Vom russischen Volk
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Verbannung „aller Ostseeprooinzler mit deutschen Namen" nach den sibirischen Berg
werken, während der nicht minder brave Purischkewitsch neulich anempfohlen hat, „alle
Deutschen, Finnen und Juden Rußlands ohne Unterschied in Alter und Stellung zum
Bau von strategischen Bahnen und Straßen hinauszujagen". Und diese gedruckten Worte
scheinen sich nach und nach zu deutlichen Taten zu verdichten: die mir zugegangenen
Berichte meiner russischen Gewährsmänner verzeichnen während der ersten drei Dezember
wochen nicht weniger als 27 Judenpogrome in Russisch-Polen, den westrusfl-
schen Provinzen und dem Kiewer Generalgouvernement; daß solche binnen kurzem in
Witebsk, Kiew, Odessa, Winnitza, Kischinew und anderen Orten bevorstehen, sollen die
betreffenden Gouverneure bereits amtlich nach Petersburg mitgeteilt haben — ob um
den Minister von ihrer Arbeitswilligkeit zu überzeugen, lasse ich dahingestellt sein."
Der einzige Mann in Finnland, der noch den Hebelgriffen der russischen Behörden
wirksam entgegentrat, der Bezirksrichter und frühere Präsident des finnländischen Abgeord
netenhauses, Svinhusoud, ist „auf administrativem Wege" für die Dauer des Krieges nach
dem sibirischen Gouvernement Tomsk abgeschoben worden; und dasselbe Schicksal traf
42 baltische Rittergutsbesitzer russischer Staatsangehörigkeit. Das Programm des russi
schen Generalgouverneurs bedeutet das Ende auch jener letzten kümmerlichen Reste fin
nischer Selbständigkeit, die die öffentliche Meinung der gesamten zivilisierten Welt bisher
noch dem schwergeprüften Volk bewahrt hatte.
Auch den Polen hatte man goldene Berge versprochen. Nach dem ersten Wieder
einrücken in Polen fühlten sich die Russen jedoch schon wieder in so sicherem Besitz des
Landes, daß sie ein wahres Schreckensregiment unter der Bevölkerung einrichteten.
Darüber sowie über die Vorkommnisse in der Ukraine und im Kaukasus soll später,
wenn sicherere Nachrichten vorliegen, ausführlicher berichtet werden.
„Der akademischen Jugend," schreibt Max Theodor Behrmann weiter, „dieser
ersten Phalanx russischer Volksaufstände, glaubt man diesmal sicher zu sein, seitdem das
Anfang Dezember 1914 zur Ausführung gelangte neue Gesetz sämtliche Studenten Ruß
lands ohne weiteres den Kriegsschulen überwiesen hat — weniger um dem zur äußersten
Gefahr gewordenen Osfiziersmangel abzuhelfen, als um die jungen Brauseköpfe damit
in die Zwangsjacke zu stecken. Auch die Arbeiterschaft scheint keine sonderliche
Angst einzuflößen: sie verblutet jetzt als Opfer nikolaitischer Zarenschwäche und niko-
laitischer Throngelüste auf den polnischen und galizischen Schlachtfeldern. Der Bauer,
sagt man sich dort ferner, hat seine Jugend nach den Kriegsschauplätzen entsandt, der
Städter seine Söhne und jungen Brüder. Wer, fragt selbstgefällig der betreßte Tschi-
nownik, soll jetzt die Aufruhrfahne schwingen?"
Sonst geht das Leben, abgesehen von der durch Wucher und Organisationsmängel
hervorgerufenen Teuerung, unverändert seinen Gang. Theater, Konzerte, Restaurants
und erst recht die Kinos sind überall voll. „Nitschewo", sagt der Russe einfach, und
mit diesem Nitschewo — Es tut nichts! — setzt er sich über alles leichtherzig hinweg.
Auch über den Krieg, der dort unten in Polen tobt, wo Hunderttausende verbluten.
Nur daß die Verbündeten so fern bleiben, England so egoistisch und Frankreich
so klein und schwach ist, gibt bisweilen zu denken. Zwar sagt oder schreibt das niemand
öffentlich, aber das Gefühl der Isolierung Rußlands von Europa und die Ueberzeugung,
daß das große eigentliche Gewicht des Krieges ganz allein aus Rußland laste, wird nach
einem Petersburger Brief des „Giornale d'Jtalia" immer allgemeiner.
Das ist die Oberfläche, in den unteren Schichten sieht es ganz anders aus. Unendlich
viel Arbeitslose gibt es. Das Alkoholverbot ist zwar von allerbester Wirkung, Trunken
heit und Kriminalität sind zweifellos zurückgegangen; da aber alle Angestellten der vielen
Brauereien, Restaurants, Kneipen, die ihren Betrieb eingestellt haben, brotlos wurden.