Die Grundlage zu Bünderlins religiösen Ansichten hat bereits
sein, wenn auch nur kurzer Aufenthalt an der Wiener Universität
geliefert. In den Jahren beginnend mit der Regierungszeit Maxi
milians bis in die ersten zwanziger Jahre hinein hat diese Universität
die alte, überlebte Zeit begraben und einer neuen die Wege ge
ebnet. Nicht ohne gewaltige Stürme ging diese Arbeit von statten.
Grollend und brummend wich die Vergangenheit zurück, polternd
und lärmend hielt die Gegenwart ihren Einzug.
Infolge der Begünstigung, welche der Humanismus an aller
höchster Stelle genofs, einer Begünstigung, welche sich in zahl
reichen einschneidenden Bestimmungen, alle Zweige des Hoch
schulwesens betreffend, äufserte, begann die Wiener Universität
allmählich ihren klerikalen Charakter, der ihr so wie allen anderen
Universitäten im ganzen Mittelalter eigen gewesen war, abzu
streifen und das Aussehen einer weltlichen Schule anzunehmen.
Dafs der Name Wunderl mit Bunderl, Blinderlin oder Binderlin iden
tisch ist, und sich deren Verschiedenheit aus dem Wechsel der Schreibart
genügend erklärt, dafür liefert die Zeit, in der Biinderlin lebte, eine Reihe
schlagender Belege:
In allen Handschriften vom 14. bis 17. Jahrhundert findet sich „W“
im Anlaute häufig mit „B“ vertauscht und umgekehrt. Ja, es ist diese
Verwechselung geradezu ein Kennzeichen des bayerischen Dialektes bis
zum Ende des 16. Jahrhunderts. Wir finden sie zahlreich in den Schriften
von Nürnberg bis Trient. Mit Ende des 16. Jahrhunderts nimmt sie zu
sehends ab, ganz verschwunden ist sie aber auch heute noch nicht. Man sagt
z. B. heute noch: „Wawerl“ für „Barbara“, „Waldhäuser“ für „Balthasar“,
siehe bayerische Grammatik von Dr. Carl Weinhold, Berlin 1867, S. 127
§ 124 und S. 140 § 186, sowie: Jacob und Wilh. Grimm, Deutsches
Wörterbuch, Leipzig 1854, I. Sp. 1054. Dafs U leicht in Ü oder i
überging und umgekehrt, ist allgemein bekannt und bedarf keines Be
leges. So wird aus Munster (in alten Urkunden: Chremsmunster) Münster,
aus Bund — Bündel, aus Chunz — Chiinzl und Chünzlin. Die Silbe „lin“
ist die Deminutivbezeichnung des bayer.-österr. Dialekts im Mittelalter, sie
wird später zu lein, le, la oder blofsem 1. Siehe Weinhold 1. c. S. 173 und
245. Ein treffendes Beispiel für die Verhärtung von anlautendem „W“ in
B und für den Übergang von „u“ in i bietet eine Eintragung der Wiener
Universitätsmatrikel vom Jahre 1508. Dort erscheint Sebastian Winderlin.
Es ist dies derselbe, der später als Humanist, als Mitglied des Colle
gium Principis und Universitätslehrer eine hervorragende Stellung am Hofe
Maximilians einnahm. Dieser Sebastian Winderlin hielt im Jahre 1515
gelegentlich des Wiener Fürstenkongresses zu Ehren der Königin Marie,
Gattin Ludwigs von Ungarn, und des Kardinals Mathäus Lang, Erzbischofs
von Salzburg, zwei lateinische Reden, die mit anderen unter dem Titel:
1*