Full text: Oberösterreichischer Preßvereins-Kalender auf das Jahr 1902 (1902)

gedient hatten und die Kirche sich wieder 
leerte, schlief Pater Chrysigon noch fest auf 
demselben Platze. Erst als die Sonne vom 
Mittagshimmel beißend durch die ärmlichen 
Zellenfenster blinzelte, rührte sich der ver 
meintliche Pater. Einige gewaltige Schluss 
schnarcher noch, dann fuhr die grobe Hand 
an das Kopfende des Strohsackes. Da be 
gegneten den fetten Fingern aber nur Bretter 
vom Boden der Zelle. Jetzt schien die räthsel- 
hafte Gestalt wirklich zu erwachen. Nachdem 
die Hände und Füße sich einigemale hin- 
und herbewegt und offenbar eine ganz un 
gewohnte Situation wahrgenommen hatten, 
begannen auch die Augen als das dritte 
Paar im Bunde sich der merkwürdigen 
Orientierungs-Expedition anzuschließen. Aber 
das Resultat scheint kein günstiges gewesen 
zu sein. Denn wie auf einen höheren Befehl 
stellten alle sechs plötzlich die Thätigkeit ein 
und nach einigen Minuten angstvollen 
Schweigens gellte plötzlich durch die halb 
geöffnete Zellenthür der Ruf: „Nandl, Weib, 
he, Alte, kimm, greis mich an, ich muss 
krank sein; ich kenne mich nicht aus; ich 
sehe nimmer gescheit." „Hel Nandl! Nandl! 
— Weib — Nandl," erklang es immer kläg 
licher und stärker, fast im Tone eines Er 
trinkenden. 
Athemlos stürzte der Medicinbruder her 
bei mit der Schnapsflasche und trat auf den 
Pater zu, indem er liebreich sagte: „Grüß 
Sie Gott und der heilige Franciscus, lieber 
Pater Chrysigon, Sie haben sich offenbar 
recht angestrengt und sind etwas fiebrig 
aufgeregt. Trinken Sie doch hier einmal von 
diesem Geist. Er ist echt, ist von Milihausen, 
dann wirds gewiss besser. Und schlafen Sie sich 
noch etwas aus, Sie bedürfen noch der Ruhe." 
„Nun, so gieb her die Schnapsflasche," 
sprach's und riss dem Bruder das Gefäß 
aus der Hand, dass beinahe der Hals ge 
brochen wäre, dann ein urkräftiger Schluck, 
der das Niveau bedeutend zum Sinken brachte, 
aber statt die Flasche wieder zurückzugeben, 
behielt er sie in der Hand und begann, mit 
der anderen seinen schweren Kopf gestützt, 
in sich selbst hinein zu murmeln: „Jetzt 
möchte ich nur wissen, was denn das alles 
eigentlich ist? Träumt mir wirklich oder ist's 
wahr, . . . oder bin ich am Ende gar ver 
zaubert? ... He, Nandl, Nandl, weck mich 
auf, ich hab einen schweren Traum, der 
Fechtpater von gestern hat mich beim Kragn. 
Nandl, hörst denn nicht, aufwecken thu mich." 
„Aber Pater", fuhr jetzt der Küchenbruder 
dazwischen und zwar schon mit etwas be 
sorgter Stimme, ich bitte Sie, legen Sie 
sich doch noch etwas nieder, ich werde Ihnen 
eine Medicin kochen, Sie sind ja wirklich 
etwas krank. Geben Sie die Flasche her, 
dieser Wachholder macht Sie noch ver 
wirrter, ich mache Ihnen eine gute Medicin 
und dann thun Sie etwas essen." 
„Was," schalt jetzt der „Pater" entgegen, 
„jetzt kenn ich, dass ich verzaubert bin. Ha, 
der Schnaps da gehört mein, den hab ich 
mir selber brennt, ich, der Wastlbaur, he, 
hab auch Vogelbeeren drunter gethan, das 
gibt ihm erst das Geschmacherl. Und übrigens, 
jetzt möcht ich auch einmal was wissen. Was 
ist's denn eigentlich mit mir. Wo ist denn 
's Nandl, mein Weib? Wanns nit bald 
kommt, werd ich närrisch auch noch, verhext 
bin ich ohnehin schon." 
„Aber Pater," rief jetzt Bruder Sighart 
entschieden: „Sagen Sie, sind Sie wirklich 
krank oder scherzen Sie vielleicht?" 
„Für's erste," entgegnete jetzt stürmisch 
der Wastlbaur, „bin ich kein Pater, ich bin 
der Wastlbaur von Milihausen, merken Sie 
sich's, der Wastlbaur bin ich; Ihr könnt 
mich verzaubert haben oder nicht, und," fuhr 
er fort, indem er sich seiner ganzen Länge 
nach auf dem Strohsack aufrichtete und dem 
kleinen Fenster zutrat, „jetzt möcht ich sehen, 
was es gibt, entweder thut ihr die Zauberei 
sofort von mir weg, oder ich zerschlag Euch 
das ganze Gelumpt und zuletzt Euch auch 
noch. Also, jetzt 's Weib her oder es geht 
an," sprach's und schlug mit beiden Fäusten 
auf den morschen Tisch, dass es im ganzen 
Tract ertönte. Der Krankenbruder war aber 
bei den letzten Worten zur Thür hinaus 
geeilt jundHatte diese von außen versperrt. 
Unterdessen hatte es wirklich schonScherben 
gegeben in der Zelle: die Schnapsflasche war 
das erste Opfer und zwar war sie dem Bruder 
vermeint, traf aber nur zum eigenen Ver 
derben die grobe Thür. Dann wurde das 
Fenster j eingeschlagen und gut, dass sonst 
nichts Gebrechliches in der Zelle war.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.