Full text: Oberösterreichischer Preßvereins-Kalender auf das Jahr 1902 (1902)

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lich geschnitten waren und dass dies erst 
gestern in aller Eile geschehen sein musste. 
Da der Wastl dies bemerkte, sprach er 
in thränenvoller Nervosität: „Ich bitt Euch, 
schickts hinab nach Milihausen zur Nandl 
und lasst fragen, ob der Wastlbaur daheim 
ist oder nicht. Ist er nicht daheim, dann bin 
ich wirklich der Wastlbaur, ist er aber da 
heim — mein Gott, wird doch dies nicht 
geben - , dann bin ich wirklich der Pater 
,Grüß ihn Gott' oder wie Ihr mich sonst 
nennt." 
Der Guardian, dem die Sache in der 
Wirklichkeit zu dämmern schien, 'gieng zur 
Thür hinaus mit noch einigen Patres, welche 
mittlerweile auch gekommen, und hielt eine 
ernste Berathung. Der Guardian meinte, 
es könnte am Ende doch irgend etwas Sonder 
bares an der Sache sein. — Die anderen 
schüttelten unschlüssig den Kopf, nur der 
Mediciubruder blieb steif dabei, dass Pater 
Chrysigon nur infolge seines hohen Alters 
(der Knackwastl hatte nämlich wegen seiner 
ausschweifenden Lebensweise bereits graue 
Haare) und seiner Reiseanstrengung irrsinnig 
sei. Endlich öffnete der Guardian wieder die 
Zellenthür und sagte in beruhigendem Tone 
zum Pater: 
„Pater Chrysigon" — wurde aber sofort 
von diesem unterbrochen mit den Worten: 
„Aber ich bin ja nicht der Pater ,Grüß dich 
Gott' oder wie das Gewalsche heißt, ich bin 
ja der Knackwastl." — „Nun also, mein 
lieber Knackwastl, wir werden auf deinen 
Vorschlag eingehen:- Wir schicken jetzt zum 
Bürgermeister von Milihausen und zur Knack 
wastlin und lassen fragen, ob der Knackwastl 
zu Hause ist oder nicht und überhaupt, was 
es ist mit dem Knackwastl. Und wenn du 
wirklich der Knackwastl bist, dann muss die 
Knackwastlin kommen mit dem Bürgermeister 
und muss dich anschaun und angreifen; dann 
wird sich die Sache schon klären. Also ein 
verstanden, mein Lieber?" 
„Gelts Gott, gelts Gott, Pater," lautete 
die herzliche Antwort. „Wenn die Knack 
wastlin sagt, dass ich wirklich ihr Mann 
bin, dann kriegts Ihr Patern zehn Maß 
Kranawittern und einen Fünfeimer Apfelmost 
und das Kalbl, was draußt im Stall steht, 
das mit der Blassn nämlich, gehört auch 
Euch. O, wenn ich nur mei Nandl wieder 
seh." 
Es wurde sofort ein Hausdiener nach 
Milihausen abgesandt, welcher bald mit dem 
Bürgermeister, dem schlauen Nazlbauern, 
und der Knackwastlin wieder kam. 
Das erste Wort, was die Nandl beim 
Betreten des Klosters herauspolterte, war: 
„Wo ist denn mein Mann?" 
Der Guardian hieß sie aber noch schweigen 
und sie heimlich durch das kleine Thürguckerl 
in die Zelle schauen, wo der Wastl soeben 
eine Schüssel Brennsuppe ass. 
„Na, Hochwürden," sagte sie traurig 
überrascht, „das ist nicht mein Mann," aber 
fast gleichzeitig wurde auf diese Worte hin 
die Thür aufgerissen und beide lagen sich 
in den Armen. O mein liebes Nandl, o 
mein lieber Wastl, so seufzten sie unauf 
hörlich : Der Knackwastl und die Knackwastlin. 
Fast eine Viertelstunde dauerte es, bis 
beide sich von dieser Freude erholt hatten. 
Und der Schluss war, dass der Knackwastl 
dem Guardian große Versprechungen machte, 
wenn er von der ganzen Sache nichts sage. 
Dann zog er seine Kutte aus und zog 
Bauernkleider an, die er sich von einem 
Hausdiener ausgeliehen hatte. Dieser musste 
aber auch gleich heimlich nach Milihausen, 
'um dort die Geschenke in Empfang zu nehmen: 
Zehn Maß Kranawittern, einen Fünfeimer 
dreijährigen Apfelmost und ein fettes Kälb- 
lein mit der weißen Blaßn auf der Stirn. 
Am Sonntag drauf faß beim Knackwastl 
eine große Gesellschaft beim Tisch. Vor sich 
eine Schüssel voll saftigem unterspicktem 
Geselchten, daneben drei Maß Kranawittern 
und ganz mitten eine große Pfanne Schmalz 
koch. Ringsherum aber: Der Jagerhiasl, 
der Nazlbaur, der Simerl Karl und der 
Seppn Hansl und noch ein paar gewichste 
Milihausner Männer. Denn heute wurde 
ein großes Fest gefeiert: Der Knackwastl 
schwor bei dem feisten Goder seines Nandl, 
dass er nimmer, nimmer einen Rausch sich 
trinken werde und dass er gegen den Sammel 
pater nicht bloß nimmer böse sein, sondern 
ihm sogar jedes Jahr ein ansehnliches Ge 
schenk geben werde. 
Und dieses hat der Knackwastl auch ge 
halten.
	        

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