186 Die Ereignisse an der Westfront von Mitte Januar bis Mai 1915
schaffen. Auch könnte er seine militärische Aktion aus den Norden Frankreichs konzen
trieren und daraus ausgehen, mit seiner bewährten Methode eine feindliche Küste der
englischen gegenüber einzurichten. Hat unter solchen Umständen England noch immer die
Möglichkeit, sich die französische Souveränität an dieser Küste Frankreichs mit allen
möglichen Folgen gefallen zu lassen? Oder ist diese französische Souveränität nicht
schon jetzt mit einer politischen Hypothek belastet, die in dem alles überwiegenden Inter
esse um die Sicherheit Englands besteht? Hängt die Festsetzung Englands in Calais
von einer Erlaubnis Frankreichs ab, die dieses je nach seinen Interessen widerrufen
könnte, gerade so, wie es in der richtigen Einschätzung seiner Interessen dieselbe
erteilt hat?
Mein lieber Freund! Calais ist auf längere Zeit englisch, als man in Paris und
Petersburg glauben will, und unsere Freunde, die Engländer, werden, auch wenn sie
es wirklich aufrichtig wollten, weder während des Krieges noch nachher es verlassen
können. Derselbe Wert, den der Besitz von Calais im Mittelalter für sie hatte, tritt
abermals hervor. Calais ist eine gegen England gerichtete Waffe. Die Engländer haben
ihre Hand darauf gelegt, sie werden und können es nicht mehr loslassen."
Episoden
Hinrichtung eines englischen Deserteurs
In der Newyorker „Tribune" schildert deren Londoner Korrespondent die Bestrafung
eines englischen Soldaten für Fahnenflucht vor dem Feinde: „Ich habe heute nacht im
Hospital einen Kaplan gesprochen, der bei einem vornehmen englischen Regiment im
Felde stand; dieses Regiment ist bei den Kämpfen in Nordfrankreich stark beteiligt ge
wesen und jetzt beinahe vollständig vernichtet. Der Kaplan selbst liegt im Hospital in
folge eines Nervenzusammenbruches, der ihn nach den aufregenden Erlebnissen an der
Front befallen hat. Als Beispiel der vielen traurigen Pflichten, die er im Felde zu er
füllen hatte, erzählte er mir folgende Geschichte: „Einmal mußte ich die letzte Nacht mit
einem englischen Soldaten verbringen, der am nächsten Morgen hingerichtet werden sollte,
und diese Nacht werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Der Soldat wurde
wegen Fahnenflucht hingerichtet. Er war kein schlechter Mensch, aber seine Nerven
waren ihm durchgegangen, und das ist das Schrecklichste an der ganzen Sache, daß nie
mand ihn deshalb tadeln konnte. Die Soldaten an der Front verstehen es besser als
die Aerzte, daß die Nerven dort plötzlich reißen können. Er war einer der Lieblinge
im Regiment, und doch lief er mitten rat feindlichen Feuer davon. Es war also
ein Fluchtversuch vor dem Feinde, und da blieb dem Kriegsgericht nur ein Urteil übrig.
Das Schlimmste aber war, er wollte gar nicht glauben, daß er hingerichtet werden sollte.
Eine Exekution unter solchen Umständen wird in der englischen Armee weniger als eine
Strafe denn als eine Mahnung für die anderen aufgefaßt, und daher sind alle freundlich
mit dem Soldaten, der sterben muß. Am Tage wurde das Kriegsgericht abgehalten, und
abends um 11 Uhr schickte man nach mir, um dem Verurteilten zu sagen, daß er
morgens um 7 Uhr sterben müsse. Der Soldat wollte es gar nicht glauben. Ich mußte
es ihm immer und immer wiederholen, daß keine Hoffnung mehr für ihn war, aber er
antwortete mir immer auss neue: „Die Soldaten sind ja alle meine Freunde, es ist
keiner im ganzen Regiment, der mich erschießen würde, denn sie alle haben ihre schwache
Stunde gehabt und werden mich schon verstehen; übrigens ist der Oberst mir ja gut
gesinnt, er ist immer wie ein Vater zu mir gewesen, und er würde niemals zugeben,
daß man mich hinrichtet, das ist ja alles Unsinn."
Es wurde 4 Uhr morgens, bis ich ihn wirklich überzeugt hatte, daß es mit der Hin
richtung ernst sei; aber selbst dann noch schien er zu glauben, daß es nur eine Art