V o m türkischen Parlament
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Die Rede Halil Beis war die Antwort auf die Frage eines Abgeordneten, ob
die Kaiserlich ottomanische Regierung infolge der Ausweisung der Gesandten der Türkei
und der verbündeten Länder aus Athen entsprechende Gegenmaßnahmen getroffen habe.
Der Minister gab zunächst eine Darstellung von der Besetzung von Saloniki durch die
Entente und der völkerrechtswidrigen Ausweisung der Konsuln der Mittelmächte, erörterte
sodann eingehend die Gewalttaten der Entente in Griechenland und fuhr fort:
„Admiral Fournet hat unter den Augen des Königs und der hellenischen Regierung den ver
bündeten Gesandten mitgeteilt, daß sie bereit sein müßten, die griechische Hauptstadt zu verlassen.
Er machte dabei den lächerlichen Vorwand geltend, daß unsere Gesandten Spionage gegen die
Entente trieben, daß diese Beweise dafür habe und demgemäß die Anwesenheit der Gesandten der
Entente schädlich wäre. Unsere Gesandten wandten sich nach Empfang dieser seltsamen Mitteilung
an die Regierung und den König von Griechenland, die lediglich ihr Bedauern aussprechen konnten.
Andererseits hat der griechische Gesandte in Konstantinopel in einer amtlichen Mitteilung an uns
erklärt, daß Griechenland sich in einer ungewöhnlichen Lage befinde, die es verhindere, eine ebenso
einfache wie in völkerrechtlicher Hinsicht wichtige Pflicht zu erfüllen, daß aber Griechenland, daS
nach wie vor freundschaftliche Beziehungen zur Türkei unterhalte, hoffe, die Türkei werde diese un
gewöhnliche Lage Griechenlands in freundschaftlicher Weise würdigen. Wir haben denn auch
natürlich die Gründe der höheren Gewalt, der Griechenland preisgegeben ist, anerkannt und ein
stimmig beschlossen, die griechischen Gesandten, die bei unserer und den verbündeten Regierungen
beglaubigt sind, nicht auszuweisen. Wir begnügten uns damit, gegen dieses Vorgehen, das sich
den übrigen von der Entente begangenen Gewalttätigkeiten anreiht, Einspruch zu erheben. DaS
Beispiel Griechenlands ist bezeichnend und beweist, daß die Entente sich keine Skrupel macht, daS
Völkerrecht und daS Recht der Neutralen ihren eigenen Jntereffen hinzuopfern.
Wenn die Entente in dieser Weise gegen Griechenland handelt, das sie einst so verhätschelt hat,
und deffen König mit den Herrschern Rußlands und Englands verwandt ist, so können wir uns
vorstellen, was die Entente im Falle unserer Neutralität gegen uns unternommen hätte, um so
mehr, als unsere Lage wegen der Meerengen, die die sichersten Verbindungswege für unsere Feinde
bilden würden, mit der Griechenlands enge zusammenhing. Andererseits muß man sich die politische
Lage unserer Länder vor dem allgemeinen Kriege vorstellen. Infolge der Niederlage im Balkan
kriege herrschte in Europa die Idee vor, daß die Türkei ihre politische Stellung nur dank ihrer
Armee gerettet hätte, die jedoch im Laufe eines dreißigjährigen Despotismus den moralischen Halt
verloren habe, so daß sie nicht mehr als ernst zu nehmende Kraft anzusehen sei, und daß man
deshalb daran denken müsse, die schönen Gebiete der Türkei zu verteilen. Man besprach sich bereits
zu diesem Zwecke, und die Unterhandlungen hatten schon begonnen. Mahmut Schefket Pascha und
seine Amtsgenossen waren der Ansicht, daß die Niederlage eine zufällige gewesen sei, daß die
Armee nichts von ihrer Kraft und ihrem Heldenmute verloren habe, und daß man trotz der
traurigen Ereigniffe das Land retten und ihm seine frühere Größe wiedergeben könne. Von dieser
Ueberzeugung geleitet, nahmen Mahmut Schefket Pascha und seine Kollegen an den Verhandlungen
teil; sie sandten Missionen nach Europa, um wirtschaftliche Erleichterungen zu erlangen und das
Gleichgewicht des Staatshaushalts herzustellen. Bekanntlich haben diese Verhandlungen zwischen
den europäischen Mächten, an denen die Regierung teilnahm, tatsächlich auf die Schaffung von
Einflußzonen abgezielt, die jeder Staat für den Fall der Teilung der Türkei beanspruchte. Die
Pläne, die diese Staaten zu diesem Zwecke ausgearbeitet hatten, waren geeignet, eine allgemeine
Katastrophe für Europa heraufzubeschwören. Das war die Lage zu Beginn des Krieges, die auch
die innere Lage beeinflußte. Einige Persönlichkeiten, die gewissen osmanischen Nationalitäten an
gehören und sich als Vertreter ihrer Stammesgenoffen ausgaben, reisten in Europa umher, um
eine Einmischung herbeizuführen und die Sympathien, die uns von einzelnen Mächten entgegen
gebracht wurden, abzuschwächen. Während sich diese Vorkommnifle abspielten, stand die Türkei
angesichts des allgemeinen Krieges. Ich persönlich war überzeugt, erstens daß die Türkei sich mit
aller Kraft denjenigen anschließen müffe, die den Krieg gegen Rußland, unseren überlieferungs
mäßigen, geschichtlichen Feind, unternommen haben, und daß sie um jeden Preis die Herrschaft
Rußlands über Europa verhindern müffe, die im Falle eines russischen Sieges gewiß wäre. Heute
ist unser Land im Verein mit den Mittelmächten imstande, die Vorherrschaft der Moskowiter und