D i e achte Kriegstagung des deutschen Reichstags I. 39
etwas anderes gewollt worden. Wie ließe sich auch sonst diese Entfaltung von Riesenkräften, dieser
unerschöpfliche, zum letzten entschlossene Opfermut erklären, der unerhört in aller Menschengeschichte
ist? An der Hartnäckigkeit deS feindlichen KriegSwillens, dem daS Aufgebot militärischer und mate
rieller Hilfskräfte aus aller Welt dienstbar gemacht wird, hat sich unsere Widerstandskraft zu immer
härterer Entschlossenheit gestählt. Was England noch an Kräften einsetzen mag — auch
Englands Machtgebot hat seine Grenzen — es ist bestimmt, an unserem Lebenswillen
zu scheitern. DieserWille ist unb ezwin g b ar und unverwüstlich. Wann unseren
Feinden die Erkenntnis kommen wird, das warten wir in der Zuversicht ab,
daß sie kommen muß."
Nach der Rede des Reichskanzlers führten die Redner aller Parteien aus, daß die
Darlegungen dankenswerte Klarheit über die letzten Vorgänge vor dem Ausbruch des
Krieges gebracht hätten, daß ungezählte Menschen nicht nur in Deutschland für die
Zusammenstellung der Ereignisse dankbar sein würden und daß es wünschenswert sei,
sie auch im neutralen Auslande möglichst zu verbreiten. Ein Mitglied der sozialdemo
kratischen Partei führte aus, daß die Diskussion der Schuldsrage um so günstiger für
Deutschland ausfalle, je gründlicher man sich in sie vertiefe.
Die Wiederaufnahme der Tagung und die Annahme des
Hilfsdienstpflichtgesetzes
am 23., 29. November und 2. Dezember 1916
Am 23. November 1916 wurde der Reichstag unter Aufhebung der Verordnung vom
4. November 1916 aus den 25. November einberufen. Die erste kurze Sitzung des
Reichstags erhielt eine besondere Würde und Feierlichkeit durch die Trauerkundgebung
für den Kaiser und König Franz Josef, mit der sie begann. Präsident Dr. Kaempf
huldigte dem Andenken des treuen Verbündeten des Deutschen Reiches in knappen, warm
herzigen Worten, denen die Mitglieder des Hauses stehend in lautloser Stille lauschten.
Darnach wurde eine Reihe von Berichten des Ausschusses für Handel- und Gewerbe,
darunter ein Bericht über die Uebersührung der Kriegs- in die Friedens
wirtschaft nach den Vorschlägen des Ausschusses erledigt und schließlich nach einer
erregten Geschästsordnungsdebatte gegen die Stimmen der beiden sozialdemokratischen
Fraktionen die erste und zweite Lesung des Gesetzentwurfs über den Vater-
ländischenHilfsdienst auf die Tagesordnung der Sitzung vom 29. November 1916
gesetzt. Die Beratungen an diesem Tage eröffnete der Reichskanzler mit folgender
Ansprache:
„Meine Herren! DaS Gesetz, das Ihnen vorliegt, werden meine Nachbarn, der Herr Staatssekretär
des Innern, und der Herr Kriegsminister, näher begründen. Mir gestatten Sie nur einige Worte
der Einführung.
Der unersättliche Krieg rast weiter. Unsere Feinde wollen es so. Sie feiern diesen Sommer
als einen für sie siegreichen. Haben sie etwa ihren Willen durchgesetzt? Unsere Linien sind un
gebrochen, und Rumänien, das den großen Umschwung bringen sollte, zahlt seine Buße. Gott hat
bis hierher geholfen, er wird weiter helfen. Die fast übermenschlichen Taten unserer Truppen, an
die kein Wort des Dankes heranreicht, und das gute Gewissen, daß wir als die ersten und die
einzigen bereit waren und bereit sind, den Krieg durch einen unser Dasein und unsere Zukunft
sichernden Frieden zu beenden, gibt uns das Recht zu dieser Zuversicht. Aber, meine Herren, wir
wollen über diesem Recht unsere Pflicht nicht vergessen. Unsere Feinde wollen den Frieden noch nicht.
An Menschenzahl sind sie uns weit überlegen, und fast die ganze Welt liefert ihnen Kriegsmaterial.
Was das heißt, das zeigen die Kämpfe an der Somme. Industrie und Organisation werden mit
jedem Tage, den der Krieg länger dauert, immer entscheidender für das Ende. Jede Hand, die
daheim Geschütze und Geschosse schafft, ersetzt einen Mann, schützt ein junges Leben im Schützen
graben. Jede Hand, die daheim feiert, hilft dem Feind. Das ist die Meinung, die uns jeder
Heeresbericht zuruft, die uns in Herz und Gewissen dringt. Die Motive dieses Gesetzes sind nicht
am grünen Tisch erdacht, sie sind draußen im Trommelfeuer der Fronten geboren.