132 Die russischen Kriegsschauplätze bis zur Winterschlacht in Masuren
metermarsch, genau 62, aber das kriegen wir noch fertig. Das erste Bataillon
toitb auf den Friedhof angesetzt, das zweite auf den Ostteil der Stadt, das dritte
ist nicht anwesend.
Das zweite Bataillon schwenkt links ab, macht einen Bogen rechts um die Stadt
herum, während aus den vorgeschobenen Häusern die ersten Schüsse fallen. Sie werden
nicht erwidert. Die Kompagnien marschieren auf, eine schwache Schützenlinie voran
geht es in geschlossener Kolonne in die Stadt. Jetzt krachen die Schüsse aus allen Fen
stern, von allen Dächern. Vom Kirchturm herab knackt ein Maschinengewehr. Immer
in die geschlossenen Kolonnen. Das Feuer wird nicht erwidert. Unsere Gewehre sind
entladen. Mit der blanken Waffe gehen wir euch zu Leibe. Es ist uns nicht mehr zum
Knallen zu Mute...
Die fünfte Kompagnie kann nicht vorwärts. Vorn ballt es sich schon um die ersten
Häuser. Ruhe, ihr Leute; in der Nacht treffen die Kugeln nicht so oft. Vorwärts da vorn!
Luft gemacht, wir sind auch noch da! Weiter, weiter! Endlich schiebt sich der Knäuel vor
wärts, man kommt in die Straßen, in die Häuser. Hände hoch! Die Taschenlämpchen
leuchten in die Winkel, die Stiegen hinauf, in den Keller hinab. Hier fliegen die Arme
zum Himmel, schon vor dem Zuruf, da kracht ein Schuß. Das Bajonett fährt wie ein
kurzer Blitz durch den niedrigen Raum; die Läufe prallen zusammen, ein Kolben saust
herab als letztes Wort. Wer nicht hören kann, muß fühlen. Wir sind lange genug ge
laufen, haben nicht Lust, bis zum hellen Morgen mit leerem Magen uns herumzuschlagen.
Aber es sind zu viel Häuser in der Straße, zu viel Räume in den Häusern. Das
Bataillon muß jetzt herumgreifen, den Südteil des Ortes nehmen. Das andere Bataillon
hat alle Hände voll mit dem Kirchhof zu tun. Im Süden des Städtchens sind sie zäher.
Die Kugeln fliegen wie Hagel. Hier fällt einer, es kommt eine Stockung, einen. Augen
blick scheint es, als erlahmte der Kampf. Aber er darf nicht erlahmen, nicht eher, als
bis der letzte Russe gefangen, der Ort ganz in unseren Händen ist. Es wird jetzt auch
auf unserer Seite gefeuert, gelegentlich nur. Die Schützen auf den Dächern und in den
Dachluken machen sich zu unangenehm bemerkbar. „Nur nicht ins Blaue schießen, ihr
Leute! Gib mal die Flinte her. Siehst du den Kerl da neben dem Schornstein — gegen
den Feuerschein von Eydtkuhnen? Paß mal auf!" Jetzt nicht daneben, alter Jäger...
der Oberleutnant zieht den Kolben an die Wange und läßt die Kugel fliegen. Alle
Leute in seiner Umgebung blicken nach dem Schornstein hinüber. Der Russe fällt im
Feuer; wie ein Sack voll Rüben rollt er das Dach herab und schlägt schwer aus die
Straße. Gleich geht es vorwärts. Der Schuß hat gewirkt..."
Die Russen flohen; wie deutsche Kavallerie sie verfolgte, schildert ein Reiter
offizier in der „Kölnischen Zeitung": „War das ein fröhliches Jagen, nie im Leben ver
gesse ich die Tage in Masuren, wo wir dreinhauen konnten wie das liebe Donnerwetter,
und wo die verd... Kosaken vor deutschen Reiterfäusten wohl Respekt bekommen haben.
Allerdings war's in den ersten fünf Schlachttagen nicht so recht nach unserm Geschmack,
denn da mußten wir, mit dem Karabiner in der Faust, Schulter an Schulter mit der
Infanterie zu Fuß kämpfen, bis die Russen, die inzwischen fast umzingelt waren, zu
Weichen anfingen. Jetzt kamen auch wir erst zu unserer eigentlichen Geltung, und hoch zu
Roß ging es auf den Feind. Unsere Gäule, die es einige Tage lang gut gehabt hatten,
griffen wie die Teufel aus, und in schlankem Trab ritten wir dahin. Ueber uns zischten
und heulten unsere Schrapnells und Granaten, die dem weichenden Feind gehörig ein
heizten und ihn immer mehr in sein Verderben trieben. Wir waren an den linken Flügel
beordert und trafen zu guter Stunde dort ein, Men, als eine russische Kavalleriedivision
zum Angriff vorging. Von uns war genug Kavallerie da, und wir hätten gar nicht mit
zumachen brauchen, doch welcher echte Reiter läßt sich eine so glänzende Gelegenheit, dem