Volltext: Der Völkerkrieg Band 3 (3 / 1915)

Vom russischen Volk 
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Verbannung „aller Ostseeprooinzler mit deutschen Namen" nach den sibirischen Berg 
werken, während der nicht minder brave Purischkewitsch neulich anempfohlen hat, „alle 
Deutschen, Finnen und Juden Rußlands ohne Unterschied in Alter und Stellung zum 
Bau von strategischen Bahnen und Straßen hinauszujagen". Und diese gedruckten Worte 
scheinen sich nach und nach zu deutlichen Taten zu verdichten: die mir zugegangenen 
Berichte meiner russischen Gewährsmänner verzeichnen während der ersten drei Dezember 
wochen nicht weniger als 27 Judenpogrome in Russisch-Polen, den westrusfl- 
schen Provinzen und dem Kiewer Generalgouvernement; daß solche binnen kurzem in 
Witebsk, Kiew, Odessa, Winnitza, Kischinew und anderen Orten bevorstehen, sollen die 
betreffenden Gouverneure bereits amtlich nach Petersburg mitgeteilt haben — ob um 
den Minister von ihrer Arbeitswilligkeit zu überzeugen, lasse ich dahingestellt sein." 
Der einzige Mann in Finnland, der noch den Hebelgriffen der russischen Behörden 
wirksam entgegentrat, der Bezirksrichter und frühere Präsident des finnländischen Abgeord 
netenhauses, Svinhusoud, ist „auf administrativem Wege" für die Dauer des Krieges nach 
dem sibirischen Gouvernement Tomsk abgeschoben worden; und dasselbe Schicksal traf 
42 baltische Rittergutsbesitzer russischer Staatsangehörigkeit. Das Programm des russi 
schen Generalgouverneurs bedeutet das Ende auch jener letzten kümmerlichen Reste fin 
nischer Selbständigkeit, die die öffentliche Meinung der gesamten zivilisierten Welt bisher 
noch dem schwergeprüften Volk bewahrt hatte. 
Auch den Polen hatte man goldene Berge versprochen. Nach dem ersten Wieder 
einrücken in Polen fühlten sich die Russen jedoch schon wieder in so sicherem Besitz des 
Landes, daß sie ein wahres Schreckensregiment unter der Bevölkerung einrichteten. 
Darüber sowie über die Vorkommnisse in der Ukraine und im Kaukasus soll später, 
wenn sicherere Nachrichten vorliegen, ausführlicher berichtet werden. 
„Der akademischen Jugend," schreibt Max Theodor Behrmann weiter, „dieser 
ersten Phalanx russischer Volksaufstände, glaubt man diesmal sicher zu sein, seitdem das 
Anfang Dezember 1914 zur Ausführung gelangte neue Gesetz sämtliche Studenten Ruß 
lands ohne weiteres den Kriegsschulen überwiesen hat — weniger um dem zur äußersten 
Gefahr gewordenen Osfiziersmangel abzuhelfen, als um die jungen Brauseköpfe damit 
in die Zwangsjacke zu stecken. Auch die Arbeiterschaft scheint keine sonderliche 
Angst einzuflößen: sie verblutet jetzt als Opfer nikolaitischer Zarenschwäche und niko- 
laitischer Throngelüste auf den polnischen und galizischen Schlachtfeldern. Der Bauer, 
sagt man sich dort ferner, hat seine Jugend nach den Kriegsschauplätzen entsandt, der 
Städter seine Söhne und jungen Brüder. Wer, fragt selbstgefällig der betreßte Tschi- 
nownik, soll jetzt die Aufruhrfahne schwingen?" 
Sonst geht das Leben, abgesehen von der durch Wucher und Organisationsmängel 
hervorgerufenen Teuerung, unverändert seinen Gang. Theater, Konzerte, Restaurants 
und erst recht die Kinos sind überall voll. „Nitschewo", sagt der Russe einfach, und 
mit diesem Nitschewo — Es tut nichts! — setzt er sich über alles leichtherzig hinweg. 
Auch über den Krieg, der dort unten in Polen tobt, wo Hunderttausende verbluten. 
Nur daß die Verbündeten so fern bleiben, England so egoistisch und Frankreich 
so klein und schwach ist, gibt bisweilen zu denken. Zwar sagt oder schreibt das niemand 
öffentlich, aber das Gefühl der Isolierung Rußlands von Europa und die Ueberzeugung, 
daß das große eigentliche Gewicht des Krieges ganz allein aus Rußland laste, wird nach 
einem Petersburger Brief des „Giornale d'Jtalia" immer allgemeiner. 
Das ist die Oberfläche, in den unteren Schichten sieht es ganz anders aus. Unendlich 
viel Arbeitslose gibt es. Das Alkoholverbot ist zwar von allerbester Wirkung, Trunken 
heit und Kriminalität sind zweifellos zurückgegangen; da aber alle Angestellten der vielen 
Brauereien, Restaurants, Kneipen, die ihren Betrieb eingestellt haben, brotlos wurden.
	        
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