D i e Kämpfe in Ostpreußen
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Aus der Winterschlacht an den Masurischen Seen
Vom 10.-18. Februar 1915
Den monatelangen, andauernden Positionskämpfen, die an die Nervenkraft unserer
Truppen fo große Anforderungen gestellt 'hatten, wollte die deutsche Heeresleitung durch
eine gründlich vorbereitete und tatkräftig durchgeführte Operation ein Ende bereiten.
Auch der Alpdruck der rufsischen Okkupation, der durch lange Monate auf dem schwer
geprüften ostpreußischen Lande lastete, mußte beseitigt werden. Diese Offensive der deut
schen Armeen kam dem russischen Generalstab völlig unerwartet, da er selbst durch seine,
in der letzten Zeit häufigeren Angriffe auf die deutschen Verteidigungsstellungen bei der
Angerapp-Linie und der masurischen Seenplatte deutlichst offensive Absichten gezeigt
hatte. „Aber Paul von Hindenburg," schreibt die „Wiener Freie Presse", „kennt jeden
Steg im Gewirre der Masurischen Seen und wollte dort vollziehen, was Graf Moltke
und Graf Schliessen das höchste Gebot des Feldherrn nannten, die Vernichtung des
Feindes. Dreimal hat er das vollbracht, bei Tannenberg, dann im Siege über die
Wilna-Armee und in der neuntägigen masurischen Winterschlacht. Die Wilna-Armee
unter dem russischen General von Rennenkampf konnte nach den schwersten Verlusten
noch einige Trümmer bergen. In der Sommerschlacht bei Tannenberg ist der Feind zer
stäubt, an der Masurischen Seenplatte ein russisches Heer zerschmettert worden."
Aus den zahlreichen Berichten über die einzelnen Operationen, Märsche und Kämpfe
der gewaltigen Schlacht, deren Entwicklung und Ausgang zusammenfassend in den Mit
teilungen des Großen Hauptquartiers dargestellt sind (vgl. S. 122 f.), seien einzelne be
sonders charakteristische Schilderungen herausgegriffen.
Zunächst ein im „Berliner Tageblatt" veröffentlichter Feldpostbrief des Dichters Ernst
von Wolzogen, der als Hauptmann einer Landsturmkompagnie an den entscheidenden
Kämpfen zwar nicht beteiligt war, aber doch erfolgreich mitwirkte und die ungeheuere
Spannung, die alle erfüllte, lebhaft mitempfand. Er schreibt u. a.: „Nun ist sie also ge
schlagen, die herrliche Befreiungsschlacht, die Winterfchlacht an den masurischen Seen,
wie sie offiziell getauft worden ist. Seit den ersten Tagen des Februar ahnten wir
bereits, daß ein großer Schlag vorbereitet werde. Die Feldpost stockte, und dann kam der
Befehl, durch starke Patrouillen gewaltsam die Stellungen und die Stärke der feindlichen
Vorposten aufzuklären.
Wir lagen „in Ruhestellung" in einem kläglich zerschossenen Kirchdorf, das so häufig
als Kugelfang gedient hatte für die Granaten, die unseren Schützengräben vom Feind
zugedacht gewesen waren. In den letzten Tagen vor dem 10. Februar 1915 hatten sich die'
Russen noch ganz besonders munter und scharfäugig evwiesen. Denn sobald am Morgen
des 9. Februar ein Zug meiner Kompagnie, den ich auf die Landstraße geschickt hatte, um
die gewaltigen Schneewehen zu beseitigen, sich an die Arbeit gemacht hatte, flogen auch
schon Schrapnells und Granaten zu ihm herüber. Wir machten natürlich, daß wir fort
kamen. Schon nach wenigen Schüssen hatten die Kerle da drüben die richtige Entfernung
und ein Hagel von Geschossen ergoß sich, allmählich weitergreifend, über das Dorf. Eine
Granate schlug kaum zehn Schritt links von mir dicht neben dem Straßengraben ein. Der
baumlange Vizefeldwebel, der an meiner Seite ging, warf sich platt in den Schnee, ich
stolperte über ihn weg lang hin -— und das war wohl unser Glück; denn wir kamen mit
einem Sturzbad von gefrorenen Erdschollen und dem Schrecken davon. Fast eine Stunde
lang dauerte dann noch dieses höchst ungemütliche Verfolgungsfeuer, ohne jedoch wunder
barerweise irgendwelchen Schaden anzurichten. Am Abend erfuhren wir, daß am Mor
gen des 10. Februar der allgemeine Vorstoß unserer Truppen beginnen sollte. Unsere
brave Artillerie, die leichte wie die schwere, die in den langen Wochen, während deren
wir in den Schützengräben gelegen hatten, nur hin und wieder eine streng vorgeschriebene
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