahren Scheuer inne hatte, 
für 30.000 fl. an die Stadtgemeinde sind vorderhand 
resultatlos, da die Stadtgemeinde die Erhaltung der 
isr. Schule abstoßen will. 
Kantor Kohn wird von dem am 15. August 1893 
neu eintretenden Siegfried Kulka aus Kolin in seinem 
Amte als Vorbeter und Schächter unterstützt. 
Im Laufe der Jahre hatten sich in der Nachbarstadt 
Dux eine Anzahl jüdischer Familien angesiedelt und 
sich unserer Kultusgemeinde angeschlossen. An den 
Feiertagen war durch Moritz Freud, welcher durch 
Jahrzehnte sich der Förderung des religiösen Lebens 
in Dux warmherzig annahm, ein Privatgottesdienst 
eingerichtet, endlich wird im Jahre 1894 ein Betlokal 
im Liehmschen Hause gemietet und ein Tempelbau¬ 
verein dank dem Eintreten Freuds gegründet. Herr 
Sternfeld, später Israel Rindskopf, Moritz Mandl und 
Samuel Friedl wurden als Lehrer und Vorbeter in 
Dux von der Teplitzer Kultusgemeinde angestellt. 
Damit war in dieser Filialgemeinde für die religiösen 
Bedürfnisse Sorge getragen, bis nach etwa 25 Jahren 
mit dem Tode Freuds am 3. Februar 1924 der Gottes¬ 
dienst aufhörte, zumal der Plan eines Tempelbaues 
in Dux nicht zur Ausführung gebracht wurde. 
Das religiöse Leben in den jüdischen Familien von 
Teplitz war vor 30 Jahren noch reger und gefestigter 
als heute. Es berührt uns wehmütig, wenn wir hören, 
daß damals noch weit über 100 Parteien den Wunsch 
äußerten, zu Sukkoth den Lulab (den Palmzweig) mit 
dem Esrog ins Haus gebrächt zu sehen, um in aller 
Frühe den Segensspruch darüber sprechen zu können. 
— Die Anteilnahme der Gemeindemitglieder an den 
Vorgängen in der Gemeinde war eine herzliche. 
So nahm die Gemeinde mit dem Vorstand gerne 
Anlaß Sanitätsrat Dr. Hirsch zum 25 jährigen Jubi¬ 
läum seiner Tätigkeit im Badehospital den Dank aus¬ 
zusprechen, dem Festgottesdienste zur 50 jährigen Be¬ 
standesfeier des Lokalarmeninstitutes, dessen Rech¬ 
nungsführer Ernst Bechert seit dem Jahre 1890 war, 
in der Synagoge beizuwohnen, den Vorbereitungen 
zur feierlichen Begehung des 50 jährigen Regierungs¬ 
jubiläums des Kaisers, für welches der Vorstand 
500 fl. als Fond ausgesetzt hatte, interessiert zu fol¬ 
gen und der Anstellung des Oberkantors Eugen Da¬ 
vidsons am 1. Juli 1894 ihre ganze Aufmerksamkeit 
zuzuwenden. 
Die Gründung des Gemeindebundes, zu welcher 
eine Delegation des Kultusvorstandes nach Prag ent¬ 
sendet wurde, am 13. Juni 1895, erweckte frohe 
Hoffnungen auf die Förderung jüdischen Lebens 
auch in Teplitz. 
Das neue Gemeindestatut war 1896 genehmigt wor¬ 
den und die erste Wahl nach seinen Statuten brachte 
Moritz Taussig die Ehrenstelle des ersten Synagogen¬ 
vorstehers, der aber kurz darnach 1896 verschieden 
ist und in einem Ehrengrab beigesetzt wurde. Hein¬ 
rich Nettel war der erste, Leopold Kusiener der zweite 
Synagogenvorsteher geworden. 
Dr. Emil Stein übernahm 1906 die Führung der Ge¬ 
meinde, Dr. Carl Kraus war sein Stellvertreter. 
Um die Verwaltung der Gemeinde zu intensivieren, 
wurden Sektionen begründet. Eine Tempelbau-, 
Armen- und Finanzsektion, je eine für Rechtsangele¬ 
genheiten, die Verwaltung des Armenhauses; die Tal¬ 
mud Thora, Synagoge, Stiftungen, die Realitäten¬ 
verwaltung ; die Synagoge und der Religions¬ 
unterricht in Dux werden mit je einer Sektion be¬ 
dacht. Das Armenwesen, das seit jeher einen nicht 
unbedeutenden Teil der Gemeindearbeit und der Aus¬ 
gaben in Anspruch nimmt und dessen Zentralisie¬ 
rungsbestreben in früherer Zeit wir schon kennen 
lernten, sollte wieder einmal auf Antrag Georg 
Blumbergs vereinigt werden. Diese Versuche reichen 
bis in die neueste Zeit39). 
Unsere Gemeinde, deren Seelenzahl zusehends 
wuchs, konnte vor allem an den Feiertagen seit lan¬ 
gem auch in der neuen Synagoge nicht mehr Platz 
finden. Deshalb wurde für die folgenden Jahre im 
Kursalon (Kaiserbad) an den hohen Feiertagen ein 
Filialgottesdienst eingerichtet, bei welchem ein Kan¬ 
didat auch die Predigten hielt. 
Man mußte auch daran denken, den Andächtigen 
den Aufenthalt in der Synagoge während der kalten 
Jahreszeit erträglicher zu gestalten. Nach vielen Ver¬ 
handlungen mit Fachleuten und in der Ratsstube 
wurde im Jahre 1905 die Beheizung des Tempels 
mittels Dampf durch die Firma Fianz Wagner in 
Eger um 10.437 K durchgeführt. 
Zur Deckung dieser großen Ausgaben und der 
gleichzeitig notwendigen Einsetzung von Doppel¬ 
fenstern wurde bei der Bank Perutz und Söhne in 
Teplitz eine schwebende Schuld von 20.000 K auf¬ 
genommen, außerdem übernimmt die Gemeinde die 
Garantie für ein vom Tempelverein aufgenommenes 
Darlehen in gleicher Höhe bei derselben Bank, wel¬ 
ches zur Deckung der Kosten für die Ausmalung des 
Tempels dienen sollte. Denn der Tempelverein hatte 
unter dem Vorsitze seines damaligen Obmannes Ernst 
Bechert im Einverständnis mit dem Gemeindevorstand 
nach vielen mühevollen Unterhandlungen, Sitzungen 
und Versuchen schließlich diese Arbeit der Firma 
Weygand und Thümel um den Betrag von 27.000 K 
übertragen, nachdem eine farbige Skizze vom k. k. 
Baurat Stiassny, Architekt Rudolf mit anderen Fach¬ 
leuten begutachtet und empfohlen worden war. 
Das Gotteshaus war durch diesen schönen Farben¬ 
schmuck eine noch würdigere Andachtstätte ge¬ 
worden. Die stimmungsvolle, reiche Bemalung der 
Innenräume wurde gehoben durch die Bekleidung der 
Wände vom Fußboden 85 cm hoch mit rötlichen 
Marmorplatten, das Gestühle des Tempels erhielt 
neuen Anstrich, das Orgelgehäuse, die Beleuchtungs¬ 
körper und Luster wurden reich vergoldet, und die 
Beleuchtung der hochragenden Kuppel sollte die 
Verschönerung der Synagoge krönen. Leider mußte 
diese Absicht wegen der mangelnden Tragfähigkeit 
des Kuppelgewölbes aufgegeben werden und wurde 
erst in neuerer Zeit ausgeführt. Der Tempelverein 
hat sich durch diese großartige Leistung ein dauern¬ 
des Andenken gesichert. Bald darauf dienten die 
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Teplitz 18
	        
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