Volltext: Der Völkerkrieg Band 3 (3 / 1915)

D i e Kämpfe zwischen Maas und Mosel 
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Leben, aber schwer verletzt. Die Franzosen waren schon in der Stellung, und erst dann 
kroch Sauer eine noch 200 Meter lange Strecke zurück und brachte die traurige 
Meldung." 
„Plötzlich dehnte sich das feindliche Artilleriefeuer auch aus unseren Grabenabschnitt 
aus," fährt Dr. Goldfeld in seinem Bericht fort, „vor allem auf die Punkte, wo die 
Geschütze und Maschinengewehre eingebaut waren. Gegen fünf Uhr begann auch auf 
unsere Stellung der Sturm, nachdem er weiter links auf der Höhe — dem rasenden 
Gewehr- und Maschinengewehrfeuer nach zu urteilen — bereits seit längerer Zeit im Gange 
war. Wie Ameisengewimmel brach es plötzlich aus dem feindlichen Graben hervor, in tiefen 
Kolonnen, sechs oder sieben Staffeln hintereinander, stürmte der Gegner an. Bei uns 
bleibt alles totenstill. Näher kommen die feindlichen Massen, man unterscheidet die einzelnen 
Figuren der Offiziere, der Trompeter. Plötzlich aus unserer Linie ein paar scharfe, abgehackte 
Kommandos — und wie rasend, wie ein ausgezogenes Uhrwerk, rattern die Maschinen 
gewehre los, auf der ganzen Front donnern die mit Kartätschen geladenen Geschütze, 
die direkt im Schützengraben eingebaut sind, knattert das Schnellfeuer der Schützen, — 
während von hinter uns her, dicht über uns hin, mit herrlichem, wildem Heulen die 
Granaten dahinfegen, eine nach der anderen, und dann sieben, acht aus einmal, und 
mit dicken schwarzen Wolken und tiefem Rollen in den Menschenknäueln vor uns zer 
bersten, Tod und Vernichtung um sich streuend. Die Batterien in Harville sind es, die 
der dicke, gemütliche, alte Artilleriehauptmann, der freundliche Gastgeber unseres 
Faschingsfestes vom Vorabend kommandiert. Ihn küssen, ihm um den Hals fallen, 
hätte ein jeder von uns in diesem Moment wollen, jedesmal, wenn seine wilden Gra 
naten brausend, pfeifend, heulend, fauchend über unsere Köpfe dahinbrannten, mit un 
heimlicher Genauigkeit und Direktheit in ihr Ziel hineinsegten.... 
Der feindliche Angriff brach an unserem Drahtverhau zusammen, wie von eisernen 
Riesensäusten ausgehalten und gleich einem Federballe zurückgeschleudert. Aber das 
Artilleriefeuer ging ununterbrochen weiter von beiden Seiten. So kam der Abend und 
die Nacht. Und, wenn es überhaupt noch möglich war, ward das Schwergeschützfeuer 
noch heftiger, noch wilder. Jeden Augenblick konnte ein neuer Sturmangriff erfolgen, 
eine Aufklärung war gebieterisch notwendig. 
Um 11 Uhr verließ ich mit zwei Mann, die sich freiwillig gemeldet hatten, den 
Schützengraben und ging aus Schleichpatrouille gegen die feindliche Stellung vor. ... 
Es war ein grandioses Bild, das sich der Patrouille bot, als sie etwa in der Mitte 
zwischen den beiden Stellungen vorläufig in Stellung ging, d. h. der Länge nach auf 
dem Bauche liegend, regungslos lauschte. Links blitzten ununterbrochen die Mündungs 
feuer der schweren Geschütze aus; jedes platzende Schrapnell war ein Feuerblitz am 
Himmel! Ueber die Köpfe der Patrouillenmannschaft hinweg brausten feindliche und 
freundliche Granaten, die Erde bebte ständig, die Luft war ganz erfüllt mit Brausen 
und Tosen. Und von vorn und von rückwärts kamen die elektrischen Scheinwerfer und 
glitten lautlos, wie gespenstige Riesenfinger, fahl und weiß am schwarzen Himmel dahin 
und hoben da und dort ein Stück Gelände, eine Bodenwellung, einen Grabenabschnitt 
aus dem Dunkel hervor, scharf wie mit Messern aus der Nacht herausgeschnitten. Dann 
wieder gingen die Lichtkegel der Scheinwerfer auf ihrer eigenen Bahn zurück, wurden 
kürzer und kürzer und gingen hinter dem Horizont schlafen. Dann war es ganz dunkel, 
und im schwarzen Nebel schienen Gestalten zu schleichen, fremd und drohend. Dann 
wieder sausten lautlos die Leuchtkugeln vor uns steil in die Höhe, schwammen still am 
Firmament dahin, milchiges, silbernes Licht verbreitend — bis das große Dunkel, das 
wie erstaunt vor ihnen gewichen war, wieder von allen Seiten auf sie eindrang, sie 
packte und samt ihrem Silberglanze verschlang.
	        
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