Sie wird nicht die empfindsame Rolle der Verkannten spielen.
Mit Genugtuung hat sie davon Kenntnis genommen, daß be-
sonders in der Regierung, aber auch in den Parteien, in den
meisten wenigstens, der entschlossene Wille vorhanden ist, altes
Anrecht rasch gutzumachen. Sie hat an dem Vorwurf der Reichs-
feindschaft und der Vaterlandslosigkeit nie so schwer gelitten, daß
sie über ihre Gleichstellung außer Fassung geraten wird.
In einem Gespräch, das ich mit einem der bedeutendsten
Vertreter der deutschen Wissenschaft hatte, meinte der alte Lerr,
die Sozialdemokratie werde natürlich sofort nach dem Krieg mit
einer großen Quittung für ihre.Haltung in den Saal der Friedens¬
verhandlungen stürzen. Das wird sie nun bestimmt nicht tun!
So viel ist sicher: Wegen des gleichen Wahlrechts in Preußen
hat die Sozialdemokratie keine Kriegskredite bewilligt. Das ist
eine allererste Selbstverständlichkeit, daß die Regierung nach dem
Kriege einsieht, daß die Nation nicht gerettet wird durch die nach
dem Vermögen registrierte verschiedene Intelligenz der Wähler
der 1., 2. und 3. Klaffe, sondern durch die Zahl starker Lände,
die das Schwert führen können. Überhaupt hat die Partei nicht
aus irgendwelchen taktischen Gründen, sondern weil sie die
deutsche Sozialdemokratie ist und es immer war, den Krieg mit
geführt. Es war für sie kein politischer Geschäfts-, sondern
ein Nationalkrieg. Die Interessen der Arbeiterschaft fielen vom
4. August an mit denen des Volkes zusammen. Ihre Lage ist
außerordentlich einfach. Sie wird nach Friedensschluß nur ver¬
langen, daß aus dem Krieg alle natürlichen Konse¬
quenzen gezogen werden, nämlich daß alle Politik von dem
Gesichtspunkt aus geleitet wird, ob sie in letzter Linie der großen
Masse des Volkes zugute kommt. Nach der Erfahrung des
Sommers 1914 gilt es, auf Jahrzehnte gerüstet zu sein. Wir
wissen nicht, ob der führende Mongolenstaat Japan nicht schon
in zwanzig Jahren oder früher mit den asiatischen Lorden Deutsch¬
land überschwemmt. Auf die pazifistische Wirksamkeit des japani¬
schen Sozialismus können auch starke Optimisten kein besonderes
Vertrauen haben. Wehrkraft ist jetzt die Losung! Dazu braucht
es Millionen gesunder Kinder des Volks. In dunkeln Woh¬
nungen und in den Winkeln der Mietskaserne blühen aber keine
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