Geschichte der Juden in Jechnitz.
Bearbeitet von
Rb. S. Löwi, Jechnitz.
Jechnitz (c. Jesenice) ist eine Bezirksstadt in der
Hauptmannschaft Podersam, Böhmen, hat zirka 260
Nummern und zirka 1400 Einwohner. Jetzt wohnen
hier 15 jiid. Familien. Früher waren hier mehrere
Familien ansässig, aber in den letzten Jahren hat sich
die Zahl der Familien teils durch Ableben der Fami¬
lienhäupter, teils durch Hinwegziehen in größere
Städte vermindert. Über die Entstehung der hiesigen
K. G. ist Nachstehendes bekannt:
Bis zum J. 1850 wohnte in J. kein Jude, obzwar die
Juden der umliegenden Ortschaften stets zu Anfang
jeder Woche nach J. kamen und dort ihre Geschäfte
erledigten. Rühmend verdient hervorgehoben zu wer¬
den, daß diese Geschäftsleute in J. im Gasthause
„Zum grünen Baum" bei der sehr liberalen Familie
Heidler eine Heimstätte fanden, wo sie sich wäh¬
rend der ganzen Woche aufhalten konnten, um dann
vor Beginn des Sabbates wieder zu ihren Familien
zurückzukehren. Im J. 1870 kaufte Lazar K o h n ein
Häuschen in J. Nr. 92, wo er einen Handel mit Fe¬
dern und Rohleder betrieb. Nun war der Bann ge¬
brochen. Im Laufe der Jahre zogen mehrere jüd. Fa¬
milien nach J. Die nächste jiid. K. G. war Peters¬
burg, wo die Juden auch aus J. dem Gottesdienst
beiwohnen konnten. Bald aber war die Zahl der jüd.
Bevölkerung derart angewachsen, daß sie selbst eine
Stube mieteten, wo sie ihren Gottesdienst abhalten
konnten, obzwar trotzdem einige noch den Gottes¬
dienst in Petersburg besuchten. Es wurde hier ein
Religionslehrer angestellt, der die Funktionen in der
Betstube und in der Privatschule zu besorgen hatte.
Ende der 70 er Jahre war die Zahl der Juden bereits
auf zirka 70 Familien einschließlich jener Juden ge¬
stiegen, die in den benachbarten Ortschaften wohnten
und gerne ihr Scherflein zu den Bedürfnissen der
Gemeinde beitrugen. Zu dieser Zeit erwarb die Ge¬
meinde hier das Haus Nr. 191 und so übersiedelte die
Synagoge in ein eigenes Heim, wo ein großes Zimmer
Rb. Josef Neu Rb. Sal. Löwy
als Synagoge eingerichtet wurde. Im J. 1893 wurde
bei der Konstituierung der Gemeinden in Böhmen
Jechnitz als K. G. bestätigt. Der erste Rb. war Eduard
S c h u 1 h o f, dann folgten verschiedene Namen.
Mein Vorgänger war Josef Neu (1901—1908). Ich
bin seit 1908 bis heute hier im Amte. Als Mitbegrün¬
der der Gemeinde nenne ich Jakob K a u d e r s. Zur
Zeit der Konstituierung war JUDr. Filipp Schnei-
d e r K. V., als dieser nach Budweis zog, MUDr, Hugo
K o h n und dann JUDr. Moritz K o h n. Nach dessen
Ableben im J. 1923 übernahm Herr Josef Abeles,
Kaufmann in J., das Amt des K. V. welches er heute
noch verwaltet. Seit einer Reihe von Jahren ist er
Nathan Löwy Dr. Moritz Kohn
auch Mitglied der Stadtvertretung. Der Energie un¬
seres K. V. ist es zu verdanken, daß in finanzieller
Beziehung Ordnung in der Gemeinde herrscht und
das Haus, welches mit spärlichen Mitteln angekauft
wurde, heute schuldenfreies Eigentum der Gemeinde
ist. Besonders rühmend ist hervorzuheben, daß durch
K. V. Abeles eine Sammlung von Spenden zur Re¬
novierung unseres Gotteshauses eingeleitet wurde, so
daß es jetzt einen sehr erfreulichen Anblick bietet.
Allen Spendern, besonders dem Herrn K. V. gebührt
der Dank der Gemeindemitglieder. Während die ver¬
storbenen Gemeindemitglieder früher ihre Ruhestätte
auf dem israel. Friedhofe in Dereisen fanden, be¬
findet sich jetzt auf dem neuen Kommunalfriedhofe
in J. eine Abteilung für Juden. Laut der behördlichen
Abgrenzung gehören zum Sprengel der K. G. Jechnitz
20 Gemeinden. In vielen Gemeinden wohnen keine
Juden und die andern zahlen wohl ihre Kultusbei¬
träge, kommen sonst aber mit der K. G. selten in Be¬
rührung. Während früher in den Ortschaften P e-
tersburg und Scheies der Religionsunterricht
von den jeweiligen Rb. erteilt wurde, findet der
Unterricht bloß in der Schule in J. statt, da sowohl in
Petersburg als auch in Scheies keine Schüler mehr
vorhanden sind.
Dr.
Kohn
Josef
Jesenice i
197
Jechnitz t