Volltext: Die Großmächte der Gegenwart

Auswärtige Probleme 
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Italien auch nicht, ein Las bei der großen chinesischen Realisation zur 
Zeit der Jahrhundertwende zu gewinnen. Da hielt es die Zeit für 
gekommen, zum Mittelmeerprogramm zurückzukehren auf dem ein¬ 
zigen Mege, der dahin führte, auf dem Wege des Einverständnisses 
mit Frankreich. Nun begannen „die Extratouren" (B ü l o w), die seine 
Bundestreue in ein zweifelhaftes Licht stellten. Die Belohnung kam 
schließlich, gerade im Jubeljahr 1911, im 50. Jahre des neuen Reiches, 
mit „Libyen", dem nordafrikanischen Rüstenland zwischen Frankreichs 
Tunesien und Englands Ägypten. 
Man sieht ein, daß Italiens Rnspruch gleichsam von Tunis auf 
dieses herabglitt,' es war dies die einzige noch übrige Stelle, wenn 
es sich überhaupt als Mittelmeermacht außerhalb der heimischen 
Grenzen geltend machen wollte. Die Besitznahme von Tripolis hat 
auch Gefühle von Nationalstolz ausgelöst, die für den auswärtigen 
Betrachter nicht in richtigem Verhältnis zum wirklichen Werte der 
Beute zu stehen scheinen. Unter der Macht dieser Gefühle hat sich Ita- 
lien jetzt auch eine Hypothek im türkischen Rsien zu verschaffen gewußt 
(die Ronzession auf eine Ndalia-Eisenbahn 1913) und außerdem eine 
Interessensphäre in dem neuen Rlbanien, auf das sowohl alte vene- 
zianische hoheitsrechte wie auch die politische Anziehung, die ein 
Vorland ausübt, schon längst seinen Blick gelenkt haben. Daß letzteres 
Interesse die Form eines mit Ästerreich-Ungarn geteilten Protek¬ 
torats besitzt, beweist seinerseits, daß in dieser schlauen und ge- 
schmeidigen Politik jetzt die Allianz wieder zu Ehren gekommen 
ist, nachdem die neueste Form seiner Mittelmeerpolitik einen 
neuen Rückschlag und einen neuen Druck seitens Frankreichs zur 
Folge hatte. 
Bei einem Überblick über das moderne Italien müssen einem der 
nationale Wille zum Leben und das Streben nach Wachstum impo¬ 
nieren, deren elementarer Macht auch die Sozialisten und die pazi- 
fizisten des Landes sich nicht ganz entziehen konnten. Sie sticht ganz 
besonders gegen den Rlterstypus Gsterreichs scharf ab. Man darf 
aber auch seinen entschieden extensiven Charakter nicht übersehen; wir 
Rjellen, Die Großmächte. 19. HufL 3
	        
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