Full text: Oberösterreichischer Preßvereins-Kalender auf das Jahr 1902 (1902)

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gleiten ließ; o ja, wenn sie jetzt nur schnell 
die Cassette mit dem Briefpapier entdecken 
könnte, sie würde sofort an Lene, ihre 
Dienerin, schreiben, dass sie augenblicklich 
ihre Siebensachen packte, hieher käme und 
mit geübter Hand als guter Hausgeist der 
ganzen Verwirrung flugs ein Ende machte. 
O, dieses ewige Ordnen und Schlichten, 
dieses Bettrichten und Frühstückkochen und 
die Besorgung all der tausenderlei Dinge, 
auf die man erst kommt, wenn sie schon 
gemacht sein sollten, war wirklich ein auf 
regend Hasten; ganz nervös und zappelig 
wurde man, und von einer Erholung war 
keine Rede dabei, die ganze Cur also auf 
diese Weise umsonst. 
Während die erregte Schreibedame dies 
alles mit steigendem Aerger bedachte, er 
tönte an der Thüre ein bescheidenes Klopfen, 
und im nächsten Momente schob sich ein 
hageres, unansehnliches Persönchen in das 
Zimmer herein. Etwa zehn bis zwölf Jahre 
zählte das blondlockige Ding, vielleicht war 
es auch älter; Noth und Entbehrung 
mochten ein kräftiges Wachsthum verhindert 
haben. 
Zu den lichten Haaren boten die dunklen, 
brennenden Augen einen eigenthümlich an 
ziehenden Gegensatz, überhaupt zeigte das 
blasse Gesichtlein feine,,fesselnde Züge, und 
es sprach ein tiefes Empfinden aus ihnen. 
Das kleine Mädchen war von der Haus 
frau mit einem Auftrage heraufgesandt 
worden, der das Nachtmahl betraf, und als 
es von dem Fräulein die Antwort erhalten 
hatte, wollte es sich nach freundlichem 
Gruße entfernen, doch Regine rief es noch 
einmal an. 
„Du Mädchen, sage mir doch, wer 
bist du denn eigentlich? Ich sah dich noch 
nie." 
„Ich bin dem Grubhofer sein Katherl, 
und wohne unten im Hause," sagte das 
Kind. 
„So, so!" meinte Regine und sah ganz 
gleichgiltig aus, aber plötzlich kam ihr ein 
Einfall, der ihre Züge belebte. 
„Du, Katherl," sagte sie rasch, „bringe 
mir doch von der Küche eine tiefe Schüssel, 
mit warmem Wasser herauf. Ich lasse Frau 
Haider darum bitten." 
In wenigen Minuten war Katherl mit 
dem Verlangten wieder im Zimmer bei 
Regine, und als sie sah, wie diese zögernd 
die Aermel nach oben streifte, fragte sie 
mit verständigem Nicken: 
„Gelt ja, Sie wollen Ihr Kochgeschirr 
waschen? Darf ich es thun? Ich bin im 
Augenblick fertig damit. Sie beschmutzen sich 
nur, und so ein feines Schürzchen haben 
Sie vor." 
Regine sah staunend, wie die flinken, 
kleinen Hände das ganze „Reinmachen", 
das ihr so schrecklich erschien, im Fluge 
besorgten und dann auf ihr Geheiß auch 
noch den Waschtisch sehr sauber in Ordnung 
brachten. 
Das Fräulein spann seinen plötzlichen 
Einfall jetzt weiter aus. Ja, wenn sich hier 
im Hause eine brauchbare Beihilfe fände, 
etwa dieses anstellige Mädchen hier, dann 
mochte immerhin die Lene in der Großstadt 
bleiben. Diese würde sich ohnehin hier vor 
Langeweile verzehren, ihre Herrin kannte 
sie ja, dem guten Zöschen fehlte ganz und 
gar jedes Verständnis für ländliche Freuden. 
Diesen Plan wollte Regine noch heute 
abends mit der Hausfrau besprechen, wenn 
sie unten im Küchenzimmer ihr Nachtmahl 
verzehrte. 
Frau Heider hatte gleich anfangs er 
klärt, dass sie außer der Lieferung des 
Mittag- und Abendessens keine weitere 
Bedienung übernehmen könne. Sie hatte 
einen kleinen Kramladen inne, der sie voll 
auf beschäftigte, und es lebte nur noch eine 
ältere Schwester bei ihr, welche freilich 
ganz gut das Kochen besorgte, aber wegen 
gichtischer Füße sich auf ein öfteres Stiegen 
laufen nicht einlassen konnte. 
Dies alles wiederholte Frau Heider 
auch jetzt, als Regine wirklich bei Rührei 
und Milch von ihrem Fahnden nach einer 
Bedienung im Hause erzählte. Als sie aber 
dann des jungen Mädchens erwähnte, das 
ihr vorhin das warme Wasser gebracht 
und mit solcher Gewandtheit das Zimmer 
aufgeräumt hatte, sagte die Hausfrau nach 
kurzem Besinnen: 
„Ja gewiss, gnädiges Fräulein, für die 
Kleine wäre es gut, wohl tausendmal besser 
wie ein erklecklicher Lottogewinnst, wenn
	        

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