D i e Kämpfe zwischen Maas und Mosel
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Leben, aber schwer verletzt. Die Franzosen waren schon in der Stellung, und erst dann
kroch Sauer eine noch 200 Meter lange Strecke zurück und brachte die traurige
Meldung."
„Plötzlich dehnte sich das feindliche Artilleriefeuer auch aus unseren Grabenabschnitt
aus," fährt Dr. Goldfeld in seinem Bericht fort, „vor allem auf die Punkte, wo die
Geschütze und Maschinengewehre eingebaut waren. Gegen fünf Uhr begann auch auf
unsere Stellung der Sturm, nachdem er weiter links auf der Höhe — dem rasenden
Gewehr- und Maschinengewehrfeuer nach zu urteilen — bereits seit längerer Zeit im Gange
war. Wie Ameisengewimmel brach es plötzlich aus dem feindlichen Graben hervor, in tiefen
Kolonnen, sechs oder sieben Staffeln hintereinander, stürmte der Gegner an. Bei uns
bleibt alles totenstill. Näher kommen die feindlichen Massen, man unterscheidet die einzelnen
Figuren der Offiziere, der Trompeter. Plötzlich aus unserer Linie ein paar scharfe, abgehackte
Kommandos — und wie rasend, wie ein ausgezogenes Uhrwerk, rattern die Maschinen
gewehre los, auf der ganzen Front donnern die mit Kartätschen geladenen Geschütze,
die direkt im Schützengraben eingebaut sind, knattert das Schnellfeuer der Schützen, —
während von hinter uns her, dicht über uns hin, mit herrlichem, wildem Heulen die
Granaten dahinfegen, eine nach der anderen, und dann sieben, acht aus einmal, und
mit dicken schwarzen Wolken und tiefem Rollen in den Menschenknäueln vor uns zer
bersten, Tod und Vernichtung um sich streuend. Die Batterien in Harville sind es, die
der dicke, gemütliche, alte Artilleriehauptmann, der freundliche Gastgeber unseres
Faschingsfestes vom Vorabend kommandiert. Ihn küssen, ihm um den Hals fallen,
hätte ein jeder von uns in diesem Moment wollen, jedesmal, wenn seine wilden Gra
naten brausend, pfeifend, heulend, fauchend über unsere Köpfe dahinbrannten, mit un
heimlicher Genauigkeit und Direktheit in ihr Ziel hineinsegten....
Der feindliche Angriff brach an unserem Drahtverhau zusammen, wie von eisernen
Riesensäusten ausgehalten und gleich einem Federballe zurückgeschleudert. Aber das
Artilleriefeuer ging ununterbrochen weiter von beiden Seiten. So kam der Abend und
die Nacht. Und, wenn es überhaupt noch möglich war, ward das Schwergeschützfeuer
noch heftiger, noch wilder. Jeden Augenblick konnte ein neuer Sturmangriff erfolgen,
eine Aufklärung war gebieterisch notwendig.
Um 11 Uhr verließ ich mit zwei Mann, die sich freiwillig gemeldet hatten, den
Schützengraben und ging aus Schleichpatrouille gegen die feindliche Stellung vor. ...
Es war ein grandioses Bild, das sich der Patrouille bot, als sie etwa in der Mitte
zwischen den beiden Stellungen vorläufig in Stellung ging, d. h. der Länge nach auf
dem Bauche liegend, regungslos lauschte. Links blitzten ununterbrochen die Mündungs
feuer der schweren Geschütze aus; jedes platzende Schrapnell war ein Feuerblitz am
Himmel! Ueber die Köpfe der Patrouillenmannschaft hinweg brausten feindliche und
freundliche Granaten, die Erde bebte ständig, die Luft war ganz erfüllt mit Brausen
und Tosen. Und von vorn und von rückwärts kamen die elektrischen Scheinwerfer und
glitten lautlos, wie gespenstige Riesenfinger, fahl und weiß am schwarzen Himmel dahin
und hoben da und dort ein Stück Gelände, eine Bodenwellung, einen Grabenabschnitt
aus dem Dunkel hervor, scharf wie mit Messern aus der Nacht herausgeschnitten. Dann
wieder gingen die Lichtkegel der Scheinwerfer auf ihrer eigenen Bahn zurück, wurden
kürzer und kürzer und gingen hinter dem Horizont schlafen. Dann war es ganz dunkel,
und im schwarzen Nebel schienen Gestalten zu schleichen, fremd und drohend. Dann
wieder sausten lautlos die Leuchtkugeln vor uns steil in die Höhe, schwammen still am
Firmament dahin, milchiges, silbernes Licht verbreitend — bis das große Dunkel, das
wie erstaunt vor ihnen gewichen war, wieder von allen Seiten auf sie eindrang, sie
packte und samt ihrem Silberglanze verschlang.