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das eine merkwürdige Vorstellung von der moralischen Kraft
der österreichischen Regierung. IJ
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Ueber den Volkscharakter der Wiener ist viel geschrieben
vorden. Es ist nicht gut, als Fremder ein Urteil abzugeben.
Der Fremde kommt so sehr nur mit dem Teile einer Be⸗
bölkerung in Verbindung, der von ihm Vorteile zu ziehen
hofft, daß es ihm leicht ges chehen kann wie den italienischen
RKeisenden, die Italiens Bewohner nur nach den Gastwirten
und Postillionen beurteilen.Eine traditionelle Phrase ist die
Butmütigkeit der Wiener. Ich glaube, die Wiener von heute
belächeln selbst diese Tradition. Sie wissen sehr gut, daß sie
nücht mehr die alten Wiener sind, die wir in Vaudevilles und
Wiener Possen auf der Bühne gesehen haben, die guten alten
Schildbürger, die uns Bäuerle in seinen jungen Tagen ge⸗
childert hat. Steht ein Humorist wie Castelli nicht jetzt einsam
in Wien? Die Zeiten haben sich verändert und mit ihnen die
Menschen.
Ich glaube, dem im Herzensgrunde guten und braven
Wiener hat das Bewußtsein der Großstädtigkeit geschadet. Der
Stolz, daß es nur ein Wien gäbe, ist ihm etwas zu Kopf
gestiegen. Der Berliner ist nicht heimisch in seiner Vaterstadt,
er fühlt sich unsicher in dem Glauben an seine heimischen Vor⸗
trefflichkeiten, das Fremde imponiert ihm. Der Wiener
dagegen glaubt alles in höchster Vollkommenheit zu besitzen,
und dadurch wird er 3. B. auf Reisen nörgelnd, mäkelnd, er
hergleicht alles mit seiner heimischen Art und bekommt davon
auch für zu Hause einen Schein von Prüderie und Selbstgefühl,
der nicht eben wohltuend ist. Vollends hat sich die jüngere
Generation unter anderen Bedingungen entwickelt als die alte.
Die Ansprüche an die Existenz haben sich gesteigert, die Ver—⸗
gnügungen sind raffinierter geworden, die Verlegenheit, allen
Ausschweifungen des Luxus und der Mode nachzukommen,
oerbittert den Humor und macht die Stimmung nach einer
ausgelassenen Lustigkeit am Morgen darauf verdrießlich. Die
Wiener empfinden selbst, daß eine Veränderung mit ihnen vor—
gegangen ist, und die ältere Generation ist darüber betrübt.
Wieviel schöne, wohltuende Beispiele der alten Art habe ich
noch angetroffen! Herzige, liebe Menschen voll Teilnahme und
Güte. Aber sie sind goldene Ausnahmen von der allgemeinen
Regel