Full text: Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart I. (1 (1934) ;)

Die Geschichte der Juden in Saaz. 
Bearbeitet von 
Prof. Ernst Mandl und Dr. Heinrich Schwenger, Saaz. 
Saaz (c. Zatec) ist immer ein wichtiger Straßen- 
knotenpunkt gewesen, lag an einem fischreichen 
Wasserweg, stand später lange unter der Verwaltung 
eines königlichen Prinzen und entwickelte sich später 
im 15. und 16. Jht. langsam zur drittgrößten Stadt 
des Landes. So sehen wir in S. ein großes Ghetto 
entstehen, das, als die ersten Deutschen unter Herzog 
Wenzel I. ins Land kamen, bereits wichtige Handels¬ 
beziehungen im ganzen Lande besaß, besonders aber 
mit der Haupt- und Residenzstadt des sich langsam 
einigenden Landes, das ja früher aus Teilfürsten- 
tümern bestanden hatte. Das nicht weit weg vom Ufer 
des Egerflusses liegende Ghetto halfen die neu¬ 
ankommenden Juden vergrößern. 
Bis jetzt waren schriftliche oder andere Denkmäler 
über Juden aus jener frühesten Zeit nicht zu eruie¬ 
ren. Im 14. Jht. hieß in S. ein Platz „Judengarten 6 
der, der allgemeinen Meinung nach, ein jüdischer 
Friedhof gewesen sein soll. Irgendwelche Über¬ 
reste eines solchen Friedhofes sind dort nicht ge¬ 
funden worden. Die älteste Nachricht, die wir 
von Saazer Juden derzeit in Händen haben, stammt 
aus dem J. 1350. Karl IV., König von Böhmen, be¬ 
stätigt dem Sohne des Mathias von Eger, Peter, 
Richter von S., seiner Gattin Agnes und seinen Rechts¬ 
nachfolgern das Richteramt der Stadt S. mit allen 
Einkünften und Rechten, namentlich mit den vier 
Fleischbänken und Zöllen. Er darf außerdem bei 
Mordtaten Urteile fällen und erhält schließlich auch 
die Gerichtsbarkeit über die Juden. Dies weist dar- 
auf hin, daß es hier unter anderem auch Streitig¬ 
keiten mit und unter Juden gegeben hat, daß die 
Juden also hier Besitz hatten und begütert waren und 
daß alle die den Handel und Verkehr betreffenden 
Streitfragen mit Einkünften dem Stadtrichter über¬ 
tragen wurden. 
Aus dem J. 1376 finden wir das Taufzeugnis eines 
getauften Juden, wir hören von Samuel von S. 
und Michel von S., die mit ihren Gattinnen zu¬ 
sammen Geber von Schuldbriefen sind. Auch im Saa¬ 
zer Kontraktenbuch finden wir den Namen eines 
Juden David, der Häusertransaktionen vornimmt. 
Ferner werden im J. 1411 und 1418 Saazer Juden 
urkundlich erwähnt. Aus den offiziellen Schuldbriefen 
der Jahre 1498 bis 1508 ersehen wir ebenfalls Juden¬ 
namen, die den Beinamen „aus Saaz66 trugen. 
Nach den Hussitenkriegen waren nun die Deut¬ 
schen aus vielen Städten auch aus S., entweder über 
haupt oder auf mehrere Jahrhunderte hinaus ver¬ 
drängt; und als sich einerseits nun dadurch die Juden 
wieder dem Handel und, Gewerbe zuwandten, an¬ 
dererseits die aus dem Kriege Heimgekehrten oder 
frisch zugewanderten Tschechen die Konkurrenz mit 
den Juden nicht aufnehmen konnten, da entstanden 
jene Anfänge eines tödlichen Hasses und wir hören 
zum erstenmal auch in S. die Forderung nach Ver¬ 
treibung der Juden. 
Im J. 1526 verlangten die Saazer, ihnen die Ver¬ 
treibung der Juden zu gestatten. Der Landesunter¬ 
kämmerer Z d enëk von Rozmitál ersucht sie 
jedoch in einem Briefe, sich zu gedulden. Er deutet 
ihnen an, daß der König nicht mehr lebe und Bürger¬ 
meister und Stadträte in dieser Angelegenheit keine 
neuen Beschlüsse fassen oder sich zu voreiligem Han¬ 
deln hinreißen lassen. Der neue König werde gewiß 
alle ihre gerechten Wünsche nicht unerfüllt lassen. 
Die Juden aber sind Knechte der königlichen Kammer 
and nach ihnen zu langen, sei ein Eingriff in die 
königlichen Rechte. 
Gleich darauf bittet der oberste Burggraf (Cela- 
kovsky) die Prager Bürger um Aufenthaltsbewilli¬ 
gung für den Juden Samuel aus S. Dieser scheint 
schon auf die oberwähnte Bitte seiner Mitbürger hin 
entflohen zu sein. Er erfreute sich nämlich keiner 
sehr großen Beliebtheit, wie wir aus folgendem er¬ 
fahren. Im J. 1527 sendet Rozmitál wieder ein Schrei¬ 
ben an den Bürgermeister und die Ratsherren der 
kgl. Stadt S., in welchem er sich darüber beschwert, 
daß die Brüder Fremuth aus Schönhof seinen Erb¬ 
juden (daher die Verwendung für ihn) Samuel blutig 
geschlagen haben. Die Bevölkerung war also bereits 
zu Taten übergegangen. 
Als sich die Saazer im J. 1530 in bezug auf die 
Vertreibung der Juden abermals selbständig machen 
wollten, da war es wieder der König Ferdinand I., 
der diesem Treiben entgegenarbeitete. Vor allem er¬ 
gänzte er die Judenordnung Wladislaws dahin, daß 
von nun an nur 2 Groschen vom Schock per Woche 
als Schuldzins genommen werden dürfen, weiters 
müssen die Juden, die nicht königliche Kammer¬ 
knechte sind und doch in der königL Stadt S. woh¬ 
nen, diese sofort verlassen. Das war eine Spitze gegen 
den Adel, der von einigen in S. wohnenden Juden 
Schutzsteuern angenommen hatte. Oder war dies bei 
Samuel etwas anderes gewesen? Überhaupt sehen 
wir, daß Ferdinand die unter den Jagelionen so 
mächtig gewordenen Stände wieder etwas zurück¬ 
drängen wollte. Dabei war ihm jedes Mittel recht: 
auch das, sie finanziell zu schwächen, selbst wenn 
sich dieser Vorgang zuerst zum Schaden der Juden, 
also zu seinem eigenen Steuerschaden auswuchs. 
Einigen Saazer Bürgern hatte aber doch das Bitten 
nicht genügt, sondern sie hatten bereits dadurch ein 
wenig Vorschuß auf die sicher erhoffte Erlaubnis 
genommen, daß sie einige Juden erschlugen, gleich¬ 
zeitig ein wenig bei den Juden raubten und plünder¬ 
ten. Dies erfahren wir aus einem (deutsch abgefa߬ 
ten) Bericht der böhmischen Kammer an den in sei¬ 
ner Wiener Residenz weilenden König Ferdinand. 
Ein paar Tage später bekamen die Saazer den offi¬ 
ziellen Befehl von den obersten Hauptleuten des 
Königreiches Böhmen Johann v. Wartenberg, Adal¬ 
bert v. Pernstein, Radslav v. Berkovsky und Wolfart 
Plankner, gegen die Juden nichts ohne Einwilligung 
Zatec 1 37* 
5*9 
Saaz 1
	        

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