126 Die russischen Kriegsschauplätze bis zur Winterschlacht in Masuren
Gefangennahme von 300 Russen geendet hatte, überbracht werden. Indessen verkündeten
die Feuerbrände am nächtlichen Himmel, daß die Russen rückgängige Bewegungen ein
geleitet hatten, bei denen sie bekanntlich die Ortschaften, die sie hinter sich lassen, den
Flammen übergeben. Am Morgen des 14. Februar wurde der Kampf um die Seenengen
bei Lyck so lange fortgesetzt, bis diese vom Feinde geräumt waren. S. Majestät nahm
schon am Morgen, diesmal östlich Grabnik, Aufstellung. Auf Russisch sprach er Gefangene
an und erkundigte sich nach deren näherer Heimat. Auf die Meldung, daß Lyck genommen
sei, eilte der Kaiser nach dieser Stadt vor, in die gerade die siegreichen Truppen
(hanseatische und mecklenburgische Landwehr sowie die 33er Füsiliere) von Westen her
einmarschierten. Während diese Truppen an ihrem Kaiser vorbeizogen, betraten auch
von Süden her deutsche Soldaten die befreite Stadt. Es waren die Truppen der Generale
v. Falck und v. Buttlar. Die Stadt Lyck war mit durchziehenden und sich sammelnden
Truppen aller Waffen angefüllt; deutsche Soldaten waren noch beschäftigt, die Häuser
nach versprengten Russen abzusuchen und schwarz^weiß-rote Fahnen zum Zeichen des
Sieges auszuhängen, als auf dem Marktplatz S. Majestät eintraf, um dessen Person sich
die Truppen formierten. Als der Kaiser den Kraftwagen verließ, wurde er mit drei
donnernden Hurras begrüßt. Die Soldaten umringten und umjubelten ihn und stimm
ten dann die Lieder „Heil Dir im Siegerkranz" und „Deutschland, Deutschland über
Alles" an. Es war eine tiefergreifende welthistorische Szene. Die Größe des Augenblicks
kam allen zum Bewußtsein, die Truppe schien alle ausgehaltenen Strapazen gänzlich
vergessen zu haben. Hinter den Reihen der um ihren Kaiser gescharten Soldaten standen
hunderte von russischen Gefangenen mit ihrem phantastischen vielgestalteten Kopf
bedeckungen und ebenso verschiedenen Gesichtszügen, die Völkerstämme ganz Asiens
repräsentierend. Der Kaiser kommandierte nun „Stillgestanden" und hielt eine, kurze,
markige Ansprache an seine lautlos ihn umstehenden Soldaten. Hinter dem Kaiser ragte
als Ruine die ziegelrote, im Ordensstil erbaute Kirche auf, deren mächtiger Kirchturm
völlig ausgebrannt und deren Dachstuhl zerstört war. Die Häuserreihen rechts und links
S. Majestät waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt, verkohlende Balken ragten
gen Himmel. Inmitten dieses Bildes der Zerstörung war nur eines erhalten geblieben:
das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Feldzugs 1870/71, geschmückt mit dem
Friedensengel und dem Eisernen Kreuz.
Nachdem der Kaiser seine Ansprache beendet hatte, zog er noch verschiedene mit dem
Eisernen Kreuz 1. Klasse geschmückte Offiziere ins Gespräch. Dann richtete er aner
kennende Worte an das Füsilier-Regiment Nr. 33, ein ostpreußisches Regiment, das sich
in diesem Krieg ganz besonders ausgezeichnet und auch schon große Verluste erlitten hat.
Zwischen den Häuserreihen der zerschossenen Stadt mit ihren ausgeplünderten Läden
hindurch eilend, fuhr dann S. Majestät noch nach Sybba weiter, wo er Teile seines Hom
merschen Grenadier-Regiments begrüßte, auf welche Ansprache der Kommandeur Graf
Rantzau dankend erwiderte. Die verfolgenden Truppen gelangten an diesem Tag noch
über Lyck hinaus. Am 15. Februar 1915 war kein Russe mehr auf deutschem
Boden. Ostpreußen war vom Feinde befreit.
Aus den Kämpfen der Grenzschutztruppen
Im November 1914 standen mehrere starke russische Armeekorps bereit, um erneut in
O st Preußen einzufallen. Aus taktischen Gründen war die deutsche Heeresverwaltung
damals genötigt, an bestimmten Grenzstellen ihre Truppen zurückzunehmen. Dabei sind
Lyck und Marggrabowa wiederum von den Russen besetzt worden. Besonders fühlbar
wurde die russische Offensive als sie versuchte, auf der Strecke Eydtkuhnen in der Richtung