Full text: Johannes Bünderlin von Linz und seine Stellung zu den Wiedertäufern

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Leibes, das aber hilft nichts, wenn du im Tempel des Herzens 
mit Gott nicht versöhnt bist. Du enthältst dich solcher Dinge, 
welche den Menschen nicht verunreinigen, aber durch obscöne 
Reden befleckst du dein und anderer Gewissen. Deinem Körper 
wird die Speise entzogen und deine Seele wälzt sich im Schlamme 
der Schweine. Du schmückst die steinerne Kirche und verehrst 
heilige Orte, was nützt es, wenn der Tempel deines Herzens mit 
'egyptischen Verwünschungen entweiht wird? Aeusserlich feierst 
du den Sabbath, innerlich ist alles deiner Laster voll. Mit dem 
Munde segnest du, mit dem Herzen fluchst du. Du hörst das 
Wort Gottes mit leiblichen Ohren, höre es lieber mit geistigen. 
Was nützt es, schlechte Handlungen nicht zu begehen, die du 
zu begehen wünschest? Was nützt es, äusserlich Gutes zu thun, 
wenn es deiner Gesinnung widerspricht? Es ist nichts Grosses, 
mit den Füssen des Körpers die Fussstapfen Christi zu berühren, 
aber das Grösste ist, mit dem Gemüth ihm zu folgen. Sorge 
dafür, dich wegen deiner Handlungen vor Gott zu rechtfertigen. 
Du glaubst vielleicht, dass durch Wachskerzen oder durch eine 
Summe Geldes oder durch eine kleine Reise deine Sünden auf ein¬ 
mal ausgetilgt werden, du irrst aber gänzlich, innen ist die Wunde 
empfangen, innerlich muss die Arzney angewendet werden." 
Auf verwandtem Boden wie Erasmus und viele andere 
Humanisten steht Luther, wenigstens im Beginn seines Auf¬ 
tretens: Die Lehre von der Freiheit des Evangeliums kann nicht 
anders verstanden werden, als dass jeder das Recht und die 
Fähigkeit habe, sich die heilige Schrift selbst auszulegen, und 
dass es deshalb nicht auf den Buchstaben, ja selbst nicht auf 
den Sinn der Schrift, der, der individuellen Auslegung unter¬ 
worfen, ein wechselnder sein könne, ankomme, sondern dass die 
fromme Gesinnung das Wesen des Glaubens sei. 
Die vollen Consequenzen aus den Ansichten, dass die 
Religion lediglich Herzenssache sei und dass sie keiner Offen¬ 
barung, keiner Gnadenmittel, keiner Ceremonien und keines 
Priesterthums bedürfe, hat jedoch Luther nicht zu ziehen gewagt. 
Insbesondere aber als er die Erfahrung machen musste, dass sein 
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