Volltext: Die Großmächte der Gegenwart

Genesis 
157 
zen Meer abgeschlossen. Das 18. Jahrhundert sprengte diese Schran¬ 
ken und gab Rußland die Schlüssel zu seinem eigenen Haus in die 
Hand. hiermit hatte es feine ersten Kulturgestade gewonnen. Aber 
dies waren Binnenmeere,' weiter davor lagen die Torwege des 
fund und der Dardanellen, deren Schlüssel noch im Besitz von skandi¬ 
navischen Völkern und der Türkei waren. Deshalb konnte Rußland 
nicht haltmachen; das 19. Jahrhundert zeigt einen fortwährenden Druck 
nach beiden Richtungen, wodurch die Reichsgrenze im Westen bis zu 
den Flüssen Torne, Weichsel und Pruth vorgeschoben wird, aber die 
direkten Vorstöße nach dem Mittelländischen Meere werden von West- 
europa in Paris 1856 (nach dem Krimkrieg) und in Berlin 1878 
(nach dem Balkankrieg) aufgehalten. Asien, wo die Außenwerke schon 
vor Mitte des 18. Jahrhunderts endgültig bis zum Großen Gzean 
und sogar darüber hinaus bis zum amerikanischen Ufer (Alaska) 
gingen, bietet Ersatz, zuerst im Amurgebiete (1858), dann in Trans- 
kaspien (1881—87) und Pamir (1891—95), schließlich in der Man¬ 
dschurei (1896—1900). Aber als es zuletzt die Hand nach Korea 
ausstreckte, kam auch hier ein ernster Rückschlag, in Portsmouth 1905 
(nach dem Krieg mit Japan). 
Während dieser territorialen Entwicklung hat sich Rußland kul¬ 
turell auf seinen eigenen Wurzeln gefestigt. Rach der gewaltsamen 
Berührung im Krimkriege kam eine neue Reformperiode in der 
Richtung nach dem europäischen Kulturideal; die Aufhebung der Leib¬ 
eigenschaft, die Einführung einer Art Selbstverwaltung und der Bau 
von Eisenbahnen waren das Ergebnis. Gegen Ende des Jahrhunderts 
machte man sich an moderne Industrieentwicklung. Im Anfang des 
neuen Jahrhunderts, nach dem Mißerfolg in der äußeren Expansion, 
kamen die konstitutionelle Verfassung und die Agrarreform. So bietet 
Rußland jetzt äußerlich das Bild abendländischer Kultur dar. Aber im 
ganzen hat es noch immer seine byzantinische Staatskirche und seinen 
cäsaristischen Staatsgeist, noch immer steht es in weltauffassung, 
Sitten, sogar Schrift und Vatumberechnung abseits von Europa, wie 
eine Welt für sich, ein „Halbasien".
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.