176 Die Ereignisse an der Westfront von Mitte Januar bis Mai 1915
Gefangenschaft, Franzosen und Turkos und Senegalneger, „weiße und farbige Eng
länder", Australier, Kolumbier, Inder in buntem Gemisch. Umsonst. Sie kommen
nicht durch. Die deutsche Mauer um Ipern ist neu gefügt, und sie ist undurchdringlich."
Dixmuiden und Ipern sind säst vom Erdboden verschwunden, die Bevölkerung ist
geflohen, die Besatzung hier Engländer und Franzosen, dort Deutsche Hausen in Kellern
und Ruinen.
„In der Ruinengasse zu Dixmuiden, die zum Rathaus leitet, können Menschen über
dem Erdboden nicht mehr wohnen," schreibt Ludwig Ganghofer im „Hamburger Fremden
blatt". Der letzte Einwohner von Dixmuiden ist längst verschwunden. Unsere Reserven,
die hier ausharren müssen, hausen in den gewölbten Kellern. Um in dieser Finsternis
ein wenig Licht zu haben, holten die Soldaten aus den zerstörten Häusern die noch un-
zerbrochenen Spiegel, alle blanken Bleche und polierten Holzflächen heraus und befestigten
sie in schräger Stellung vor den Kellerlöchern, als Reflektoren der Himmelshelle.
Die Trümmergasse ist leer; nur manchmal sieht man einen Feldgrauen aus einem
Kellerloch herausschlüpfen und im anderen verschwinden.
Nun kommt, was im Oktober noch ein seines, prunkvolles gotisches Rathaus war.
Was es jetzt ist, weiß ich nicht zu sagen. So sinnlos steht es aus! In dem vom
Sparrenwerk des Daches noch übrig gebliebenen Gerippe steckt — wie ein Kinderpfeil
in der Binsenscheibe — ein schlankes, prächtiges Türmchen, mit dem Fuß nach oben,
mit der Spitze nach unten. Und nicht weit davon ist ein Rätsel der Mechanik zu sehen.
Eine große Granate, zentnerschwer, die einen Dachfirst zerschlug, ohne zu explodieren,
ist über den Rest des Daches heruntergekollert und quer auf einer faustdicken Latte im
Gleichgewicht liegen geblieben. Macht eine Detonation der Beschießung das zertrümmerte
Gemäuer zittern, so schaukelt die Granate eine Weile und schwebt wieder ruhig ur der
Lust. Das ist so unwahrscheinlich, daß man lange hinsehen muß, bevor man es glauben
kann. Ueber den Marktplatz geht ein verlassener Schützengraben, mit einem Wall von
Pflastersteinen; und eine Schuttstelle, die früher ein hübsches Haus gewesen, ist ver
wandelt in den gewaltigen Trichter einer deutschen Brummergranate.
Am verwichenen Abend hatte ich mir in Brügge eine Mappe mit Ansichten von Dix
muiden gekauft, wie es früher war. Und nun sitze ich an der linken Ecke des Markt
platzes aus einem Steinhaufen und vergleiche die Bilder von einst mit den Bildern von
jetzt. Sie gleichen einander wie Haus und Grab, wie Leben und Tod. Keine Spur
von Aehnlichkeit ist mehr vorhanden. Das Heftchen zeigt mir eine wundervolle gotische
Kirche. Wo ist sie? Das aberwitzige Ruinengewirre, das hinter den Trümmern des
Rathauses von ehemals hervorragt? Ist das die schöne Kirche gewesen? Eine schmer
zende Trauer umklammert mein Herz. Und während ich so sitze, stumm, und immer
dieses grauenvolle Bild des Untergangs betrachte, ist hoch aus den Lüften herunter das
knatternde Geräusch einer Flugmaschine zu hören. Sonst, wenn ich diesen Ton vernahm,
suchten meine Augen immer gleich in der Höhe. Was kümmert mich jetzt der Flieger?
Immer muß ich zu diesem grauen, unsagbaren Ding hinüberschauen, das eine Kirche und
ein Rathaus und die schmucke Front eines städtischen Platzes war."
Von der Flucht der letzten Bewohner von Ipern erzählt der Brief eines
englischen Offiziers, den die „Times" veröffentlicht hat: „Am Sonnabend und Sonntag
den 17. und 18. April 1915 brachten die Deutschen schwere Artillerie in Stellung
und beschossen die Stadt mit unerhörter Heftigkeit. In dem Maße, wie die Beschießung
zunahm, und 17 zöllige Granaten in immer größerer Zahl auf die Straßen und Ge
bäude der einst so lieblichen Stadt niedergingen, wurde es immer klarer, daß die einzige
Rettung in sofortiger Flucht lag. Am 23. und 24. April verließen deshalb auch die noch
übrig gebliebenen 12000 Einwohner den Ort in der Richtung auf Poperinghe.