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Auch von solchen wird berichtet, welche in den umfang—
reichen dichten und düsteren Waldungen, oder den tiefen fast
senkrecht hinabdehnenden Schluchten und Gräben, die den Berg
vielfach durchschneiden — elendiglich umkamen. Bei den Versuchen
sich aus dem Labyrinthe dieses Waldes, oder den furchtbaren
Klüften hinauszuwinden, sanken die Kräfte; nahrungslos, ermat—
tet und moralisch alles Muthes bar, verschwanden diese Unglück—
lichen entweder gänzlich, oder man fand im dichten Laubholze,
oder sah aus tiefen Abgründen heraufblickend ihre weißgebleichten
Gebeine.
Eine der gefährlichsten Tiefen ist der Zausengraben —
diese Benennung noch jetzt von einem Manne Namens Zaus
herleitend, welcher hier seinen Tod fand. So wie der Name
eines großen hochverdienten Menschen, auch ohne ein zurückge—
lassen sichtbares Zeichen fortlebt in der Geschichte und dankender
Erinnerung der Nachwelt — so hat das grausige Unglück und
Ende dieses einfach schlichten Mannes ihn hierorts verewiget.
Wir hatten mit Mehreren gesprochen, welche sich hier ver—
irrten, und alle sagen gleichlautend, daß auf diesen Punkt ge—
rathend sie eine unendliche Angst befiel — in Folge dessen den
Weg verlierend, stundenlang und zwar fruchtlos herumgewandert
werde. Das einzige Mittel aus solcher Wirrniß zu gelangen, war,
sich irgendwo zu setzen, und eine Stunde oder auch länger, ruhig
in solcher Lage zu verweilen, wo nach und nach Besinnung und
Muth wiederkehrte. J
Ein sehr armes Weib aus der Reindlmühle, welche wir
auf unseren Gebirgszügen in einem kleinen Häuschen im Aur ach⸗
thale trafen, wo es dem kargen Erwerb des Nähens und Strickens
nachging, erzählte uns allen Ernstes Folgendes, was wörtlich
mittheilend darthun soll, welche Visionen, Angst und maßlose
Furcht hervorrufen könne, besonders wie hier — gestützt auf be—
kannt stattgefundene Unglücksfälle.
„Ich war auf acht Tage des Naͤhens wegen nach Weieregg
verdungen — berichtete sie. Ueber den Richtberg gehend gelangte
ich zum Taferl. — Es befiel mich eine entsetzliche Angst, denn