226 Di e Ereignisse an der Ostfront im fünften Kriegshalbjahr
25. August 1916.
Der Heilige Synod beschäftigt sich mit der Einführung der orthodoxen Kirche in den eroberten
Gebieten GalizienS und der Bukowina. Er ordnete an, daß in allen Kirchen während der Liturgie
ein Gebet für die rufstschen Waffen, den Zaren und die russische Kaiserfamilie verlesen werde.
19. November.
Der militärische Generalgouverneur der militärisch besetzten Provinzen GalizienS brachte der
Bevölkerung zur Kenntnis, daß die Gemeinderäte Primarschulen gründen können, in denen in
allen Landessprachen, ausgenommen im Deutschen, unterrichtet werden darf.
28. November 1916.
Nach einer Meldung deS „Dziennik Narodowy" wurde General Suchomlinow, ein Anver
wandter des gewesenen Kriegsministers, zum Generalgouverneur des von den Rüsten besetzten Teiler
OstgalizienS ernannt, deffen Verwaltung von der der Bukowina getrennt wurde.
Wie die Russen in den besetzten Gebieten hausten
Dasselbe Elend, wie über die neuerlich überfluteten Gebiete Oesterreichs, brachten die
Horden des Russenheeres auch über die Landstriche Wolhyniens, also des eigenen
Reiches, die sie von der Fremdherrschaft „befreit" hatten. „Man hat dafür," wie der „Köl
nischen Zeitung" (27. VH. 16) aus Wien geschrieben wurde, „einen gewiß völlig einwandfreien
Zeugen indem Oberkommandierenden General Brussilo w selbst, der diese Besreiertaten seiner
Mannen in einem Bericht an das russische Ministerium des Innern geschildert und um schleu
nigste Beseitigung der dadurch entstandenen Not ersucht hat, da er selbst dazu nicht imstande
sei. Diese „Befreier" verwüsteten die mit österreichischer Hilfe wieder aufgebauten Dörfer,
die die russischen Brandkommandanten beim großen Rückzug der geschlagenen Nikolaischen
Armee eingeäschert hatten, abermals, zerstampften und verbrannten die unter österreichischer
Anleitung gut bestellten Fluren, vergewaltigten die Frauen und Töchter der eigenen slawischen
Brüder, raubten das Vieh und die Einrichtungsgegenstände und verschleppten die übrig
gebliebenen Ernährer als „Gefangene", die dann dazu dienen mußten, die Gefangenen-
zahlen der ruhmsüchtigen Unterführer auszufällen, zu Zehntausenden ins Hinterland."
In der Bukowina und in den okkupierten Teilen Galiziens fühlten sich die
Russen völlig als Herren. „Czernowitz trug," nach einem Bericht der „Frankfurter
Zeitung" (23. VII. 16) „ein ruhiges Gepräge. Die meisten Geschäfte blieben trotz
der Aufforderung zur Oeffnung weiter geschlossen. Nachrichten von gewaltsamer Oeff-
nung der Läden und Einsetzung russischer Zwangsverwalter sind unzutreffend. Nur
einige Lebensmittelläden, Schankwirtschaften und Goldwarengeschäfte wurden beim Ein
züge der Tscherkessen geplündert. Der Armenier Notar Mikoli wurde von den Russen
als Bürgermeister eingesetzt. Der Sicherheitsdienst in der Landeshauptstadt wurde von
einer in der Polizeikaserne untergebrachten russischen Gendarmerie durchgeführt. Die
politischen Verfolgungen begannen. Der Wert der österreichischen Krone wurde wegen
angeblichen besseren Standes der russischen Valuta auf 30 Kopeken behördlich festgesetzt.
Lebensmittel wurden nicht, wie früher, aus Rußland eingeführt; die Bevölkerung zehrte
von den zurückgebliebenen Vorräten. In der Stadt herrschte fast Totenstille, der Ver
kehr stockte gänzlich, nur morgens herrschte ein lebhafteres Treiben aus dem Ringplatze,
wo die Vorstadtweiber Obst und Gemüse wegen des Konsumentenmangels zu den billigsten
Preisen losschlugen. Ueber den Pruth hatten die Russen zwei Pontonbrücken geschlagen,
die Eisenbahnbrücke war noch nicht hergestellt.
In den Landstädten der Bukowina herrschte gleichfalls verhältnismäßig Ruhe, aber Sereth
sowie Storozynetz wurden geplündert und Ofsizierspatrouillen suchten selbst die entlegensten
Weiler systematisch nach Vieh und Geflügel ab. In den Huzulengebieten der West
bukowina verübten russische Soldaten empörende Schandtaten." Auch die Vernichtung der
Felder, die systematisch betrieben wurde, beleuchtete scharf die Barbarei der russischen
Wiedereroberer.