18 Das Deutsche Reich während des fünften Kriegshalbjahres
in rascher Reihenfolge erledigt. Der schleunige Antrag der Sozialdemokratischen Arbeits
gemeinschaft, das Strafverfahren gegen den Abgeordneten Dr. Liebknecht
aufzuheben, wurde gegen den Widerspruch der Rechten und der Nationalliberalen aus
Antrag des Zentrums der Geschäftsordnungskommission überwiesen (vgl.
S. 24). Die Gesetzentwürfe zur Verlängerung der Legislaturperiode des
Reichstags bis zum 12. Januar 1918 und des elsaß-lothringischen Landtags
um ein Jahr sind unter den obwaltenden Umständen einstimmig als Notbehelf erachtet
und gleich in allen drei Lesungen angenommen worden. Etwas lebhafter wurde es bei
der Beratung des Gesetzentwurfs zum Schutze der Bezeichnungen „Nativ nalstistung"
und „Marinestistung". Dr. Helsserich versuchte, einige Bedenken der Sozial
demokratie zu zerstreuen, fand aber bei dem Redner der Sozialdemokratischen Arbeits
gemeinschaft, dem Abgeordneten Henke, nur Ablehnung, der dabei blieb, daß man
aus dem Rechtsanspruch der Hinterbliebenen und Kriegsbeschädigten „einen Akt der Wohl
tat, Willkür, Gnade und Begünstigung machen wolle". Der Präsident griff ein, erteilte dem
Abgeordneten eine Rüge, und dann wurde die Vorlage verabschiedet (vgl. S. 33).
Darauf kam die Aussprache über die auswärtigen Angelegenheiten an
die Reihe. Während das Haus den bisherigen Beratungen nicht allzu aufmerksam ge
folgt war, trat nun eine allgemeine Stille ein. Zahlreiche Abgeordnete scharten sich lau
schend um die Rednertribüne. Der Ausschußantrag ging dahin:
„Der Reichstag wolle beschließen: Der Reichstag ermächtigt den Ausschuß für den Reichshaushalt,
zur Beratung von Angelegenheiten der auswärtigen Politik und des Krieges während derVer-
tagung zusammenzutreten."
Der nationalliberale Abgeordnete Bassermann erstattete ruhig, mit starker Akzen
tuierung einzelner Punkte, folgenden Bericht:
„Die Beratungen Ihres Ausschusses über die auswärtige Politik trugen einen vertraulichen Cha
rakter. Ihr Referent ist infolgedessen nicht in der Lage, über die Einzelheiten unserer viele Tage
in Anspruch nehmenden Verhandlungen hier zu berichten. Ich darf nur feststellen, daß alle Fragen,
die für die Beurteilung der gegenwärtigen Lage wesentlich sind, in eingehenden Beratungen im
Ausschuß besprochen und gewürdigt wurden, vor allem auch die Besprechung der Kriegslage. Hier
darf ich wohl sagen, daß der allgemeine Eindruck der war, daß dieselbe als eine allseitig befriedi
gende und hoffnungsvolle bezeichnet werden kann. Der Ausschuß besprach die Lage der Dinge im
feindlichen Ausland; er würdigte eingehend die Entwicklung der Politik in Rumänien, kritisch be
leuchtend Haltung und Tätigkeit unserer Diplomatie vor dem Weltkrieg und während des Weltkriegs
bis zur Kriegserklärung und zum Krieg mit Rumänien. Dabei wurde eingehend gewürdigt die
Politik deS Ministerpräsidenten Bratianu, die auf Täuschung berechnet war; die Politik des Königs;
es wurden besprochen die wirtschaftlichen Verträge, die wir während des Weltkrieges vor dem Kriegs
ausbruch mit Rumänien abzuschließen in der Lage waren, und endlich eingehend diejenigen Ereig-
niffe und Faktoren, die zum Kriege mit Rumänien geführt haben. Wir haben in der Kommission
weiterhin besprochen die Beziehungen des Deutschen Reiches und die Lage der Dinge in den neu
tralen Staaten, vor allem in Griechenland, das ja heute in schwerster Krisis sich befindet. Es wurden
hier eingehend besprochen alle Erdroffelungsmaßregeln, die von der Entente, vor allem von England
gegenüber den neutralen Staaten, in erster Reihe wieder gegen Griechenland, angewendet wurden.
Die bewunderungswerte Haltung des Königs von Griechenland, der sich gegen die Gewalttätigkeiten
unserer Feinde wehrt und bemüht ist, die Neutralität auch in den schlimmsten Verhältnissen aufrecht
zu erhalten, fand volle sympathische Würdigung in der Kommission; in der Tat, ein bewunderns
werter Widerstand gegen eine so starke Uebermacht, gegen alle diese Treibereien, die in ihren End-
ergebniffen dahin abzielen, nicht nur die Monarchie zu erschüttern, sondern auch eine völlige Anarchie
im Lande herbeizuführen. Wir haben bei unseren Beratungen die Gründe besprochen, die zur Füh
rung eines griechischen Armeekorps nach Görlitz geführt haben; auch hierüber sind die nötigen Auf
klärungen durch die Regierung und ihre Vertreter gegeben worden. Der Hauptausschuß hat sich
auch mit der Frage der Kriegsmittel in eingehenden, sorgfältigen Beratungen befaßt. Unter diesen
Fragen mußten naturgemäß die Unterseebootfrage und der Unterseebootkrieg im Vordergründe