292 Italien und der Vatikan während des fünften Kriegshalbjahres
bedenklich an Vieh zu mangeln, der einst so lohnende Absatz nach Deutschland und
Oesterreich fiel aus, das Gespenst des Hungers zeigte sich am Horizont. Ein Zustand,
der auch für Sizilien galt. Zu alledem kamen für ganz Italien der hinreichend bekannte
furchtbare Kohlenmangel mit seinen schweren finanziellen Folgen und die beginnende
Getreidenot. Noch bis März 1917, hieß es, reichen die Vorräte aus. Dann werde
Italien aus die Zufuhr aus Amerika angewiesen sein, das selbst knapp daran war.
Die Regierung, die das alles wußte, die auch fürchtete, daß das Volk sich besinnen
könnte, bediente sich nach wie vor der Mittelchen, die sonst nur despotischen Regierungen
eigen find. Auf der einen Seite wurde das Volk durch Verschweigen der Wahrheit, durch
Hymnen aus die Heldentaten des eigenen Heeres, durch die ewige Litanei vom nahen,
gänzlichen Untergange der Zentralmächte in einer Dauerpsychose erhalten. Auf der
anderen Seite wurde jede freie Meinungsäußerung oder Kritik aufs schärfste verfolgt.
Der doppelte Terror von Polizei und Piazza (Kriegspöbel) schüchterte tatsächlich jeden
Bürger ein, und doch lag es greifbar in der Luft, daß trotz aller Preßbetörung das
italienische Volk längst erkannt hat, wie es nur ein Opfer ist, ein Opfer der Entente,
insonderheit Englands. Gewiß, man haßte Oesterreich, aus Tradition; man haßte jetzt
aber auch England. Die Reue über eine falsche Politik erklärt die sich fieberhaft folgen
den Versuche vieler Politiker (zuletzt noch Nittis), den Abfall von Deutschland als ele
mentare und unwiderstehliche Notwendigkeit der historischen Entwicklung darzustellen.
Die noch ganz unter dem Einflüsse und Druck der Verbündeten flehende Regierung frei
lich wollte von solchen Rechtfertigungsversuchen nichts wissen, sondern klammerte sich nach
wie vor an den Strohhalm von Hoffnungen, an deren Erfüllung sie im Ernste selbst
nicht glaubte. Dabei hetzte sie ihre Presse vom „Carriere" bis zu den Piazzakläffern
immer wieder und wieder gegen die alten Verbündeten, und selbst das oben erwähnte
„führende Organ" entblödete sich nicht, von Deutschland als der „Bestie" zu sprechen!
Nur die künstliche Aufstachelung der Kriegsleidenschasten, des unsinnigen Hasses, kann
ja die große Rechenschaftsablegung hinausschieben, welche die Regierung erwartet, wenn
sie dereinst ohne Triest, Trient, Dalmatien und Kleinasien (!) heimkehren wird.
Aber der Krieg, die „bolla guerra“, will ihre Nahrung. Zuerst hatte man dem Volke
vorgespiegelt, die Zollerträge von Triest würden gewissermaßen genügen, die bescheidenen
Eroberungsauslagen zu decken. Ein so kurzer, spielend leichter Krieg, der eher ein mili
tärisches Sportfest, ein lorbeerbekränzter Ausflug über die Grenze sein würde, konnte
doch unmöglich die Staatsfinanzen stärker in Anspruch nehmen. Und außerdem stand ja
die finanzielle Hilfe Englands zur Verfügung. Aber wie es im menschlichen Leben so
häufig geht, man hatte sich auch diesmal verrechnet, und jetzt hieß es: in den Beutel
greifen und wieder greifen, wenn man „mit Ehren" bestehen wollte. Hierzu stellte der in
all dem Tohuwabohu vernünftig gebliebene „Popolo Romano", der bei Kriegsbeginn so
loyal war, die künftigen Geschlechter Italiens als Opfer dieses Wahnsinns zu bedauern,
eine sehr lehrreiche Betrachtung an. „Vor dem Kriege (schrieb der „Popolo")
hatte Italien ein Budget von 2% Milliarden, wovon Vs Milliarde allein für die Jnter-
effen der konsolidierten Staatsschuld abging. Falls der Krieg noch bis Herbst 1917
dauert, gesellen sich den bisherigen Staatsschulden noch weitere 25 Milliarden zu, und
die öffentliche Schuld (ohne die der Provinzen, Gemeinden usw.) steigt von 15 auf etwa
40 Milliarden, wofür statt wie bisher Vs Milliarde in Zukunft IV4 Milliarde Zinsen
zu bezahlen sind! Hierzu kommen mindestens 250 weitere Millionen für Pensionen, für
Kriegsschäden usw. und endlich neue Aufwendungen für Heer und Flotte. Italien hat
dann Jahresausgaben in der Höhe von 4Vs Milliarden, also 2 Milliarden mehr als
bisher, wovon aber nur Vs Milliarde durch neue Steuern gedeckt ist. Es werden folglich
noch IVs Milliarden auszubringen sein, was durch neue Steuern undenkbar ist."